Essay:Die Erfindung der Jahrzehnte

Lesepfad · Geschichte · 8 Werke
Epochenporträt


Jahrzehnte beginnen selten pünktlich und enden noch seltener nach zehn Jahren. Trotzdem erinnern wir uns an die Siebziger, Achtziger und Neunziger, als hätten sie jeweils einen eigenen Klang, eine Farbe und eine Weltanschauung besessen. Dieser Essay nennt acht Bücher, an denen sichtbar wird, wie aus Zeit eine Epoche wird. Es ist keine Rangliste. Ein Verfasser steht nur mit einem Buch. Die Frage ist nicht, ob die goldenen Zwanziger, die bleiernen Jahre oder die Nullerjahre „stimmt“. Die Frage ist, wie solche Blöcke überhaupt erkennbar werden.

Die Nachbarschaft sind die Essays zu den Büchern, die eine Epoche benannt haben, zu den Zeitdiagnosen nach 1989 und zu 1968. Hier zählt nicht der Name Renaissance oder Risiko, nicht die Diagnose der Gegenwart und nicht die Quelle der Revolte. Hier zählt das rückblickende Porträt: wie Popkultur, Alltag, ein Schwellenjahr oder ein kurzes Jahrhundert aus widersprüchlicher Vergangenheit eine scheinbar eindeutige Erinnerung machen.

Illies hat 2012 ein einzelnes Jahr als Salon montiert: Atelier, Brief, Skandal, die Gegenwartsform, in der Kafka an Felice schreibt und der Krieg noch nicht im Kalender steht. Das Buch beweist, dass nicht nur das Jahrzehnt eine Epoche tragen kann. Zwölf Monate reichen, wenn die Gleichzeitigkeit die These ist. Gegen den Kalenderblock der Dekade setzt es das Mosaik. Wer Jahrzehnte als Natur nimmt, hat diesen Sommer nicht gelesen, in dem die Moderne schon bei sich war, bevor die Kanonen sie anders erinnerten.

Siegfried hat 2006 die langen sechziger Jahre auf 1958 bis 1973 gelegt: Beat, Twen, Waldeck, Essener Songtage, Wohngemeinschaft – Konsum und Politik als derselbe Umbau. Die Habilitation sprengt den Kalender, den Balzer später als Dekade erzählt. 1968 ist Verdichtung, nicht Ursprung. Wer die Erfindung der Jahrzehnte nur als Feuilleton kennt, hat hier den wissenschaftlichen Vorlauf: die Zeit war auf Seiten der Jugend, aber nicht vom 1. Januar bis zum 31. Dezember.

Balzer hat 2019 die Siebziger als Entfesselung von Lebensformen geschrieben und das Format begründet, das die Reihe bis 2009 tragen wird. Disco neben RAF, Landkommune neben Kraftwerk: Popkultur ist nicht Begleitmusik, sie ist der Seismograf. Ein Balzer, ein Buch; die späteren Bände stehen im Lesepfad der Porträts. Hier zählt der Anfang: ein Journalist macht aus einem Jahrzehnt einen Charakter und behauptet, gesellschaftliche Veränderungen seien zuerst hörbar.

Felsch hat 2015 dreißig Jahre als eine Jahreszeit erzählt: 1960 bis 1990, Theorie als Lebensform, Suhrkamp als Adresse. Der Sommer ist lang, weil er kein Zehnjahresblock ist. Gegen Balzers Dekade setzt er die Haltung des Lesens, gegen Sarasins Schwellenjahr die Dauer einer Szene. Wer Jahrzehnte für die natürliche Einheit der Nachkriegsgeschichte hält, trifft hier auf eine Epoche, die sich über drei Kalenderdekaden streckt und trotzdem als eine erinnert wird.

Sarasin hat 2021 ein Jahr zur Schwelle gemacht: RAF, Punk, Disco, Menschenrechte, Apple II, der Zerfall des Allgemeinen. Die Nekrologe gliedern, die Quellen bleiben zeitgenössisch, die Gegenwart soll schon 1977 enthalten sein. Gegen das Jahrzehnt setzt es das Datum. Die Kritik nennt den Kunstgriff zirkulär; die Form bleibt der schärfste Einwand gegen jede Dekadengeschichte, die tut, als begänne die Zeit am Nullerjahr.

Bösch hat 2019 dasselbe Verfahren global gewendet: Iran, Thatcher, China, Harrisburg, Bootsflüchtlinge, Grüne, Afghanistan in einem Jahr. 1989 ist nicht mehr der einzige Schnitt. Gegen Sarasins epistemischen Riss setzt es die verflochtene Politik, gegen Balzers westdeutschen Klang die Weltgeschichte. Wer die Erfindung der Jahrzehnte nur als Pop kennt, hat 1979 nicht gelesen: Gleichzeitigkeit, die keine Dekade braucht und trotzdem eine Wende heißt.

Klosterman hat 2022 die Frage zum ersten Satz gemacht. Die amerikanischen Neunziger begannen mit Nirvanas Nevermind, nicht am 1. Januar 1990, und endeten am 11. September 2001. Ironie, Gleichgültigkeit, das Gedächtnis, das uns einen Streich spielt: das Buch ist Balzer am nächsten und widerspricht ihm methodisch am härtesten. Eine deutsche Ausgabe fehlt; der Originaltitel bleibt. Wer Jahrzehnte für Kalender hält, hat Klosterman gegen sich.

Hobsbawm hat 1994 das kurze 20. Jahrhundert auf 1914 bis 1991 gelegt: Katastrophe, goldenes Zeitalter, Erdrutsch. Der Titel hat das Jahrhundert öffentlich gemacht und die Dekade relativiert. Gegen Illies’ Sommer, Sarasins Jahr und Balzers Zehnjahresblock setzt es achtzig Jahre als eine Epoche. Wer seither vom kurzen Jahrhundert spricht, spricht Hobsbawm, auch gegen ihn. Andere haben länger gezählt; dieser Name ist geblieben.

Was diese acht zusammenhalten

Sommer, Sattelzeit, Dekade, langer Sommer, Schwellenjahr, Zeitenwende, Gefühl, kurzes Jahrhundert: Epochen sind Vorschläge, die Bücher durchsetzen. Popkultur ist in diesem Pfad nicht die Begleitmusik der Geschichte. Sie ist ein Seismograf, manchmal ein Labor. Der kritische Satz bleibt: Wessen Jahrzehnt wird erzählt? Die westdeutsch-angloamerikanischen Neunziger der Freiheit waren anderswo eine andere Zeit. Das gehört in den deutschsprachigen Lesepfad und später in die internationalen Gegenporträts. Hier bleibt die Behauptung, dass wir Jahrzehnte nicht vorfinden. Wir erfinden sie, rückblickend, aus Klang, Streit und gemeinsamer Erinnerung.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler sind willkommen.

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