Der neue Geist des Kapitalismus

Luc Boltanski, Ève Chiapello · 1999 · Sachbuch, Soziologie


Das Werk
Deutscher Titel: Der neue Geist des Kapitalismus
Autor(en): Luc Boltanski, Ève Chiapello
Originaltitel: Le nouvel esprit du capitalisme
Originalsprache: französisch
Erstveröffentlichung: 1999
Schlagwörter: Kapitalismus, Rechtfertigung, Projekt, Kritik
Sachgebiete: Sachbuch, Soziologie
Greifbare Ausgabe
Verlag: UVK
Erscheinungsort: Le nouvel esprit du capitalisme
Umfang dieser Ausgabe: 735 Seiten
ISBN: 9783896699916
Verweise


Der neue Geist des Kapitalismus ist das 1999 in Paris erschienene Buch von Luc Boltanski und Ève Chiapello. Die deutsche Ausgabe von 2003 bei UVK macht 735 Seiten. Es fragt, wie der Kapitalismus nach 1968 eine neue Rechtfertigung fand, als die alte – Pflicht, Hierarchie, Laufbahn – moralisch verbraucht war.

Inhalt

Ein Geist des Kapitalismus ist in diesem Buch keine Stimmung und keine Verschwörung. Er ist eine Rechtfertigung, die Menschen öffentlich geben können, wenn sie mitmachen: warum Gewinn legitim sein soll, welche Tugenden die Arbeit verlangt, welches Leben als gelungen gilt. Boltanski und Chiapello unterscheiden drei solche Geister. Der erste, bürgerliche, band Besitz an Familie und Pflicht. Der zweite, industrielle, band Organisation an Planung und Laufbahn. Der dritte, der neue, bindet Gewinn an Projekt, Netzwerk und Autonomie. Man ist nicht mehr Angestellter einer Laufbahn, man ist Unternehmer der eigenen Biographie. Unsicherheit erscheint darin nicht als Schaden, sondern als Bewährung.

Die Pointe sitzt in der Herkunft dieser Tugenden. Die Künstlerkritik der siebziger Jahre hatte dem Kapital vorgeworfen, er sei grau, hierarchisch, seelenlos. Genau diese Vorwürfe wurden, so die beiden, in die Sprache der Führung übersetzt: Kreativität, Authentizität, flache Hierarchie, das Projekt als Form. Chiapello liest die Managementliteratur der neunziger Jahre als moralischen Text, nicht als Technik. Was als Befreiung der Arbeit ausgegeben wird, ist eine neue Zumutung: Wer nicht mobil, begeisterungsfähig und vernetzt ist, hat die Rechtfertigung gegen sich. Die soziale Kritik – Ausbeutung, Ungleichheit, Klasse – bleibt dabei unterernährt, weil die Künstlerkritik sie verdrängt hat, ohne die Ausbeutung zu beenden.

Das Buch ist lang, empirisch in den Handbüchern, theoretisch in der Soziologie der Rechtfertigung, die Boltanski mit Laurent Thévenot entwickelt hatte. Es erzählt keine Tätergeschichte. Es zeigt, wie eine Ordnung sich die Gründe ihrer Gegner aneignet. Die Gegenposition liegt in der älteren Soziologie Pierre Bourdieus, für die Geschmack und Habitus Herrschaft bleiben, auch wo Projekt gesagt wird; und in der einfachen Ausbeutungstheorie, für die Rechtfertigung nur Ideologie ist. Boltanski und Chiapello halten beides für zu grob. Ohne die Gründe, die Menschen selbst geben, versteht man nicht, warum sie mitmachen. Ohne die Handbücher versteht man nicht, woher die Gründe stammen.

Einordnung

Die deutsche Ausgabe traf die Seminare, in denen nach der Finanzkrise von 2008 nach einem Namen für die neue Arbeit gesucht wurde. Neben Richard Sennetts Der flexible Mensch und Hartmut Rosas Beschleunigung wurde der Band zur soziologischen Adresse der Prekarität, bevor Oliver Nachtwey sie als Abstiegsgesellschaft datierte. Die Länge hat ihm in Proseminaren geschadet und in Hauptseminaren genutzt: Man konnte Kapitel setzen. Die Kritik an der Frankreichlastigkeit und an der Weite des Geist-Begriffs hat die Diagnose nicht entkräftet. Im Essay zum neuen Geist steht das Buch am Anfang der Reihe, weil es die Rechtfertigung liefert, an der Sennett, Rosa und Ulrich Bröckling anders weiterarbeiten.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.