Essay:Was Seminare 2010 lasen
- Die Postmoderne in zehn Büchern
- Die Frankfurter Schule in zehn Büchern
- 1968 in zehn Büchern
- Gouvernementalität in acht Büchern
- Das kulturelle Gedächtnis in acht Büchern
- Bücher, die den Kolonialismus umschrieben
- Bücher, die die Frauenfrage zum Fach machten
- Der neue Geist des Kapitalismus
- Die Raumwende in acht Büchern
- Die ikonische Wende in acht Büchern
- Zeitdiagnosen nach 1989
- Islam in Europa: die Bücher
- Suhrkamp als Republik
- Bücher, die der Umwelt ein öffentliches Gesicht gaben
- Die Annales-Schule in zehn Büchern
Was ein Seminar im Jahr 2010 las, war noch nicht die Erde als Mitspieler und noch nicht die Plattform als Herrschaft. Es war eine Lage zwischen zwei Krisen: die Anschläge von 2001 hatten das Lager und das betrauerbare Leben auf den Tisch gelegt, die Finanzkrise von 2008 die neue Arbeit, und die Bücher, mit denen man beides las, stammten oft aus den neunziger Jahren oder aus dem ersten Jahrzehnt. Foucaults Vorlesungen zur Regierungskunst lagen gerade als Taschenbuch vor. Assmanns Unterscheidung von kommunikativem und kulturellem Gedächtnis war in den kulturwissenschaftlichen Instituten so selbstverständlich geworden, dass man sie zitierte, ohne die Grabungen zu kennen. Die Raumwende und die ikonische Wende hatten den Status einer Pflicht, mit englischen Namen im Jargon und älteren Büchern im Apparat.
Der Überblick von 2026 hat fünfzehn Pfade aus Vorlesungsverzeichnissen des Winters 2025/26 geschnitten: Anthropozän, Sorge, Restitution, epistemisches Unrecht, künstliche Autorschaft. 2010 waren diese Cluster Rand oder Zukunft. Kant und Hegel blieben, wie sie bleiben. Daneben lag eine stillschweigende Bibliothek, die das Seminar für die Gegenwart hielt, ohne sie schon so zu nennen. Dieser Essay ist kein sechzehnter Pfad durch Bücher. Er ist die Karte jener fünfzehn Wege: fünf neu geschrieben, weil sie 2010 den Kern bildeten und in der Bookpedia fehlten; zehn schon vorhandene, die damals Pflicht waren und es zum Teil geblieben sind. Aufnahme heißt nicht, dass jedes Seminar alle fünfzehn brauchte. Es heißt, dass man 2010 an ihnen nicht vorbeikam, ohne zu merken, dass man sie umgangen hatte.
Die Herkunft bleibt sichtbar. Frankfurter Schule, 1968, Postmoderne, Suhrkamp: das waren keine Erinnerungsstücke, das waren noch die Sprache, in der man widersprach. Der Unterschied zu 2026 liegt nicht darin, dass diese Reihen verschwunden wären. Er liegt darin, dass sie 2010 die Mitte hielten, während die Mitte von 2026 woanders liegt: bei der Erde, der Sorge, dem Depot, dem Gehör. Wer beide Karten kennt, sieht die Verschiebung. Wer nur eine kennt, hält sie für das Ganze.
Um 2010 war die Postmoderne in den Seminaren noch ein Streit, kein Epochenname der Vergangenheit. Lyotards Ende der großen Erzählungen, Derridas Schrift vor der Stimme, Butlers Geschlecht als Wiederholung, Habermas’ Gegenrede: das waren Apparate, nicht Museum. Man konnte ein ganzes Semester damit füllen und hatte das Gefühl, die Gegenwart zu lesen, nicht eine Schule des 20. Jahrhunderts.
Der Pfad hält diese Konstellation fest. 2026 ist sie Nachbarschaft geworden, Herkunft, gegen die sich Anthropozän und neuer Materialismus absetzen. 2010 war sie die Luft im Hörsaal. Wer nur das Wort kennt, hat den Streit nicht gelesen, in dem Habermas und Lyotard noch Gegner waren, nicht Kapitel.
Die kritische Theorie war 2010 in Frankfurt und anderswo noch das Handwerk, nicht nur das Erbe. Dialektik der Aufklärung, Minima Moralia, Strukturwandel der Öffentlichkeit: Seminare lasen das Institut als lebendige Adresse, auch wo sie Honneth und Jaeggi schon als Nachfolge führten. Die Kulturindustrie erklärte Fernsehen und Werbung; sie erklärte noch nicht die Plattform.
Der Pfad bleibt 2026 gültig, weil die Bücher nicht veraltet sind. Veraltet ist die Lage, in der sie die Mitte waren. 2010 konnte man Gesellschaftstheorie als Frankfurter Schule studieren und hatte das Zentrum getroffen. 2026 trifft man damit die Herkunft.
Vierzig Jahre danach war 1968 in den Seminaren noch nah genug, um Pflicht zu sein, und fern genug, um Geschichte zu werden. Marcuse, Debord, die Mao-Bibel als Wirkung, Foucault und Fanon in derselben Tasche: das Jahr als Lektüre, nicht als Nostalgie. Germanistik und Politikwissenschaft teilten sich die Titel, oft ohne sich zu begegnen.
Der Pfad zeigt, was 2010 noch als Gegenwart der Theorie galt. 2026 ist 1968 ein historischer Essay unter anderen. Die Verschiebung ist still: dieselben Bücher, anderer Ort im Apparat.
Das war der neue Kern, den 2026 in Infrastruktur und Plattform weitergeschrieben hat, ohne ihn zu streichen. Foucaults Vorlesung zur Geburt der Biopolitik, Bröcklings unternehmerisches Selbst, Agambens nacktes Leben, Butlers betrauerbare Leben nach 2001, Scotts lesbarer Staat: Seminare lasen eine Macht, die führt, ohne zu befehlen. Hartz, Bologna, Guantanamo und Coaching verlangten dasselbe Vokabular.
Der Pfad ist eigens für diese Lage geschrieben. 2010 endete die Linie beim Ich, das sich als Firma führt, und beim Lager. 2026 endet sie beim Kabel und bei der Spur. Die Herkunft ist dieselbe. Die Mitte hat sich verschoben.
Kein anderer Knoten hat die kulturwissenschaftlichen Institute um 2010 so organisiert. Assmanns Unterscheidung, Aleida Assmanns Räume, Halbwachs’ Rahmen, Noras Gedächtnisorte, Sebald, Benjamin, Wolf: Erinnerung war das Fachwort, mit dem man Nation, Shoah und Familie auf einen Tisch legen konnte. Man zitierte das Modell, auch wo niemand mehr Ägyptologie meinte.
Der Pfad hält diese Bibliothek fest. 2026 ist Erinnerung in Restitution, Museum und Beute gewandert, und in den Geschichtskampf um Osteuropa. 2010 war sie noch das Gedächtnis selbst, als Theorie und als Literatur. Die Assmanns waren die Adresse. Das ist keine Kleinigkeit. Es ist eine Epochendiagnose des Seminars.
Postkoloniale Theorie war 2010 in die Pflicht eingewandert, ohne schon Restitution zu heißen. Said, Spivak, Fanon, Césaire, Chakrabartys Provinz, die gerade deutsch wurde: Seminare der Literatur- und Geschichtswissenschaft lasen Herrschaft über Ferne als Wissensmacht, nicht als Verwaltungsakt des Depots. Das Museum war noch nicht der Kern. Das Archiv des Orients war es.
Der Pfad bleibt die Umschreibung. 2026 hat Sarr und Savoy denselben Streit in die Vitrine geholt. 2010 endete er beim Diskurs. Beide Enden brauchen einander. Wer nur das Depot kennt, hat Said übersprungen. Wer nur Said kennt, hat die Vitrine nicht betreten.
Geschlecht als Theorie war 2010 in den Seminaren oft ein Name für Butler, und Butler war oft das Unbehagen der Geschlechter plus der Körper von Gewicht. Die ältere Reihe – Woolf, Beauvoir, Friedan, Federici – lag daneben, manchmal als Vorgeschichte, manchmal als Pflicht. Die Verschränkung von Rasse, Klasse und Geschlecht war bekannt und noch nicht das Gerüst jedes Proseminars. Preciado war Rand.
Der Pfad hält das Fach, bevor die queere Reihe von 2026 Butler in eine längere Nachgeschichte stellt. 2010 war das Unbehagen noch der Text, an dem das Seminar hing. Die Sorge als Arbeit war da, in Federici und Woolf, ohne schon der Name des Clusters zu sein.
Die Finanzkrise hatte den Anlass gegeben; die Bücher waren älter. Boltanski und Chiapello, Sennett, Rosa, Crouch, Bauman, Han im Jahr selbst, Castells’ Netz, Sloterdijks Übung: Seminare lasen die neue Arbeit als Rechtfertigung, Charakter, Tempo, Spektakel. Abstieg und kapitalistischer Realismus kamen später. 2010 hieß die Diagnose Geist und Flexibilität.
Der Pfad ist die soziologische Mitte von 2010, die der Pfad nach 2010 abgelöst hat, ohne sie falsch zu machen. Reckwitz, Nachtwey, Streeck und Fisher haben andere Namen gegeben. Die Lage, die sie benennen, beginnt in diesen acht Büchern.
Man sagte Raumwende, oft noch mit dem englischen Namen, und meinte Lefebvre, den man auf Englisch las, Schlögels Bahnhöfe, Augés Wartehallen, Scotts Kataster, Saids imaginären Orient, das Rhizom, Bourdieus sozialen Raum. Gesellschaft sollte nicht nur in der Zeit geschehen. Um 2010 war das eine Pflicht der Kulturwissenschaften, mit dem englischen Namen im Mund und den älteren Büchern im Apparat.
Der Pfad hält die Wende, bevor Grenze und Infrastruktur sie 2026 präzisiert haben. 2010 war der Raum selbst der Gegenstand, nicht die Migration als Methode. Die Verschiebung ist eine Schärfung, keine Widerlegung.
Belting, Boehm, Mitchell: das Dreieck, in dem Kunstgeschichte, Medienwissenschaft und Germanistik denselben Gegenstand teilten, ohne dieselbe Sprache zu haben. Das Bild sollte nicht Illustration des Textes sein. Aura, Apparat, ikonische Differenz, das, was Bilder wollen. Um 2010 stand das Bild vorn. 2026 steht es hinter Fernem Lesen und Autorschaft.
Der Pfad hält diese Mitte fest. Benjamin und Kittler bleiben Herkunft und Schnitt. Panofsky das Handwerk, gegen das die Wende sich erfand. Foucaults Ordnung der Dinge der Blick als Episteme. Wer 2026 nur zählt, hat 2010 nicht gesehen, dass das Seminar zuerst sehen lernen wollte.
Fukuyama, Huntington, Beck, Castells: die Schwelle, auf der 2010 noch stand, während die neue Arbeit schon andere Namen suchte. Seminare der politischen Theorie und der Soziologie lasen das Ende der Geschichte als Folie, den Kampf der Kulturen als Raster nach 2001, die Risikogesellschaft als ältere Warnung. Der Pfad nach 2010 beginnt, wo dieser aufhört.
Der Essay zu den Diagnosen nach 1989 bleibt die Herkunft. 2010 brauchte man beides: die Schwelle von 1989 und den neuen Geist. 2026 braucht die Schwelle noch als Folie und liest die Gegenwart in Reckwitz und Zuboff. Die älteren Diagnosen sind nicht widerlegt. Sie sind die Lage, aus der die neueren kommen.
Nach 2001 und vor den späteren Migrationsseminaren war der Islam in Europa eine Debatte der Bücher: Said, Huntington, Assmanns Moses, Kelek, die Toleranz, die ihre Grenzen suchte. Seminare der Politik, der Theologie und der Literaturwissenschaft lasen Zugehörigkeit als Konfession und als Recht, noch nicht als Grenze im Sinne Mezzadras.
Der Essay zur Debatte bleibt 2010 die Adresse. 2026 hat Taylor, Asad, Mahmood dieselbe Lage als Formation gelesen und Migration als Herstellung von Zugehörigkeit. 2010 endete der Streit oft bei der Toleranz. Die Formation war schon da, in Taylor deutsch seit 2009, und noch nicht der Organon.
Um 2010 war der Verlag noch die stillschweigende Form, in der Theorie in der Bundesrepublik ankam: das Taschenbuch Wissenschaft, die weiße Reihe, Foucault, Bourdieu, Luhmann, Habermas in demselben Schild. Seminare zitierten Bücher und meinten oft diese Ausgabe. Der Umzug nach Berlin war frisch, die Suhrkamp-Kultur noch der Name für Ernst.
Der Essay zu Suhrkamp hält diese Adresse. 2026 liest man dieselben Autoren in denselben Einbänden und merkt nicht mehr, dass die Adresse einmal die Republik war. 2010 merkte man es noch, weil Unselds Tod und der Streit um das Haus die Form sichtbar gemacht hatten.
Carson, Meadows, Schumacher: die öffentliche Ökologie des 20. Jahrhunderts, die 2010 noch der Name war, bevor das Anthropozän die geisteswissenschaftliche Epoche taufte. Seminare der Geschichte und der Politik lasen Gift, Grenzkurve, Maß. Chakrabartys Klima der Geschichte war 2009 als Aufsatz da und 2021 als Buch; 2010 war die Erde noch Kulisse mit Warnung, nicht Mitspieler mit zwei Uhren.
Der Essay zur Umweltöffentlichkeit endet im 20. Jahrhundert. Der Pfad von 2026 beginnt, wo diese Warnung zur Epochentaufe wird. 2010 stand man dazwischen, oft ohne es zu merken.
Die lange Dauer, das Dorf vor dem Inquisitor, das Mittelmeer: in den historischen Seminaren um 2010 war das noch Handwerk, nicht nur Erinnerung an eine Schule. Globalgeschichte und Begriffsgeschichte lagen daneben; die Annales blieben die Erlaubnis, nicht nur Staaten und Jahre zu zählen. Koselleck war die deutsche Nachbarschaft, oft ohne eigenen Essay im Apparat jedes Proseminars, aber mit der Sattelzeit im Mund.
Der Pfad hält dieses Handwerk. 2026 hat die Historie andere Mitspieler: Erde, Imperium, Ukraine. 2010 konnte man noch ein Seminar über die lange Dauer halten und das Zentrum der Zunft getroffen haben. Die Verschiebung ist die der Fragen, nicht die der Archive.
Was diese fünfzehn zusammenhalten
Postmoderne, Institut, 1968, Regierungskunst, Gedächtnis, Kolonie als Diskurs, Geschlecht als Fach, neuer Geist, Raum, Bild, Schwelle von 1989, Islam als Debatte, Verlag, Umwelt als Warnung, lange Dauer: das war 2010 die stillschweigende Bibliothek, aus der Seminare ihre Gegenwart schnitten. Manche Pfade teilen Bücher mit 2026 – Foucault, Butler, Said, Lefebvre –, weil dieselben Titel in verschiedenen Lagen anders gelesen werden. Die älteren Reihen sind nicht abgelöst. Sie sind von der Mitte an den Rand der Herkunft gerückt.
Der Unterschied lässt sich an den Namen sagen, die 2010 noch nicht der Kern waren. Anthropozän als geisteswissenschaftliche Epoche, Sorge als Arbeit, Restitution als Rechtsfrage, epistemisches Unrecht, künstliche Autorschaft, fernes Lesen, die Ukraine als Imperiumsprobe: das lag 2010 am Rand oder in der Zukunft. Wer nur 2026 kennt, hält diese Cluster für zeitlos. Wer 2010 danebenlegt, sieht, dass der Hörsaal seine Mitte verschoben hat, ohne die Herkunft zu löschen. Beide Karten gehören zusammen. Eine allein behauptet, die Gegenwart sei immer schon so gewesen.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.