Nachdenken über Christa T.
| Das Werk | |
|---|---|
| Deutscher Titel: | Nachdenken über Christa T. |
| Autor(en): | Christa Wolf |
| Originaltitel: | Nachdenken über Christa T. |
| Originalsprache: | deutsch |
| Erstveröffentlichung: | 1968 |
| Schlagwörter: | Freundschaft, Individuum, DDR, Nachlass |
| Sachgebiete: | Roman |
| Greifbare Ausgabe | |
| Verlag: | Suhrkamp
|
| Umfang dieser Ausgabe: | 218 Seiten |
| ISBN: | 9783518459133 |
| Verweise | |
Nachdenken über Christa T. ist der Roman von Christa Wolf, 1968 im Mitteldeutschen Verlag in Halle erschienen, im Westen bald darauf bei Luchterhand. Eine Erzählerin sitzt über den Papieren einer früh verstorbenen Freundin und versucht, ein Leben zu fassen, das sich der nützlichen Biographie verweigert hat. Die Vorlage ist Wolfs Schul- und Studienfreundin Christa Tabbert, 1963 an einer Blutkrankheit gestorben; der Text macht daraus keine Schlüsselgeschichte, sondern eine Prüfung: ob man in der sozialistischen Gesellschaft ein Ich haben darf, das nicht aufgeht. Die Zensur ließ eine kleine Auflage zu, weil Bekenntnisse zum Sozialismus im Buch stehen; die Leserschaft las die andere Schicht.
Inhalt
Die Erzählerin und Christa T. begegnen sich 1943 in der Schule, zwei Fahrstunden von Berlin, in einem Krieg, der noch Treue zu Hitler verlangt. 1945 verlieren sie sich; 1952 treffen sie sich in Leipzig wieder, beim Pädagogikstudium, zwischen Gorki, Makarenko und den Luftschlössern einer Generation, die den Sozialismus bauen und sich selbst nicht verraten will. Christa T. gilt als wirklichkeitsfremd. Sie liest Dostojewski, schreibt, läuft unruhig fort und kommt zurück. Die Stelle des Vaters, Dorfschullehrer, übernimmt sie nicht. Die Erzählerin kennt sie als Trompetenspielerin, als jemand, der sich das Recht nimmt, nach eigenen Gesetzen zu leben, und zugleich weiß, dass dieses Recht in ihrer Gesellschaft verdächtig ist.
1954 endet das Studium. Christa T. heiratet den Tierarzt Justus, bekommt Kinder, fährt mit ihm über Land, sammelt Geschichten der Bauern für Skizzen um den See. Das Paar bleibt auf dem Land und baut ein Haus auf einer Anhöhe, für DDR-Verhältnisse eine Kraftanstrengung ohne Beziehungen. Bauen ist hier kein Wohlstand, sondern der Versuch, einen Ort zu haben, an dem das Ich nicht nur Funktion ist. Die Ehe trägt; einmal ein Seitensprung, den Justus mit einer weiteren Schwangerschaft beantwortet. Die Krankheit sitzt schon im Text, lange bevor sie einen Namen hat: Prednison, Leukämie, das dritte Kind im Herbst 1962, der Tod im Februar darauf. Die Erzählerin war nicht am Krankenbett. Sie hat die Zettel.
Aus Tagebüchern, Briefen, Entwürfen setzt sie ein Leben zusammen, das sich jeder glatten Linie entzieht. Zitate aus dem Nachlass stehen kursiv im Fluss; die Erzählerin zweifelt, ob sie das Recht hat, aus Kritzeleien einen vorzeigbaren Text zu machen, und ob nicht nützlichere Lebensläufe wichtiger wären. Sie bleibt dabei, weil Christa T. nie für immer angekommen ist und weil ihr Lachen nicht zu beschreiben war. Vorgriffe auf den Tod durchziehen den Band von früh an. Tatsachen, so eine Fundstelle in den Papieren, sind Spuren, die Ereignisse im Innern hinterlassen – ein Satz, den der materialistisch geschulte Leser von 1968 nicht als Schulweisheit abhaken konnte. Der Roman endet nicht mit einer Moral, sondern mit einem offenen Nachdenken: Wer nachdenkt, denkt hinterher, würdigt, und weiß, dass die Würdigung die Tote nicht zurückholt.
Einordnung
Wolf hat nach dem 11. Plenum einen Text geschrieben, der den sozialistischen Realismus nicht von außen angreift, sondern von innen aufweicht: Parteinahme für die Gesellschaft, in der sie lebt, und zugleich die Behauptung eines Menschen, der sich nicht zum Chor stimmen lässt. In der DDR war die kleine Auflage selbst ein Politikum; im Westen las man gern, Christa T. sterbe an der DDR, obwohl sie an Leukämie stirbt und ihr Haus in diesem Staat baut. Beides hat der Text verdient und beides verkürzt ihn. Die Erzählerin ist die zweite Hauptfigur, oft übersehen: Sie prüft ihr eigenes Recht, zu erzählen, und macht aus Freundschaft eine Form, die Kapitel und Linie meidet.
Gegenüber dem späteren Kein Ort. Nirgends ist Nachdenken über Christa T. die biographische Arbeit, aus der die choralischen Stimmen erst folgen. Luchterhand trug den Band im Westen; die Suhrkamp-Taschenbuchausgabe hält die 218 Seiten, die einer Dekade DDR-Prosa den Ton verschoben haben. Wer Wolf nur über die Akten nach 1990 liest, hat dieses Buch nicht gehört: Hier wird noch nicht abgerechnet, hier wird einer Toten nachgedacht, als wäre Nachdenken eine sittliche Pflicht gegen die nützliche Lebensbeschreibung. Die Formel „Wann, wenn nicht jetzt“ gehört in diesen Zusammenhang – nicht als Slogan, sondern als Angst, das Ich zu versäumen, während die Zeit den Chor verlangt.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.
