Psychoanalyse und Ethik

Aus Bookpedia Bücher einfach erklärt
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Daten zum Buch
Deutscher Titel: Psychoanalyse und Ethik
Autor(en): Erich Fromm
Herausgeber:
Erscheinungsort:
Verlag: dtv
Serie:
Erscheinungsjahr: 1947
Seitenanzahl: 248 Seiten
Originaltitel: Man for Himself
Originalsprache: englisch
ISBN-10: 342334928X
ISBN-13/

EAN-Code:

9783423349284
Schlagwörter: Charakter, Gewissen, Tugend, Humanismus
Sachgebiete: Sachbuch, Psychologie
Rezensionen
Umschlag

Psychoanalyse und Ethik (englisch Man for Himself. An Inquiry into the Psychology of Ethics) ist das 1947 erschienene Buch von Erich Fromm. Die deutsche Fassung trägt oft den Untertitel einer humanistischen Charakterologie. Fromm will zeigen, dass die Kenntnis der menschlichen Natur nicht in den Werterelativismus führt, sondern zu Normen, die in dieser Natur selbst liegen. Das Buch ergänzt Die Furcht vor der Freiheit: dort die Flucht vor der Freiheit, hier die Frage, welches Leben der befreite Mensch führen soll. Tugend ist für Fromm der produktive Charakter; Laster ist Gleichgültigkeit gegen das eigene Selbst.

Inhalt

Das Buch ist gegen zwei Fronten geschrieben: gegen eine Psychologie, die sich von der Ethik getrennt hat und nur noch beschreibt, und gegen eine autoritäre Ethik, in der eine Instanz vorschreibt, was gut sei. Fromm erinnert daran, dass die großen Ethiker – Aristoteles, Baruch Spinoza, John Dewey – Philosophen und Psychologen zugleich waren. Die Trennung sei jung und habe einen Zustand moralischer Verwirrung hinterlassen, in dem Zweifel an der Vernunft den Relativismus nährt. Humanistische Ethik gibt sich der Mensch selbst; das einzige Kriterium des Werturteils ist das Wohl des Menschen. Das ist nicht isolationistischer Egoismus: Erfüllung liege nur in der Bezogenheit auf andere. Objektiv gültig heißen die Normen, weil ihre Missachtung psychische Zerrüttung nach sich zieht; absolut heißen sie nicht, denn absolut ist ein theologisches Wort. Die Lebensführung ist eine Kunst, und jede Kunst hat ein System gültiger Regeln. Die Psychoanalyse macht die ganze Persönlichkeit, auch das Unbewusste, zum Gegenstand; deshalb sei sie für die Ethik unentbehrlich.

Den Kern bildet die Charakterlehre. Fromm unterscheidet Charakter von Temperament und stellt nichtproduktive Orientierungen der produktiven gegenüber. Rezeptiv nimmt der Mensch, was man ihm gibt; ausbeuterisch nimmt er, was er anderen entreißt; hortend klammert er sich an Besitz und Vergangenheit; die marktliche Orientierung – Fromm sagt Marketing-Orientierung – behandelt das Selbst als Ware, die auf Nachfrage hin zugerichtet wird. Dagegen steht die produktive Orientierung: die Fähigkeit zu lieben und zu arbeiten, die Welt und sich selbst hervorzubringen, statt sie nur zu verbrauchen. Tugend und Laster werden erst eindeutig, wenn man sie an diese Struktur bindet; dasselbe Wort kann entgegengesetzte Haltungen meinen. Selbstsucht und Selbstliebe sind Gegensätze, nicht Geschwister: wer sich nicht liebt, kann den Nächsten nicht lieben. Das autoritäre Gewissen ist die Stimme einer nach innen verlagerten äußeren Autorität, Angst vor Strafe statt eigener Urteilskraft. Das humanistische Gewissen ist die Stimme der Gesamtpersönlichkeit, die auf richtiges oder gestörtes Funktionieren reagiert.

Unsicher wird das Buch, wo die »Natur des Menschen« als Quelle der Normen dienen soll und doch nur in geschichtlichen Gestalten vorkommt. Fromm nennt sie eine theoretische Konstruktion aus der Erfahrung; Gegner hören eine Wesensmetaphysik. Die Nähe zu Sigmund Freuds Charaktertypen bleibt, die Absage an den Todestrieb und an eine triebhafte Destruktivität ist schon spürbar und wird in der Anatomie der menschlichen Destruktivität ausgeführt. Glück ist für Fromm kein bloßes Gefühl, sondern Zunahme an Lebendigkeit; das grenzt ihn vom Hedonismus ab und setzt ihn dem Vorwurf aus, Vitalität zum Maß der Moral zu machen. Universale Normen – den Nächsten lieben, nicht töten – stünden in allen großen Kulturen; gesellschaftsimmanente Ethik halte eine besondere Ordnung am Laufen und könne jenen widersprechen, etwa in Diktaturen. Wer das Buch als Erbauung liest, verfehlt die Härte gegen den marktlichen Charakter; wer es nur als Freud-Revision liest, verfehlt, dass hier Ethik wieder eine Wissenschaft vom Menschen sein will.

Einordnung

Zusammen mit Die Furcht vor der Freiheit und später Haben oder Sein bildet der Band das Rückgrat von Fromms Nachkriegswerk. Er steht in der neopsychoanalytischen Linie neben Harry Stack Sullivan und gegen den Verhaltensdeterminismus. Die Nikomachische Ethik und Spinoza liefern das Vorbild einer Tugend, die Haltung ist, nicht einzelne Tat. In Deutschland hat Rainer Funk die Texte in der Gesamtausgabe gesichert; die dtv-Ausgabe Den Menschen verstehen macht die Ethik wieder greifbar. Die Achtundsechziger lasen Fromm als Bundesgenossen gegen autoritäre Gewissen, die Wirtschaftsethik später als frühen Kritiker der Ware Ich.

Die Schwäche des Buches ist seine Zuversicht, aus der Natur des Menschen lasse sich ablesen, was Tugend sei. Die Stärke ist die Weigerung, Psychologie wertfrei und Ethik seelenlos zu lassen. Missverstanden wird es, wenn man Produktivität mit Leistung im Betrieb verwechselt; Fromm meint Hervorbringen von Leben, nicht Betriebsleistung. Wer nach 1947 über Charakter und Moral ohne Theologie sprechen will, findet hier eine der entschlossensten humanistischen Antworten – und in der Anatomie der menschlichen Destruktivität die dunklere Fortsetzung, die der Hoffnung die empirische Probe zumutet.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.