Brief über die Blinden zum Gebrauch für die Sehenden
| Daten zum Buch | |
|---|---|
| Deutscher Titel: | Brief über die Blinden zum Gebrauch für die Sehenden |
| Autor(en): | Denis Diderot |
| Herausgeber: | |
| Erscheinungsort: | Lettre sur les aveugles à l'usage de ceux qui voient |
| Verlag: | Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft |
| Serie: | |
| Erscheinungsjahr: | 1749 |
| Seitenanzahl: | 480 Seiten |
| Originaltitel: | Lettre sur les aveugles à l'usage de ceux qui voient |
| Originalsprache: | französisch |
| ISBN-10: | 3518296841 |
| ISBN-13/
EAN-Code: |
9783518296844 |
| Schlagwörter: | Wahrnehmung, Materialismus, Blindheit, Tastsinn |
| Sachgebiete: | Sachbuch, Philosophie |
| Rezensionen | |
Brief über die Blinden zum Gebrauch für die Sehenden ist der 1749 in London gedruckte philosophische Brief von Denis Diderot. Adressatin ist die Schriftstellerin Madeleine de Puisieux. Diderot behauptet, der Zustand unserer Organe bestimme Metaphysik und Moral; zum ersten Mal vertritt er unmissverständlich einen materialistischen Atheismus. Wegen dieser Schrift wurde er vom 24. Juli bis zum 3. November 1749 in Vincennes inhaftiert, mitten in den Vorbereitungen zur Encyclopédie. Der Brief hat in Deutschland früher und heftiger gewirkt als in Frankreich selbst.
Inhalt
Diderot beginnt mit dem Besuch bei einem Blindgeborenen in Puisaux, dessen Tast- und Gehörsinn so fein sind, dass er Entfernungen, Symmetrie und den Umriss von Dingen genauer schätzt als mancher Sehende. Schönheit ist für ihn ein Wort, wenn sie von der Nützlichkeit getrennt wird. Diebstahl gilt ihm als schweres Verbrechen, weil er dem Sehenden als Täter und als Opfer unterlegen ist; für Scham und Kleidung hat er wenig Sinn, weil ihm der Blick fehlt, der sie erzeugt. Diderot folgert: Moralische Normen hängen an der sinnlichen Ausstattung; sie sind nicht vom Himmel gefallen. Der zweite Teil gilt Nicholas Saunderson, dem blinden Mathematiker von Cambridge, der Algebra lehrte, Optik erklärte und eine Rechenmaschine für Blinde erfand. Blinde, so Diderot, seien weniger durch den Augenschein abgelenkt und deshalb zur Abstraktion fähiger. Kernstück ist ein erdichtetes Sterbegespräch Saundersons mit dem Geistlichen Holmes: Der Blinde verlangt, Gott zu tasten, und stirbt, ohne den Gottesbeweis aus der Ordnung der Welt gelten zu lassen. Die angebliche Lebensbeschreibung, auf die Diderot sich beruft, ist erfunden.
Der letzte Teil nimmt das Molyneux-Problem auf, das William Molyneux an John Locke gerichtet hatte: Kann ein Blindgeborener nach gelungener Operation Kugel und Würfel allein durch den Blick unterscheiden, ohne sie zu betasten? William Cheseldens Starstich an einem Knaben hatte die Gelehrten beschäftigt; George Berkeley, Étienne Bonnot de Condillac, Gottfried Wilhelm Leibniz, Locke und Voltaire hatten geantwortet. Diderot zerlegt den Versuch: Man habe den Patienten bei grellstem Licht befragt, vor Schaulustigen, ohne dem Auge Übung und Heilung zu lassen. Selbst wenn er scharf sähe, folge daraus nicht, dass er den getasteten Dingen sogleich denselben Namen gäbe wie den gesehenen. Gebildete, in Geometrie und Nachdenken Geübte würden die Zuordnung schneller leisten als Ungeübte. Diderot stellt damit nicht nur das Experiment, sondern die Sprache selbst zur Prüfung: Sehen ist nicht das Ablesen einer fertigen Welt, sondern eine Arbeit, die gelernt sein will.
Dreißig Jahre später schrieb Diderot eine Addition, die erst im zwanzigsten Jahrhundert vollständig gedruckt wurde. Darin tritt Mélanie de Salignac auf, eine Nichte Sophie Vollands, seit dem zweiten Lebensjahr erblindet, liebenswürdig, schambewusst, der Liebling der Familie. Diderot widerruft die Vermutung, Blinde seien im Allgemeinen hart; Mélanie habe ihm das nie verziehen. Der Widerruf gehört zum Buch, weil er zeigt, dass der Brief ein Versuch war, keine Lehre. Das Motto verdreht Vergil: Aus »sie können es, weil sie glauben es zu können« wird »sie können es, obwohl es scheint, sie könnten es nicht«. Der Ton ist beweglich, erzählend, polemisch, und er tarnt den Atheismus in der Fiktion eines Sterbezimmers. Nach Vincennes wurde Diderot vorsichtiger im Druck, nicht im Denken; riskante Texte blieben in der Schublade, anonyme Veröffentlichung gab er auf.
Einordnung
In Frankreich erstickte die Zensur die frühe Wirkung; in Deutschland besprachen gelehrte Blätter Diderots Schriften zwischen 1746 und 1756 rund siebzigmal. Johann Gottfried Herder hat in der Plastik den Tastsinn gegen den Vorrang des Auges starkgemacht und sich auf Diderots Grundthese berufen. Johann August Zeune, Gründer der Berliner Blindenanstalt, druckte den Brief 1808 in seinem Belisar; die Debatte über die Bildbarkeit Blinder nahm den Text als Zeugen. Der Brief steht in der Nachfolge von Lockes An Essay Concerning Humane Understanding und treibt dessen Empirismus in die Moral: Nicht nur Ideen, auch Pflichten hängen am Organ.
Die Haft in Vincennes hat die Encyclopédie gefährdet und Diderot gelehrt, den Zensor zu täuschen. Wer den Brief nur als Blindenkunde liest, verfehlt den Gottesleugner; wer ihn nur als Atheismus liest, verfehlt die Genauigkeit der Versuchsanordnung. Das erdichtete Sterbegespräch bleibt der Skandal: Ein Blinder, der den Physiko-Theologen antwortet, Gott müsse sich tasten lassen. Neben Voltaires Traité sur la tolérance ist der Brief das andere Gesicht derselben Aufklärung: nicht der Kampf um Duldung vor Gericht, sondern die Behauptung, dass Metaphysik und Sitte mit den Sinnen stehen und fallen.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.
