Tod eines Kritikers

Martin Walser · 2002 · Roman


Das Werk
Deutscher Titel: Tod eines Kritikers
Autor(en): Martin Walser
Originaltitel: Tod eines Kritikers
Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 2002
Schlagwörter: Literaturbetrieb, Kritik, Schlüsselroman, Skandal
Sachgebiete: Roman
Greifbare Ausgabe
Verlag: Suhrkamp


Umfang dieser Ausgabe: 218 Seiten
ISBN: 9783518413784
Verweise


Tod eines Kritikers ist der Roman von Martin Walser, 2002 bei Suhrkamp erschienen, noch bevor das Buch im Handel lag eine öffentliche Sache. Ein Schriftsteller gilt als Mörder eines Starkritikers; die Erzählung spielt mit dem Verdacht, ohne ihn zu einem gewöhnlichen Kriminalfall zu machen. Walser hat den Literaturbetrieb als Machtverhältnis gezeichnet, in dem eine Fernsehsendung über Leben und Tod eines Buches entscheidet. Der Name des Kritikers, André Ehrl-König, zitiert den Erlkönig und trifft den Mann, den alle erkannten: Marcel Reich-Ranicki. Der Band stand wochenlang auf dem ersten Platz der Bestsellerlisten; gelesen wurde er oft als Beweisstück, selten als Roman.

Inhalt

Michael Landolf erzählt, um den Schriftsteller Hans Lach zu entlasten. Lach ist festgenommen worden, nachdem der Kritiker André Ehrl-König nach einer Fernsehsendung verschwunden ist, in der Lachs Buch Wunsch, Verbrecher zu sein öffentlich zerrissen wurde. Lach hat sich selbst beschuldigt und in Mordphantasien gesteigert; er sitzt in der Psychiatrie. Landolf spricht mit dem Kommissar Wedekind, mit Freunden und Feinden des Kritikers, mit der Verlegergattin Julia Pelz-Pilgrim, und sammelt Stimmen, die Ehrl-König als Großkaspar des Betriebs zeigen: nicht als Leser, der urteilt, sondern als Mann, der Autoren vor der Kamera vernichtet und dabei selbst erscheint. Die Sendung heißt SPRECHSTUNDE; wer eingeladen wird, weiß, dass er vorgeführt werden kann.

Je genauer Landolf nachfragt, desto klarer wird, dass der Kritiker nicht tot ist. Ehrl-König hat die Nacht genutzt, um mit einer jungen Autorin zu verschwinden, und die Öffentlichkeit hat den Auftritt in einen Mord verwandelt, weil sie den Mord wollte: als Pointe, als Moral, als Stoff. Professor Silberfuchs und der Gelehrte Rainer Heiner Henkel liefern Porträts, in denen der Kritiker als heimatlose, kettenrauchende, eitle Figur erscheint, die sich Namen zulegt und Macht genießt. Landolf beginnt eine Affäre mit Julia, liest Lachs Buch gegen die Akten und merkt, dass die Recherche ihn nicht nach außen führt. Der Kreis schließt sich, ohne dass eine Leiche gefunden werden muss.

Am Ende fällt die Maske der Erzählung: Michael Landolf und Hans Lach sind dieselbe Person. Der Entlastungstext ist ein Selbstgespräch des Beschuldigten, eine Ringkomposition, die Anfang und Schluss ineinanderlegt. Der Roman gibt den Kriminalfall zurück an die Literatur. Wer tot zu sein schien, lebt; wer ermitteln wollte, hat sich selbst erzählt. Die Frage, ob Lach den Kritiker hätte töten können, bleibt als Phantasie stehen, nicht als Tat. Walser hat daraus keine Lösung gemacht, sondern eine Falle: Der Leser, der den Schlüssel sucht, wird zum Teilnehmer des Betriebs, den das Buch verspottet.

Einordnung

Noch vor der Auslieferung schrieb Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen offenen Brief an Walser und verweigerte den Vorabdruck: Das Buch sei eine Abrechnung mit Reich-Ranicki, sein Thema der Mord an einem Juden. Die Debatte überholte den Text. Ruth Klüger warf Walser vor, einen Kritiker als jüdisches Scheusal gezeichnet zu haben; andere lasen antisemitische Klischees in Gestik, Namen und Heimatlosigkeit Ehrl-Königs. Walser bestritt die Lesart und bestand darauf, er habe die Macht im Literaturbetrieb erzählt, nicht den Juden. Suhrkamp veröffentlichte nach internen Streitigkeiten eine geglättete Fassung; Walser verließ den Verlag später in Richtung Rowohlt. Der Roman wurde zum Fall, an dem sich zeigte, wie sehr die Bundesrepublik nach 1998 – nach Walsers Friedenspreisrede – über Erinnerung, Kritik und Kränkung stritt.

Als Buch bleibt Tod eines Kritikers ein Schlüsselroman, der seine Vorbilder nicht versteckt: Ehrl-König für Reich-Ranicki und das Literarische Quartett, andere Figuren für Joachim Kaiser, Walter Jens, Jürgen Habermas. Die postmoderne Krimifarce, die Identitäten tauscht und den Erzähler verdoppelt, trägt die Last dieser Entzifferung. Wer den Band nur als Beleidigung liest, lässt die Komposition links liegen; wer die Komposition rettet, ohne die Verletzung zu nennen, tut so, als wäre der Skandal ein Missverständnis der Zeitung. Beides gehört zusammen. Der Roman hat den Betrieb getroffen, weil er ihn kannte, und er hat eine Debatte ausgelöst, die größer war als seine Sätze.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler sind willkommen.

Roman entdecken