Essay:Der neue Geist des Kapitalismus
Um 2010 war die neue Arbeit noch kein Abstieg und noch keine Plattform. Sie war Projekt, Flexibilität, Beschleunigung, ein Charakter, der keine Erzählung mehr fand, eine Demokratie, die als Spektakel weiterlief. Die Finanzkrise von 2008 hatte den Seminaren den Anlass gegeben; die Bücher, die sie lasen, waren oft älter: 1998, 1999, 2003, 2005. Dieser Essay nennt acht Bücher. Es ist keine Rangliste. Ein Verfasser steht nur mit einem Buch. Nachtweys Abstiegsgesellschaft und Fishers kapitalistischer Realismus gehören schon in den Pfad nach 2010, nicht hierher.
Die Nachbarschaft ist der Essay zu den Diagnosen nach 1989, der bei Beck und Castells die Schwelle setzt, und der Überblick von 2026, in dem Singularität und Überwachungskapital die Nachfolge angetreten haben. 2010 hieß die Diagnose noch Geist, Charakter, Tempo.
Boltanski und Chiapello haben 1999 gezeigt, wie der Kapitalismus die Künstlerkritik der siebziger Jahre einsog: Autonomie, Kreativität, das Projekt als Tugend, Unsicherheit als Bewährung. Die deutsche Ausgabe von 2003 war um 2010 das schwere Buch der soziologischen Hauptseminare. Es liefert die Rechtfertigung, nicht die Stimmung. Ohne die Managementliteratur, die Chiapello gelesen hat, wäre der neue Geist eine Kulturkritik ohne Beleg.
Sennett hat 1998 denselben Zwang als Biographie erzählt. Rico kann dem Sohn nicht mehr sagen, worin ein Leben besteht, weil jede Stelle die vorige entwertet. Seminare um 2010 lasen das Buch neben Boltanski als die erzählende Hälfte: hier das Gesicht, dort das Handbuch. Flexibilität erscheint als Freiheit und zersetzt Bindung, Handwerk, die Dauer, aus der Charakter entsteht. Die amerikanische Prosa hat in deutschen Seminaren nicht gestört. Sie hat den Befund anschaulich gemacht.
Rosa hat 2005 die Zeitstruktur geliefert, die Sennett erzählt und Boltanski rechtfertigt: Die Moderne hält sich nur noch im Steigern, sonst stürzt die Ordnung. Um 2010 war Resonanz noch nicht das Gegenwort; das kam 2016. Seminare der Soziologie und der politischen Theorie lasen die Habilitation als Organon der Hetze. Der Band ist länger und härter als die späteren, kürzeren Bücher. Genau das hat ihm im Hauptseminar genutzt.
Crouch hat 2004 den Namen gegeben, unter dem Demokratie hohl wurde: Wahlen finden statt, Rechte gelten, Konzerne setzen die Agenda, Bürger werden Publikum. Um 2010, nach der Krise, traf die Diagnose härter als in den Jahren, in denen das Buch entstand. Politische Seminare hielten es neben Fukuyamas Ende als die Entleerung derselben Ordnung. Der Titel wurde zum Kampfbegriff; die Empirie blieb westeuropäisch und trotzdem brauchbar.
Bauman hat 2000 die Bindungen als Flüssigkeit beschrieben: nichts soll dauern, alles soll verfügbar bleiben, die Angst wandert mit. Seminare um 2010 zitierten den Band oft, weil er kurz und anschlussfähig war, zwischen Sennett und Crouch. Die Formel hat dem Buch genutzt und geschadet. Die flüchtige Moderne erklärt zu viel und trifft doch die Lage, in der Projekt und Flexibilität als Schicksal erscheinen.
Han hat 2010, im Jahr selbst, die Erschöpfung zur Diagnose gemacht: nicht die Disziplinargesellschaft des Verbots, die Leistungsgesellschaft des Könnens, die an sich selbst erkrankt. Das schmale Buch lag sofort in kulturwissenschaftlichen Apparaten, oft neben Foucault, oft als Feuilleton. Seminare nahmen es, weil es den neuen Geist in einem Affekt zusammenzog. Die spätere Kritik an der Glätte ändert nicht, dass 2010 dieser Text das Jahr benannte.
Castells hat 1996 die Morphologie geliefert, die Boltanskis Projekt voraussetzt: Flüsse gegen Orte, Ausschließung als Abschaltung. Um 2010 war das Buch schon älter und in den Diagnosen nach 1989 zu Hause. Hier steht es, weil Seminare der neuen Arbeit das Netz nicht erst als Plattform, sondern als soziale Form lasen. Empirisch schwerer als die meisten Diagnosen, darum langlebiger.
Sloterdijk hat 2009 die Übung zur Anthropologie gemacht: der Mensch als Wesen, das sich selbst hervorbringt, Askese, Training, die Vertikale. Deutsche Seminare um 2010 hielten den Band, weil er den neuen Geist von der anderen Seite las – nicht als Ausbeutung, sondern als Anthropotechnik. Die Feier der Übung hat provoziert. Neben Bröcklings unternehmerischem Selbst ist es die philosophische Überhöhung derselben Zumutung, sich zu führen.
Was diese acht zusammenhalten
Rechtfertigung, Charakter, Tempo, Spektakel, Flüssigkeit, Müdigkeit, Netz, Übung: um 2010 war der Kapitalismus in den Seminaren eine moralische und zeitliche Form, noch nicht die Plattform und noch nicht die Abstiegsgesellschaft. Der Pfad nach 2010 hat Reckwitz, Nachtwey, Streeck und Fisher nachgelegt. 2010 reichte der neue Geist, wenn man Sennett, Rosa und Crouch danebenlegte. Die Krise hatte den Anlass gegeben. Die Bücher waren schon da.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.







