Anatomie der menschlichen Destruktivität

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Erich Fromm · 1973 · Sachbuch, Psychologie
Das Werk
Deutscher Titel: Anatomie der menschlichen Destruktivität
Autor(en): Erich Fromm
Originaltitel: The Anatomy of Human Destructiveness
Originalsprache: englisch
Erstveröffentlichung: 1973
Schlagwörter: Aggression, Destruktivität, Charakter, Nekrophilie
Sachgebiete: Sachbuch, Psychologie
Greifbare Ausgabe
Verlag: Rowohlt


Umfang dieser Ausgabe: 569 Seiten
ISBN: 9783499170522
Verweise
Umschlag

Anatomie der menschlichen Destruktivität (englisch The Anatomy of Human Destructiveness) ist das 1973 in den Vereinigten Staaten und 1974 auf Deutsch erschienene umfangreichste Werk von Erich Fromm. Es untersucht, warum Menschen zerstören, und unterscheidet eine dem Leben dienende, defensive Aggression von einer bösartigen, nur beim Menschen möglichen Destruktivität. Fromm schreibt gegen Konrad Lorenz’ angeborenen Aggressionstrieb, gegen Sigmund Freuds Todestrieb und gegen die Verhaltenslehre, die Grausamkeit als belohntes Lernen erklärt. Heinrich Himmler, Josef Stalin und Adolf Hitler werden als Charakterstudien herangezogen; für Hitler benutzte Fromm Gespräche mit Albert Speer. Mit diesem Buch wurde Fromm in Deutschland wieder breiter gelesen.

Inhalt

Das Buch ist gegen die Ausrede geschrieben, Gewalt sei Natur, und gegen die Gegenausrede, sie sei bloß ein Missverständnis der Umstände. Fromm klärt zuerst die Sprache: Aggression meine zu viel, vom Spiel bis zum Massenmord. Er trennt konstruktive Akte, Schutzakte und Akte, die auf Zerstörung selbst aus sind. Die letzten beiden sind sein Gegenstand. Gutartige Aggression ist Verteidigung lebenswichtiger Interessen, biologisch angepasst, bei Tier und Mensch; bösartige Aggression ist Destruktivität und Grausamkeit, biologisch nicht angepasst, irrational, nur menschlich. Wer diese Trennung nicht macht, zwinge die Hoffnung, das Ausmaß der Grausamkeit zu verkleinern, oder die Verzweiflung, sie für angeboren zu halten. Fromm befasst sich mit Impulsen, auch wenn sie nicht zu Taten werden, und mit den Bedingungen, die Kriege wahrscheinlicher machen, nicht nur mit dem Schuss.

Im zweiten Teil trägt er Befunde gegen Instinkt- und Trieblehren zusammen: Neurophysiologie, Tierforschung, Paläontologie, Anthropologie. Das Gehirn sei ein duales System aus Erregung und Hemmung; offene Wut könne aus dem Ungleichgewicht kommen, beweise aber keinen spontanen Zerstörungstrieb. Raubtieraggression diene der Nahrung, nicht dem Hass. Bei Primaten in Freiheit sei tödliche Gewalt gegen Artgenossen selten; aggressiv würden Tiere bei Einengung und zerstörter Sozialstruktur, oft gerade in Gefangenschaft, aus der man dann fälschlich auf die Art schloss. Der Mensch habe den größten Teil seiner Geschichte als Jäger und Sammler verbracht; moderne Beobachtungen zeigten freundliche, teilende Gruppen, in denen Streit oft unblutig geregelt werde. Krieg sei spät. Fromm ordnet dreißig indigene Gesellschaften nach Friedfertigkeit und Aggressivität, nicht statistisch, sondern qualitativ. Der dritte Teil entfaltet Sadismus und Nekrophilie – die Angezogenheit vom Toten, Mechanischen, Zerstörten – als Charakter, nicht als Trieb. Himmler erscheint als bürokratischer Sadist, Hitler als nekrophiler Fall. Das Milgram-Experiment und das Stanford-Gefängnis liest Fromm gegen den Strich: sie bewiesen weniger die Leichtigkeit der Entmenschung als das Leiden des Gewissens und die Grenze, an der die meisten keine Lust an der Grausamkeit finden.

Unsicher wird die große Untersuchung, wo die Völkerkunde der siebziger Jahre und die Hitler-Psychologie die Last der Beweisführung tragen. Die Jäger-und-Sammler-Idylle ist seitdem komplizierter geworden; Fromm selbst mahnt den Vorbehalt an. Die Charakterbilder Himmlers und Hitlers sind dichte Essays und doch Deutungen aus der Ferne, Speers Auskünfte eingeschlossen. Lorenz-Leser werfen Fromm vor, den Instinkt zu verzeichnen; Freud-Treue werfen ihm vor, den Todestrieb zu verwerfen, ohne die Wiederholungszähigkeit des Zerstörens zu erklären. Fromm antwortet mit der Hoffnung, die im Epilog zwiespältig bleibt: der Mensch kann zerstören, weil er Mensch ist, nicht weil er Wolf ist; also kann er auch anders. Wer das Buch als Entlastung der Moderne liest, verfehlt die These, gerade Zivilisierung und Anomie steigerten die bösartige Aggression. Wer es als Anti-Lorenz-Streitschrift abtut, verfehlt die Breite der beigebrachten Fächer.

Einordnung

Der Band setzt Psychoanalyse und Ethik und Die Furcht vor der Freiheit fort: der produktive Charakter hat hier sein Gegenbild im nekrophilen. Er steht gegen Lorenz’ Das sogenannte Böse und gegen Freuds Spätlehre, näher bei der Kritischen Theorie in der Frage nach Autorität und Sadismus, ferner von ihr in der Zuversicht auf eine naturwissenschaftlich informierte Humanität. Theodor W. Adornos und Max Horkheimers Dialektik der Aufklärung denkt die Barbarei als Umschlag der Vernunft; Fromm denkt sie als Charakter, der in bestimmten Gesellschaften gezüchtet wird. Die deutsche Nachkriegsleserschaft fand in dem Buch eine Sprache für Hitler, die weder dämonisierte noch wegerklärte.

Missverstanden wird es, wenn man die Trennung gutartig/bösartig für eine moralische Verharmlosung der Notwehrkriege hält; Fromm redet von Impulsen, nicht von Rechtfertigungen. Geblieben ist die Weigerung, Grausamkeit für Naturgesetz oder für reines Lernprodukt zu halten. Wer nach 1973 über menschliche Zerstörung spricht, ohne nur Gene oder nur Kapital zu sagen, spricht in Fromms Unterscheidung – oft ohne Nekrophilie zu nennen, selten ohne die Frage, ob das Zerstören Lust oder Defensive war.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.