Zeitenende. Politik ohne Leitbild, Gesellschaft in Gefahr

Aus Bookpedia Bücher einfach erklärt
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Daten zum Buch
Deutscher Titel: Zeitenende. Politik ohne Leitbild, Gesellschaft in Gefahr
Autor(en): Harald Welzer
Herausgeber:
Erscheinungsort:
Verlag: S. Fischer
Serie:
Erscheinungsjahr: 2023
Seitenanzahl: 283 Seiten
Originaltitel: -
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3103975813
ISBN-13/

EAN-Code:

9783103975819
Schlagwörter: Demokratie, Leitbild, Klima, Frieden
Sachgebiete: Sachbuch, Zeitdiagnose
Rezensionen
Umschlag

Zeitenende. Politik ohne Leitbild, Gesellschaft in Gefahr ist das 2023 bei S. Fischer erschienene zeitdiagnostische Buch von Harald Welzer. Es untersucht den Zustand von Demokratie und freiheitlicher Ordnung in der ersten Hälfte des einundzwanzigsten Jahrhunderts und greift über die Tagespolitik mit soziologischen und geschichtsphilosophischen Betrachtungen hinaus, die Welzer selbst fragmentarisch nennt. Anlass ist die Politik der Koalition aus Sozialdemokraten, Liberalen und Grünen nach 2021, namentlich die Abkehr der Grünen von Friedens- und Klimagrundsätzen. Das Buch zählt als Streitschrift gegen eine Politik ohne Bild des Ganzen, nicht als Parteiprogramm. Der Anhang mit Anmerkungen und Register macht die Zettelkästen sichtbar.

Inhalt

Welzer schreibt gegen die Rede, die Demokratie sei vor allem von außen bedroht, und gegen die Selbstschonung einer politischen Klasse, die den Erfolg der AfD empört zur Kenntnis nimmt, als hätte sie nichts dazu beigetragen. Ausgangspunkt ist Ernst-Wolfgang Böckenfördes Satz, der freiheitliche Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren könne: moralische Substanz der Einzelnen und das Leitbild eines gesellschaftlichen Ganzen. Beides erodiere. Der Organisationsgrad in Kirchen, Vereinen und Parteien sinke; Angriffe auf Rettungskräfte auf der einen, straflose Steuervermeidung auf der anderen Seite lösten das Gemeinsame von beiden Rändern auf. Jugendliche seien in der Pandemie vernachlässigt worden und für volksnahe Vereinfacher empfänglich. Das politische Personal kenne die Lebenswelten der Mehrheit nicht mehr; Karrieren in Parteien erzeugten Abgehobenheit. Uwe Seeler steht am Anfang als Gegenbild: einer, der in der ersten Person Mehrzahl sprach.

Die Behauptung entfaltet sich an der Zeitenwende, die Bundeskanzler Scholz 2022 zur Losung der Aufrüstung machte. Welzer setzt dagegen die wirkliche Wende: die Neuartigkeit des Überlebensproblems in Biosphäre und Klima, ohne historisches Erfahrungswissen. Die soziale Frage sei im zwanzigsten Jahrhundert durch Wachstum und Verbrauch natürlicher Vorräte befriedet worden; Frieden mit der Natur und sozialer Frieden seien nun ein Dilemma ohne Bauplan. Die Regierung spalte das Krisengeflecht in einzelne Krisen, reduziere das Ökologische auf Kohlendioxid und rüste zugleich auf, als gäbe es keinen Zielkonflikt. Grüne Minister hätten Pazifisten als Vulgärpazifisten gescholten und den Krieg mit einer Begeisterung gefordert, die Welzer naiv nennt, weil der Westen aus Niederlagen nicht lerne. An Norbert EliasÜber den Prozess der Zivilisation erinnert er: Zivilisierung heiße, spontane Gewalt durch Verhandlung zu ersetzen. Die Leitmedien hätten 2022 keine Urteilsbildung geliefert, sondern eine Kampagne: abweichende Positionen in der Bevölkerung seien weit häufiger gewesen als in Zeitungen und Nachrichtensendungen. Das setze die Kritik aus Die vierte Gewalt fort, die Welzer mit Richard David Precht geschrieben hat.

Unsicher wird das Buch, wo der Zettelkasten die Komposition ersetzt. Jan Heidtmann fand einen Bewusstseinsstrom, in dem das Lektorat erst hätte beginnen müssen. Andere vermissten einen Friedensplan und wunderten sich, dass Moskau weit außerhalb der Schusslinie liege. Welzer weiß, dass er Fehler aufspießt und am Ende Schulen zu Gemeinschaftsorten, Ehrenamtquoten und Städtebau vorschlägt, die hinter der Diagnose zurückbleiben. Der Ton ist zornig, süffisant, unterhaltsam, oft im Anruf an die Politik. Gegenposition bleibt jede Lehre, die den Krieg in der Ukraine als vorrangig und den Pazifismus als Naivität führt, und jede Klimapolitik, die Aufrüstung und Nachhaltigkeit zugleich verspricht. Die Grenzen des Wachstums stehen im Hintergrund als unerledigte Einsicht; die Kohlenstoffdemokratie, die Demokratie auf fossiler Energie, hat kein Vorbild einer modernen und zugleich dauerhaften Gesellschaft.

Einordnung

Neben Welzers Arbeiten zur Klimakultur und zur vierten Gewalt steht Zeitenende als Inventur einer Republik, die Wachstum für Orientierung hält und Endlichkeit nicht denken kann. Es gehört zur Zeitdiagnose nach 2022, die den Begriff der Zeitenwende den Militärs nicht überlassen will. Die Stärke sind die Fehlerdiagnosen; die Schwäche die Handlungsvorschläge, die wie ein Anhang wirken. Sebastian Puschner riet, wenigstens die erste Hälfte zu lesen.

Geblieben ist der Satz, dass Politik ohne Leitbild ein Korken auf den Wellen ist. Wer über Demokratieermüdung, Kampagnenjournalismus und den Zielkonflikt von Rüstung und Klima spricht, stößt auf dieses Buch. Es rechnet mit Deutschland ab und ruft die Zivilgesellschaft auf, ohne auf die Regierung zu warten. Der sarkastische Atem hat die Koalition überlebt; das Leitbild, das Welzer verlangt, steht noch aus.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.