Die Mittagsfrau
| Daten zum Buch | |
|---|---|
| Deutscher Titel: | Die Mittagsfrau |
| Autor(en): | Julia Franck |
| Herausgeber: | |
| Erscheinungsort: | |
| Verlag: | Fischer Taschenbuch |
| Serie: | |
| Erscheinungsjahr: | 2007 |
| Seitenanzahl: | 429 Seiten |
| Originaltitel: | Die Mittagsfrau |
| Originalsprache: | deutsch |
| ISBN-10: | 3596175526 |
| ISBN-13/
EAN-Code: |
9783596175529 |
| Schlagwörter: | Mutter, Flucht, 20. Jahrhundert, Verlassen |
| Sachgebiete: | Roman |
| Rezensionen | |
Die Mittagsfrau von Julia Franck erschien 2007 und wurde im selben Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Der Titel ruft die slawische Mittagsgespenstin auf, die Feldarbeiter in der Hitze heimsucht; im Roman trifft die Hitze eine Mutter, die ihr Kind auf einem Bahnhof sitzen lässt. Franck erzählt das Leben der Helene Würsich von der Kindheit in Bautzen über das Berlin der zwanziger Jahre bis nach Stettin im Krieg, eingerahmt von Prolog und Epilog aus der Sicht des Sohnes Peter. Die Aussetzung steht am Anfang, nicht als Rätsel, das sich am Ende löst, sondern als Voraussetzung: Wer das Buch liest, muss die Tat ertragen, während er die Frau kennenlernt, die sie begeht.
Inhalt
Im Sommer 1945 fliehen Helene, die sich Alice nennt, und der siebenjährige Peter aus dem zerstörten Stettin. Peter hat gesehen, wie sowjetische Soldaten die Mutter vergewaltigten. Auf dem Bahnhof Pasewalk bittet sie ihn zu warten, kauft angeblich Fahrkarten und kehrt nicht zurück. Im Gepäck liegt die Adresse eines Onkels. Danach holt der Roman Helenes Leben nach. 1907 in Bautzen geboren, wächst sie mit der älteren Schwester Martha bei dem Drucker Ernst Ludwig Würsich und der schlesischen Jüdin Selma auf, die sich in ihr Zimmer zurückzieht, Söhne betrauert, die tot zur Welt kamen, und den Töchtern kalt begegnet. Der Vater kommt aus dem Krieg verstümmelt heim und stirbt; Martha wird morphiumsüchtig. Die Schwestern gehen zur Tante Fanny nach Berlin, in die Bohème der zwanziger Jahre.
Helene arbeitet in einer Apotheke, will Abitur und Medizin, während Martha die Ärztin Leontine liebt. Helene begegnet dem Philosophiestudenten Carl Wertheimer, zieht zu ihm, bricht eine Schwangerschaft ab, weil ein Kind das Studium verhindern würde, und verliert Carl, der auf dem Weg zu ihr von einem Auto erfasst wird. Danach verstummt sie. Der Ingenieur Wilhelm wirbt um sie; nach dem Besuch der Mutter in der Anstalt Pirna, wo Helene ihre eigene Gefährdung als Tochter einer Jüdin erkennt, nimmt sie den Antrag an, und Wilhelm beschafft falsche Papiere und den Namen Alice Sehmisch. In der Hochzeitsnacht demütigt er sie, weil sie keine Jungfrau ist; die Ehe in Stettin ist Besitz und Gewalt. Peter wird gegen Helenes Willen geboren, Wilhelm verlässt Frau und Kind. Helene arbeitet Doppelschichten im Lazarett, versorgt den Jungen förmlich und kann ihm weder Herkunft noch Nähe geben; Martha wird deportiert, die Mutter in einer Tötungsanstalt umgebracht.
Der Epilog zeigt Peter mit etwa siebzehn Jahren auf dem Hof des Onkels in Gelbensande. Man braucht ihn zur Arbeit und wirft ihm den Mund vor, den er mehr hat. Helene kündigt nach zehn Jahren einen Besuch an. Peter versteckt sich auf dem Dachboden des Stalls, sieht die Mutter kommen und gehen und antwortet nicht. Franck urteilt nicht. Die Erzählerin bleibt bei Wahrnehmungen, Körpern, Räumen; die Deutung, ob Helene Opfer, Täterin oder beides sei, fällt dem Leser zu. Die Mittagsfrau der Sage nimmt Kinder in der Hitze; Helene lässt eines in der Nachkriegskälte sitzen, nachdem ihr das Jahrhundert die Stimme genommen hat.
Einordnung
Der Roman hat eine Debatte über Mutterschaft ausgelöst, die oft die jüdisch-christliche Identität Helenes und die Klinik Pirna-Sonnenstein überging. Franck schreibt gegen das Bild der selbstlosen Mutter und gegen das Klischee der Jüdin als reine Opferfigur. Helene überlebt, indem sie den Namen wechselt und das Kind aufgibt; beides ist keine Erlösung. Der biografische Kern ist die Geschichte von Francks Vater, der 1945 auf einem Bahnsteig ausgesetzt wurde. Die Form gleicht einem Flügelaltar: Prolog und Epilog blicken aus Peters Augen, die drei Mittelteile aus Helenes, Orte sind Bautzen, Berlin, Stettin.
Die Kritik schwankte zwischen Bewunderung für die Kälte der Prosa und dem Vorwurf, die Sprache sei geziert oder unterhaltend. Man verglich Berlinpassagen mit Irmgard Keun und fand sie schwächer; die Ehe mit Wilhelm galt weithin als glanzvoll hart. Übersetzungen in Dutzende Sprachen und eine Million verkaufter Exemplare haben das Buch zum meistgelesenen von Franck gemacht. Wer nach 2000 über Familie, Krieg und das Recht einer Frau, kein Mutterherz zu haben, spricht, stößt auf diese Bahnhofsszene. Sie erklärt nichts und lässt nichts unberührt.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.
