Kein Ort. Nirgends

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Christa Wolf · 1979 · Roman
Das Werk
Deutscher Titel: Kein Ort. Nirgends
Autor(en): Christa Wolf
Originaltitel: Kein Ort. Nirgends
Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1979
Schlagwörter: Kleist, Günderrode, Außenseiter, Gespräch
Sachgebiete: Roman
Greifbare Ausgabe
Verlag: Suhrkamp


Umfang dieser Ausgabe: 110 Seiten
ISBN: 9783518459140
Verweise
Umschlag

Kein Ort. Nirgends ist eine 1979 gleichzeitig bei Luchterhand im Westen und bei Aufbau in der DDR erschienene Erzählung von Christa Wolf. Sie versetzt Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode in eine Teegesellschaft am Rhein im Juni 1804, die es so nicht gegeben hat, und lässt die beiden einen Nachmittag lang reden, als hätten sie einander gefunden. Der Titel nimmt die Utopie beim Wort: u-topos, kein Ort. Für beide gibt es in ihrer Zeit keinen Platz, an dem sie leben könnten, ohne sich zu verraten. Wolf schrieb den Text nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns, als die Debatte um den Künstler im Sozialismus die DDR-Literatur spaltete. Die historische Ferne ist keine Verkleidung, sondern eine genaue Analogie.

Inhalt

Der Frankfurter Kaufmann Joseph Merten lädt in Winkel am Rhein zu Tee und Unterhaltung. Unter den Gästen sind die Brentanos: Clemens mit Sophie Mereau, Kunigunde mit dem Juristen Friedrich Carl von Savigny, dazu Bettina und ihre Freundin Karoline von Günderrode. Kleist kommt in Begleitung des Mainzer Arztes Georg Wedekind, der ihn nach einem Zusammenbruch auf der Rückreise aus Paris gepflegt hat. Die Gesellschaft redet, wie Gesellschaften reden: über Heirat, Stand, Verse, den Rhein. Kleist und Günderrode spüren, dass sie in diesem Kreis fremd sind. Savigny war Karolines erste große Neigung und hat Kunigunde geheiratet; Clemens hat Karoline umworben und ist abgewiesen worden; sie fühlt sich als Dichterin von den Männern nicht für voll genommen. Kleist hat die inoffizielle Verlobung mit Wilhelmine von Zenge gelöst, Manuskripte verbrannt und keinen Beruf gefunden, der ihn ernährt, ohne ihn zu demütigen.

Die beiden lösen sich von den anderen und gehen am Fluss. Das Gespräch ist ohne Anführungszeichen gesetzt, Dialog und innerer Monolog gehen ineinander über, die Stimmen wechseln, ohne dass ein Erzähler schlichtet. Sie sprechen über das Geschlecht, das jeden in seinem Käfig hält, über die Berührung, nach der es sie verlangt und die es nicht gibt, über die barbarischen Triebe hinter den Kulissen der gesitteten Natur. Günderrode trägt einen Dolch bei sich; der Text lässt den späteren Tod beider – sie 1806, er 1811 – als Wissen mitlaufen, ohne ihn auszuspielen. Kleist zählt die Staaten auf, die er kennt, und findet keinen, dessen Verhältnisse seinen Bedürfnissen entsprächen. Die Erleichterung, die Hoffnung auf eine irdische Existenz aufzugeben, ist bitter und klar: unliebbares Leben. Kein Ort, nirgends.

Die übrigen Gäste bleiben Kulisse und Maßstab. Was bei ihnen Konversation ist, wird bei den beiden Prüfung: ob man leben kann, ohne zu verraten, was man als wahr erkannt hat. Wolf mischt äußere Handlung und Vorausdeutung so, dass der Nachmittag zugleich ein ganzes Leben fasst. Die Günderrode erkennt in Kleists Radikalismus etwas, das sie teilt und das sie fürchtet. Er trifft in ihr zum ersten Mal eine Frau, die auf die Hebel hinter den Kulissen zeigt. Sie entfernen sich voneinander, und der Text lässt offen, wohin. Die Fiktion des Zusammentreffens steht auf historischen Briefen und Lebensspuren; die Begegnung selbst ist erfunden, die Ausweglosigkeit nicht.

Einordnung

Wolf hat nach Biermanns Ausbürgerung 1976 einen Text geschrieben, der den sozialistischen Realismus meidet, ohne die Gegenwart zu nennen. Die Enge des Jahres 1804 – Konvention, Zensur des Geschlechts, die Unmöglichkeit eines Berufs, der dem Schreiben Raum ließe – liest sich als Lage der Schriftstellerin in der DDR, die den Staat nicht verlassen und ihn nicht mehr preisen wollte. Die fließende Form, der Verzicht auf Kapitel, der Wechsel der inneren Stimmen sind selbst eine Absage an die Linie, die Handlung und Moral sauber trennen sollte. Gleichzeitig ist das Buch keine Schlüsselgeschichte: Kleist und Günderrode bleiben sie selbst, zwei historische Außenseiter, deren Scheitern dokumentiert ist. Wolf hat im selben Jahr Günderrodes Texte herausgegeben; die Erzählung ist die andere Hälfte dieser Arbeit, die Stimme neben den Zeugnissen.

Gegenüber Wolfs früherem Nachdenken über Christa T. ist Kein Ort. Nirgends knapper und choralischer: weniger Biographie, mehr Zwiegespräch. Die Nachwelt hat den Band oft als Frauenbuch oder als Kleist-Hommage gelesen und dabei die Härte des Titels unterschätzt. Es gibt keine Rettung durch die Kunst und keine durch die Liebe; es gibt nur die genaue Benennung des Fehlens. Wer Wolf später in Kassandra den Mythos umbauen sah, findet hier schon die Methode: eine historische Stimme leihen, damit die eigene Zeit hörbar wird, ohne dass sie als These auf dem Tisch liegt. Die Suhrkamp-Taschenbuchausgabe hält den schmalen Umfang; die Dichte braucht ihn.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.