Essay:Der Literaturstreit 1990
Der Literaturstreit von 1990 war keine Stilfrage. Er war der Versuch der westdeutschen Öffentlichkeit, nach dem Ende der DDR zu entscheiden, welche Stimme aus dem anderen Staat noch gelten durfte – und welche als Gesinnungsprosa nachträglich zu entlarven sei. Dieser Essay nennt acht Bücher, die hinter dieser Debatte stehen: der Anlass, die DDR-Literatur, an der gemessen wurde, das westdeutsche Gegenüber, der Essay, der den Streit 1993 nach rechts kippte. Es ist keine Rangliste. Ein Verfasser steht nur mit einem Buch.
Die Nachbarschaft sind die Essays zu den Zeitdiagnosen nach 1989 und zur Zensur in der Bundesrepublik. Hier zählt nicht das Verbot, sondern das Feuilleton, das nach dem Staat die Literaturgerichtsbarkeit behielt.
Wolf hat 1979 geschrieben und 1990 bei Luchterhand veröffentlicht: einen Tag unter Beobachtung, die Sprache, die sich selbst misstrauisch wird, das Auto vor der Tür. Ulrich Greiner sprach in der Zeit von Gesinnungsästhetik, Frank Schirrmacher in der FAZ von einem Literaturstreit, der die moralische Instanz der DDR-Autoren absetzen sollte. Der Vorwurf traf die Veröffentlichung nach dem Fall der Mauer härter als die Sätze von 1979. Nachdenken über Christa T., Kindheitsmuster, Kassandra und Kein Ort. Nirgends bleiben die anderen Bücher desselben Namens; hier zählt nur, was den Streit auslöste. Die IM „Margarete“, später aus den Akten lesbar, hat den Text nicht ersetzt; sie hat ihn mit einer zweiten Biographie belastet, die der Streit oft für die ganze hielt.
Plenzdorf hat 1972 den Lehrling Edgar Wibeau mit Goethes Werther zusammengeschlossen: Jeans, Tonband, der Innenraum einer DDR, die den jungen Mann nicht braucht und ihn doch als Fortschritt verbucht. Das Stück und das Buch waren ein öffentlicher Erfolg im Osten, weil sie den Staat in der Sprache der Jugend trafen, ohne ihn zu stürzen. 1990 wurde derselbe Text zur Probe: War das Subversion oder Ventil? Wer Plenzdorf nur als Pop der siebziger Jahre kennt, unterschlägt, dass der Literaturstreit eine Literatur voraussetzte, die im Land gelesen wurde, nicht nur im Westen bewundert. Die neuen Leiden sind diese Voraussetzung in einem Band.
Becker hat 1969 den Ghetto-Roman geschrieben, in dem Jakob Heym eine Radioerfindung aufrechterhält, damit die Hoffnung nicht stirbt. Es ist DDR-Literatur, die den Nationalsozialismus erzählt, ohne den eigenen Staat zu preisen. Im Streit von 1990 zählte solche Prosa wenig, weil sie nicht in das Schema von Staatsschriftsteller und Opposition passte. Becker war schon im Westen, als Wolf angegriffen wurde; das Buch bleibt das östliche Gegenstück zur westdeutschen Pflicht, Auschwitz zu erzählen, ohne denselben Betrieb. Wer Jakob nur als verfilmte Anekdote kennt, hat die Lüge nicht gelesen, die hier humaner ist als die Wahrheit der Behörde.
Lenz hat 1968 die Pflicht als Dorfarbeit erzählt, nicht als Prozess in Nürnberg. Siggi Jepsen schreibt in der Anstalt über die Freuden der Pflicht und kommt nicht zu Ende. Der Roman steht hier als das westdeutsche Gegenstück, an dem der Streit die DDR-Literatur maß: Wer so über den Vater schreiben durfte, ohne einen Staat zu stützen, galt als frei. Wolf galt als gebunden. Die Ungleichheit der Maßstäbe war der Kern der Debatte, nicht die Frage, ob Lenz der bessere Erzähler sei. Die Deutschstunde ist die westdeutsche Selbstgewissheit in Form eines Schulaufsatzes, der kein Ende findet.
Grass hat 1959 die deutsche Schuld trommeln lassen, bevor es eine DDR-Literatur im westdeutschen Kanon gab. Oskar wächst nicht; Danzig wird zum Bauch der Geschichte. 1990 sprach derselbe Autor gegen die Einheit, und Ein weites Feld hat den Streit 1995 noch einmal auf Fonty und den Treuhandalltag verschoben. Hier steht nur die Trommel, weil der Literaturstreit eine Hierarchie voraussetzte: Wer Auschwitz erzählt hatte, durfte richten. Wer in der DDR geblieben war, wurde gerichtet. Hundejahre bleiben Nachbar. Ein Verfasser, ein Buch.
Walser hat 1978 am Bodensee zwei Paare aufeinandertreffen lassen, bis die westdeutsche Selbstgewissheit kippt. Helmut Halm will unbeobachtet bleiben; Klaus Buch zwingt ihn zum Leben, das als Sport und Wahrheit auftritt. Das Buch ist keine Wendeprosa. Es ist der westdeutsche Innenraum, den dasselbe Feuilleton als Literaturbetrieb kannte, das 1990 über Wolf zu Gericht saß. Walser wurde später selbst zum Fall, in der Friedenspreisrede und in Tod eines Kritikers. 1990 war er noch der Autor, dessen Kränkung nicht Staat hieß, sondern Bewusstsein. Die Novelle trägt diese Lage, ohne sie zu nennen.
Strauß hat am 8. Februar 1993 im Spiegel denselben Streit von der anderen Seite weitergeschrieben: gegen die geschwätzige Liberalität, für Opfer, Ritus, die tragische Dichte, die die Republik verlernt habe. Später stand der Text in Die selbstbewußte Nation. Der Essay gehört hierher, weil er zeigt, dass der Literaturstreit nicht mit Wolfs Akten endete. Er kippte in eine Kulturkritik, die den Westen selbst für zu aufgeklärt hielt. Rechte Publizisten nahmen ihn als Lizenz; die Gegenkritik las einen Übertritt. Beides hat die Sätze oft nicht mehr gelesen. Groß und klein bleibt das Theater desselben Namens; hier zählt nur der Bocksgesang.
Schlink hat 1995 die Liebe des Schülers zu Hanna als Schuldgeschichte der zweiten Generation erzählt: vorlesen, Analphabetismus, das Lager, der Prozess. Das Buch gehört an den Rand des Streits von 1990, weil es die westdeutsche Antwort auf die Frage nach dem Bleiben war – nicht im anderen Staat, sondern in der Familie, die nicht gefragt hat. Der internationale Erfolg hat aus einem deutschen Problem einen Weltroman gemacht. Im Feuilleton stand er oft als Versöhnung, die zu glatt sei. Hier steht er, weil der Literaturstreit eine Moral verlangte und Schlink ihr eine Handlung gab, die das Seminar und der Markt zugleich nahmen.
Was diese acht zusammenhalten
Ein Tag unter Beobachtung, der Lehrling, die Ghettolüge, die Pflicht am Deich, die Trommel, der Bodensee, der Bocksgesang, das Vorlesen: der Literaturstreit hat 1990 nicht über Stil entschieden, sondern über Zuständigkeit. Das Feuilleton – Greiner, Schirrmacher – machte aus einer Erzählung eine Gerichtsszene; die IM „Margarete“ lieferte später die Akte, die viele für den ganzen Text nahmen. Brokoff hat den Streit seither als philologische Konstellation rekonstruiert, nicht als Sieg einer Seite. Hilbigs Ich, Brussigs Helden wie wir, Heins Der fremde Freund fehlen als eigene Abschnitte. Die Lücken sind benannt. Hier bleibt die Frage, ob eine Literatur, die unter Beobachtung entstand, nur als Akte oder auch als Satz zu lesen ist.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.






