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Die Kritik nannte die drei Interessen zu glatt, die Psychoanalyse überlastet, den Positivismus als Pappkameraden gezeichnet. Habermas hat Thesen revidiert, die Grundfigur nicht: dass Wissen nicht hinter dem Rücken der Gesellschaft geschieht. Wer nach 1968 über die Unschuld der Methode spricht, spricht hinter diesem Band. Die Suhrkamp-Ausgabe eröffnete die Reihe Taschenbuch Wissenschaft; der unwahrscheinliche Erfolg eines dichten Theoriebuchs gehört zur Wirkungsgeschichte selbst. | Die Kritik nannte die drei Interessen zu glatt, die Psychoanalyse überlastet, den Positivismus als Pappkameraden gezeichnet. Habermas hat Thesen revidiert, die Grundfigur nicht: dass Wissen nicht hinter dem Rücken der Gesellschaft geschieht. Wer nach 1968 über die Unschuld der Methode spricht, spricht hinter diesem Band. Die Suhrkamp-Ausgabe eröffnete die Reihe Taschenbuch Wissenschaft; der unwahrscheinliche Erfolg eines dichten Theoriebuchs gehört zur Wirkungsgeschichte selbst. | ||
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Aktuelle Version vom 23. August 2026, 20:43 Uhr
| Das Werk | |
|---|---|
| Deutscher Titel: | Erkenntnis und Interesse |
| Autor(en): | Jürgen Habermas
|
| Originalsprache: | deutsch |
| Erstveröffentlichung: | 1968 |
| Schlagwörter: | Erkenntnis, Interesse, Positivismus, Emanzipation |
| Sachgebiete: | Sachbuch, Philosophie |
| Greifbare Ausgabe | |
| Verlag: | Suhrkamp
|
| Umfang dieser Ausgabe: | 420 Seiten |
| ISBN: | 9783518276013 |
| Verweise | |
Erkenntnis und Interesse ist das 1968 erschienene Buch von Jürgen Habermas. Radikale Erkenntniskritik sei nur als Gesellschaftstheorie möglich: Wissen hängt an Interessen, und wer das leugnet, macht aus Wissenschaft eine Weltanschauung. Den Anlass gab der Positivismusstreit der deutschen Soziologie; die Frankfurter Antrittsvorlesung von 1965 trug denselben Titel. Habermas unterscheidet technische, praktische und emanzipatorische Erkenntnisinteressen und macht die Psychoanalyse zum Muster der Selbstreflexion. Das Buch eröffnete 1973 die Reihe Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft und wirkte weit über die Fachphilosophie hinaus. Es zählt, weil es die Unschuld der Methode bestreitet, ohne Erkenntnis der Herrschaft zu überlassen.
Inhalt
Habermas schreibt gegen den Szientismus, die Gleichsetzung von Erkenntnis mit Wissenschaft, wie sie der Positivismus betreibt. Die neuzeitliche Philosophie sei wesentlich Erkenntnistheorie gewesen und habe nach Kant dazu beigetragen, dass Wissenschaft nicht länger als eine Form möglicher Erkenntnis gilt, sondern als deren einziges Maß. Hegel habe durchschaut, dass das Erkenntnissubjekt sich nicht fertig vorfindet; Marx habe das transzendentale Bewusstsein durch die Gattung ersetzt, die unter natürlichen Bedingungen ihr Leben reproduziert. Habermas folgt beiden und wirft Marx vor, Natur auf technische Verfügung zu verengen und so eine Naturwissenschaft vom Menschen zu fordern, die selbst positivistisch gefärbt sei. Die Kritik gilt also nicht nur dem Wiener Kreis, sondern einer ganzen Linie, die Erkenntnis mit Kontrolle verwechselt.
Der Mittelteil stellt drei Erkenntnisinteressen gegeneinander. Die empirisch-analytischen Wissenschaften stehen im technischen Interesse möglicher Verfügung über Vorgänge. Die historisch-hermeneutischen Wissenschaften stehen im praktischen Interesse der Verständigung in Umgangssprache und gemeinsamen Normen; Habermas liest Wilhelm Dilthey und Charles S. Peirce gegeneinander: Peirce hält das Kollektiv der Forscher und die störbare Überzeugung fest, Dilthey den Boden der Intersubjektivität, auf dem jede Äußerung schon steht. Beide Interessen, sagt Habermas, beruhen auf einem dritten, dem emanzipatorischen: der Befreiung aus dogmatischer Abhängigkeit, die nur Selbstreflexion leistet. Das greifbare Beispiel einer Wissenschaft, die methodisch Selbstreflexion in Anspruch nimmt, ist die Psychoanalyse.
Der Schluss bleibt unsicher, und Habermas hat das fünf Jahre später im Nachwort selbst festgehalten. Die Psychoanalyse als Muster der emanzipatorischen Wissenschaft trägt die Last einer ganzen Gesellschaftstheorie; ob aus der Klinik die Kritik der Herrschaft folgt, ist die offene Stelle. Nietzsche erscheint als der, der Erkenntnisinteressen auf Macht zurückbiegt und damit die Emanzipation selbst verdächtigt. Der Ton ist schulmäßig und polemisch zugleich, geboren aus dem Positivismusstreit der deutschen Soziologie, den Adornos und Poppers Tübinger Referate 1961 entzündet hatten. Die Frankfurter Antrittsvorlesung von 1965 gab die These vor; das Buch füllt sie mit einer Geschichte der Erkenntnistheorie, die bei Comte und Mach das Ende dieser Theorie selbst diagnostiziert.
Einordnung
Das Buch hat die westdeutsche Diskussion nach 1968 weit über die Fachphilosophie hinaus bestimmt: als Absage an wertfreie Wissenschaft und als Versprechen, dass Kritik noch Erkenntnis sei. Es steht vor der Theorie des kommunikativen Handelns, die das Interesse durch die Verständigung ersetzt, und neben dem früheren Strukturwandel der Öffentlichkeit, der die bürgerliche Rede historisch fasste. Karl Poppers Logik der Forschung ist der Gegner im Positivismusstreit: Abgrenzung durch Falsifikation gegen Interesse als Bedingung von Wissen. Die drei Interessen sind das Schema, an dem sich die Aufnahme festgehakt hat, oft verdünnt zur Formel, jede Wissenschaft diene einer Partei.
Die Kritik nannte die drei Interessen zu glatt, die Psychoanalyse überlastet, den Positivismus als Pappkameraden gezeichnet. Habermas hat Thesen revidiert, die Grundfigur nicht: dass Wissen nicht hinter dem Rücken der Gesellschaft geschieht. Wer nach 1968 über die Unschuld der Methode spricht, spricht hinter diesem Band. Die Suhrkamp-Ausgabe eröffnete die Reihe Taschenbuch Wissenschaft; der unwahrscheinliche Erfolg eines dichten Theoriebuchs gehört zur Wirkungsgeschichte selbst.
Ideen
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.
