Massenpsychologie und Ich-Analyse: Unterschied zwischen den Versionen

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Nach 1933 hat man die Schrift als Vorhersage gelesen, oft zu Recht in der Beschreibung, zu Unrecht in der Annahme, Freud habe den Nationalsozialismus schon erklärt. Geblieben ist die Formel vom Ichideal, das nach außen wandert. Wer heute über Anhängerschaft, Fanscharen oder politische Bewegungen spricht, ohne nur von Interessen zu reden, spricht mit dieser kleinen, dichten Abhandlung – häufig ohne den Namen Libido, selten ohne die Logik der Identifizierung.
 
Nach 1933 hat man die Schrift als Vorhersage gelesen, oft zu Recht in der Beschreibung, zu Unrecht in der Annahme, Freud habe den Nationalsozialismus schon erklärt. Geblieben ist die Formel vom Ichideal, das nach außen wandert. Wer heute über Anhängerschaft, Fanscharen oder politische Bewegungen spricht, ohne nur von Interessen zu reden, spricht mit dieser kleinen, dichten Abhandlung – häufig ohne den Namen Libido, selten ohne die Logik der Identifizierung.
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Aktuelle Version vom 23. August 2026, 20:46 Uhr

Sigmund Freud · 1921 · Sachbuch, Psychologie
Das Werk
Deutscher Titel: Massenpsychologie und Ich-Analyse
Autor(en): Sigmund Freud


Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1921
Schlagwörter: Masse, Führer, Identifizierung, Libido
Sachgebiete: Sachbuch, Psychologie
Greifbare Ausgabe
Verlag: Fischer Taschenbuch


Umfang dieser Ausgabe: 144 Seiten
ISBN: 9783596104529
Verweise
Umschlag

Massenpsychologie und Ich-Analyse ist die 1921 im Internationalen Psychoanalytischen Verlag in Wien erschienene Schrift von Sigmund Freud. Sie überträgt die Psychoanalyse auf das Verhalten in Mengen und fragt, welche seelischen Bindungen eine Masse zusammenhalten. Freud stützt sich auf Gustave Le Bons Schilderung der Massenseele, wendet sie aber um: nicht ein rätselhafter Gruppengeist erklärt die Menge, sondern libidinöse Bindungen an den Führer und aneinander. Die Formel des Buches lautet, eine primäre Masse sei eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich infolgedessen miteinander identifiziert haben. Kirche und Heer dienen als die dauerhaften Beispiele.

Inhalt

Das Buch ist gegen die Vorstellung geschrieben, die Masse sei ein Rückfall ins Tierische, den man nur beschreiben, nicht erklären könne. Freud referiert Le Bon: in der Menge erlange der Einzelne das Gefühl unendlicher Macht, zügellose Triebe brächen durch, die bewusste Persönlichkeit schwinde, Affekte steckten an und verstärkten sich durch gegenseitige Induktion. Die Masse sei impulsiv, wandelbar, reizbar, fast ausschließlich vom Unbewussten geleitet. Das alles nimmt Freud ernst, bestreitet aber, dass damit schon die Bindung verstanden sei. Er unterscheidet kurzlebige Mengen – revolutionäre Aufläufe, die hohen, kurzen Wellen – von dauerhaften Organisationen wie Kirche und Militär, den langen Dünungen darunter. In beiden liefen dieselben seelischen Vorgänge. Was die Menge zusammenhält, sind Liebestriebe, die von ihrem sexuellen Ziel abgelenkt sind und dennoch nicht minder energisch wirken. Ohne diese Libido bliebe nur die Furcht vor der Strafe, und die erklärt nicht die Hingabe.

An Kirche und Heer entfaltet Freud die Behauptung. Die Gläubigen haben Christus an die Stelle des Ichideals gesetzt und sich deshalb untereinander als Brüder identifiziert; die Soldaten haben den Feldherrn an dieselbe Stelle gesetzt und sich als Kameraden erkannt. Die Identifizierung mit den anderen, die sich alle in gleicher Weise zum Führer hingezogen fühlen, ist das bindende Element. Dazu kommt die Idealisierung: narzisstische Libido fließt auf das Objekt über, man liebt es wegen der Vollkommenheit, die man fürs eigene Ich angestrebt hat. Fällt der Führer aus oder wird die Bindung an ihn gelöst, droht Panik – nicht weil die Gefahr größer geworden wäre, sondern weil die libidinöse Klammer zerreißt. Freud kennt auch die Identifizierung mit dem Angreifer und die Regression auf archaische Erbschaften, die in der Menge verdrängte Triebregungen freigeben. Die Masse erlaubt, was das Individuum sich verbieten musste; sie ist nicht das Andere der Kultur, sondern deren zeitweilige Umkehrung.

Unsicher wird die Schrift, wo sie den Führer braucht, um die Masse zu denken. Le Bon hatte die Menge schon als Weib und Kind beschrieben; Freud übernimmt mehr von diesem Ton, als die spätere Kritik ihm nachsehen wollte. Ob jede Menge einen Führer hat, ob führerlose Mengen – die »künstlichen Massen« ohne Person an der Spitze – mit derselben Formel zu fassen sind, bleibt eine offene Flanke. Die Bindung ist heterosexuell gedacht und am Männerbund von Kirche und Kasernenhof gewonnen; Frauen kommen als Gleichnis der Lenkbarkeit vor, nicht als Theorie. Erich Fromm hat später in Die Furcht vor der Freiheit die Flucht in die Autorität gesellschaftlich, nicht nur libidinös erklärt. Freud selbst schiebt in denselben Jahren Jenseits des Lustprinzips und das Es nach; die Massenpsychologie steht zwischen Ichlehre und Todestrieb, ohne beide schon zu versöhnen. Wer das Buch als Anleitung zur Volksführung liest, verfehlt die Diagnose; wer es nur als Essay über den Krieg liest, verfehlt, dass hier das Ich selbst als Massenwesen erscheint.

Einordnung

Die Schrift gehört zu den wenigen psychoanalytischen Texten, die die Soziologie zwingen, das Unbewusste in der Menge ernst zu nehmen. Sie steht neben Le Bon und neben Wilhelm Reichs späterer Massenpsychologie des Faschismus, die Freuds Libido politisch zuspitzt. Theodor W. Adorno hat in der Dialektik der Aufklärung und in Studien zum autoritären Charakter die Bindung an den Führer als Problem der Kulturindustrie und der Familie weitergedacht. Fromms Anatomie der menschlichen Destruktivität bricht mit dem Todestrieb und behält doch die Frage, warum Mengen grausam werden. Die Kirchen- und Heeresbeispiele haben das Buch anfällig gemacht für die Lesart, Religion und Militär seien nichts als neurotische Organisationen; Freud meint das fast, nimmt es aber als Aufweis der Bindung, nicht als Abschaffungsprogramm.

Nach 1933 hat man die Schrift als Vorhersage gelesen, oft zu Recht in der Beschreibung, zu Unrecht in der Annahme, Freud habe den Nationalsozialismus schon erklärt. Geblieben ist die Formel vom Ichideal, das nach außen wandert. Wer heute über Anhängerschaft, Fanscharen oder politische Bewegungen spricht, ohne nur von Interessen zu reden, spricht mit dieser kleinen, dichten Abhandlung – häufig ohne den Namen Libido, selten ohne die Logik der Identifizierung.

Ideen

Masse

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.