Essay:Zehn berühmte Romanschlüsse

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Der letzte Satz eines Romans trägt eine Last, die der erste nicht kennt. Er muss nichts mehr versprechen, sondern einlösen; er ist das, woran der Leser das Buch behält. Manche Schlüsse runden, andere schneiden ab, wieder andere öffnen die Tür, durch die man eben hereingekommen ist. Dies ist ein Gegenstück zu den zehn berühmten Romananfängen.

Es ist zehn Schlüsse lang und keine Rangliste. Es sind Enden aus Don Quijote, Die Leiden des jungen Werther, Stolz und Vorurteil, Moby Dick, Madame Bovary, Effi Briest, Die Verwandlung, 1984, Der große Gatsby und Ulysses. Was in der Zitatvorlage steht, steht so in einer gemeinfreien Ausgabe; der Wortlaut ist nicht nacherzählt. Fremdsprachige Sätze erscheinen zuerst im Original, darunter eine wörtliche deutsche Wiedergabe – keine Buchübersetzung einer späteren, oft noch geschützten Ausgabe. Wer das Ende nicht wissen will, höre hier auf: Ein Essay über Schlüsse ist ein Essay über das, was man Verrat am Ausgang nennt.

Don Quijote

Am Ende ergreift Cide Hamete Benengeli, der erfundene Chronist, das Wort und legt die Feder nieder:

«…no ha sido otro mi deseo que poner en aborrecimiento de los hombres las fingidas y disparatadas historias de los libros de caballerías, que, por las de mi verdadero don Quijote, van ya tropezando, y han de caer del todo, sin duda alguna. Vale.»

„…mein Wunsch war kein anderer, als den Menschen die erdichteten und widersinnigen Geschichten der Ritterbücher verhasst zu machen, die durch die meines wahren Don Quijote schon ins Wanken geraten und ohne Zweifel gänzlich fallen werden. Lebt wohl.“

Miguel de Cervantes: Don Quijote, 1615, Zweiter Teil, letztes Kapitel. Spanisch nach Project Gutenberg, E-Book Nr. 2000.

Der Ritter ist tot, geheilt und wieder Alonso Quijano geworden. Doch das letzte Wort hat nicht er, sondern die Feder des Chronisten, die sich gegen die Bücher wendet, aus denen der Held entstand. Der Roman schließt, indem er die Gattung begräbt, die ihn gezeugt hat.

Die Leiden des jungen Werther

Goethe lässt nicht Werther das letzte Wort haben, sondern den Herausgeber, der nüchtern das Begräbnis meldet:

„Der Alte folgte der Leiche und die Söhne, Albert vermocht's nicht. Man fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.“

Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther, 1774, Schluss. Wortlaut nach Project Gutenberg, E-Book Nr. 2408.

Fünf kurze Sätze, kein Gefühl mehr, nur Bericht. Der Selbstmörder bekommt kein kirchliches Begräbnis; Handwerker tragen ihn, kein Geistlicher geht mit. Der Roman, der die Empfindung erfunden zu haben schien, endet in äußerster Kälte – und das ist der schärfste Kommentar zur Gesellschaft, die zusieht.

Stolz und Vorurteil

“Darcy, as well as Elizabeth, really loved them; and they were both ever sensible of the warmest gratitude towards the persons who, by bringing her into Derbyshire, had been the means of uniting them.”

„Darcy liebte sie ebenso wie Elizabeth wahrhaft; und beide blieben stets voll wärmster Dankbarkeit gegen die Menschen, die sie, indem sie sie nach Derbyshire brachten, zusammengeführt hatten.“

Jane Austen: Pride and Prejudice, 1813, letztes Kapitel. Englisch nach Project Gutenberg, E-Book Nr. 1342.

Kein Kuss, kein Schwur, sondern eine Dankbarkeit gegenüber Onkel und Tante, deren Reise das Paar zusammenbrachte. Austen schließt, wie sie begann: mit der Ökonomie der Beziehungen. Die Liebe ist echt, aber sie hat einen Ort und eine Ursache, und beide werden verbucht.

Moby Dick

“On the second day, a sail drew near, nearer, and picked me up at last. It was the devious-cruising Rachel, that in her retracing search after her missing children, only found another orphan.”

„Am zweiten Tag kam ein Segel näher, immer näher, und nahm mich endlich auf. Es war die umherkreuzende Rachel, die auf ihrer Suche nach ihren verlorenen Kindern nur ein weiteres Waisenkind fand.“

Herman Melville: Moby Dick, 1851, Epilog. Englisch nach Project Gutenberg, E-Book Nr. 2701.

Ismael überlebt als Einziger, getragen von einem Sarg. Das Schiff, das ihn rettet, sucht seine eigenen Verlorenen und findet nur ihn: einen Fremden, ein Waisenkind. So schließt das Buch nicht mit dem Wal, sondern mit einem Bild der Trauer, das größer ist als die Jagd.

Madame Bovary

Nicht Emma hat das letzte Wort, sondern ihr Widerpart, der Apotheker Homais:

«Il vient de recevoir la croix d’honneur.»

„Er hat soeben das Kreuz der Ehrenlegion erhalten.“

Gustave Flaubert: Madame Bovary, 1857, Schluss. Französisch nach Project Gutenberg, E-Book Nr. 14155.

Emma ist tot, Charles ist tot, das Kind arbeitet in der Fabrik – und der letzte Satz gilt dem Aufsteiger Homais, der den Orden bekommt. Flaubert lässt die Dummheit siegen und krönt sie. Kein Urteil, kein Trost: nur die Auszeichnung des Mittelmaßes, kälter als jede Anklage.

Effi Briest

„Ach, Luise, laß … das ist ein zu weites Feld.“

Theodor Fontane: Effi Briest, 1894/95, letztes Kapitel. Wortlaut nach Project Gutenberg, E-Book Nr. 5323.

Effi ist begraben, die Eltern bleiben zurück. Auf die Frage, ob sie an ihrem Kind schuldig geworden seien, weicht der Vater aus, wie er es das ganze Buch getan hat: Es sei ein zu weites Feld. Der Roman endet mit einer Abwehr, die kein Ende ist – die Schuldfrage bleibt offen, weil niemand sie tragen will.

Die Verwandlung

„Und es war ihnen wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte.“

Franz Kafka: Die Verwandlung, 1915. Erzählung, kein Roman; der Schlusssatz gehört gleichwohl zu den meistgenannten der deutschen Prosa. Wortlaut nach Project Gutenberg, E-Book Nr. 22367.

Gregor Samsa ist tot, und die Familie fährt ins Grüne, erleichtert. Der letzte Blick gilt der Schwester, die sich dehnt: Leben nach dem Ungeheuer, Aufbruch über der Leiche. Der nüchterne Ton, mit dem die Erzählung begann, hält bis zuletzt – und macht das Vergessen so ungeheuerlich wie die Verwandlung.

1984

“He loved Big Brother.”

„Er liebte den Großen Bruder.“

George Orwell: 1984, 1949, Schluss des dritten Teils. Englisch nach Project Gutenberg Australia. Orwell starb 1950; in Deutschland ist der englische Text gemeinfrei.

Winston Smith ist gebrochen. Der Staat hat nicht nur seinen Widerstand getilgt, sondern seine Liebe umgelenkt. Vier Wörter genügen für die vollkommene Niederlage: Wer den Feind liebt, ist nicht mehr besiegt, sondern verwandelt. Kein Roman hat den totalen Sieg der Macht knapper benannt.

Der große Gatsby

“So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past.”

„So kämpfen wir uns voran, Boote gegen die Strömung, unaufhörlich zurückgetragen in die Vergangenheit.“

F. Scott Fitzgerald: The Great Gatsby, 1925, Schluss. Englisch nach Project Gutenberg, E-Book Nr. 64317. Fitzgerald starb 1940; in Deutschland ist der englische Text gemeinfrei.

Gatsby ist tot, der Traum vom Aufstieg entlarvt. Der Erzähler Nick zieht die Summe in einem Bild: Rudern gegen den Strom, der uns immer wieder zurückträgt. Das „Wir“ zieht den Leser hinein. Der amerikanische Traum endet nicht mit einer Lehre, sondern mit einer Bewegung, die nie ankommt.

Ulysses

“and yes I said yes I will Yes.”

„und ja ich sagte ja ich will Ja.“

James Joyce: Ulysses, 1922, Schluss des Monologs der Molly Bloom. Englisch nach Project Gutenberg, E-Book Nr. 4300. Joyce starb 1941; in Deutschland ist der englische Text gemeinfrei.

Nach Hunderten von Seiten eines einzigen Tages, nach dem inneren Monolog der Molly Bloom ohne Punkt und Komma, steht am Ende ein dreifaches Ja. Es gilt der Erinnerung an den Antrag, der Liebe, dem Leben. Der Roman, der alles zergliedert hat, schließt mit dem einfachsten Wort der Zustimmung – groß geschrieben, als letztes.

Was der letzte Satz kann

Der erste Satz verspricht, der letzte antwortet. Manche Antwort ist ein Trost, die meisten hier sind es nicht: der begrabene Selbstmörder, der ausgezeichnete Dummkopf, der geliebte Große Bruder. Der Schluss kann runden (Gatsby), abschneiden (Die Verwandlung) oder verweigern (Effi Briest). In jedem Fall entscheidet er, mit welchem Bild man das Buch zuklappt.

Andere große Schlüsse fehlen hier, weil sie noch nicht frei zitiert werden dürfen. Das ist kein Urteil über ihren Rang, sondern die Grenze, an der ein Lexikon aufhört, fremde Sätze auszugeben, als gehörten sie ihm.

Nachweise

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Claude Opus 4.8, Anthropic). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.