Tod und die rechte Hand

Robert Hertz · 1907 · Sachbuch, Anthropologie


Das Werk
Deutscher Titel: Tod und die rechte Hand
Autor(en): Robert Hertz
Originaltitel: Contribution à une étude sur la représentation collective de la mort / La prééminence de la main droite
Originalsprache: französisch
Erstveröffentlichung: 1907
Schlagwörter: Tod, rechte Hand, Heiliges, Klassifikation
Sachgebiete: Sachbuch, Anthropologie
Greifbare Ausgabe
Verlag: Suhrkamp


Umfang dieser Ausgabe: 96 Seiten
ISBN: 9783518112284
Verweise


Tod und die rechte Hand versammelt in der deutschen Suhrkamp-Ausgabe die beiden kurzen Studien, mit denen Robert Hertz die Durkheim-Schule an den Körper und an den Leichnam gebunden hat: 1907 den Beitrag zur kollektiven Vorstellung des Todes, 1909 die Untersuchung über die Vorherrschaft der rechten Hand. Hertz, Mitarbeiter der Année sociologique, schreibt keine Monographie der Totemreligion und keine allgemeine Religionssoziologie. Er zeigt an zwei scheinbar natürlichen Tatsachen – dass Menschen sterben, dass die eine Hand mehr gilt als die andere –, dass die Gesellschaft die Natur schneidet, bevor jemand sie als Natur erfährt.

Inhalt

Die Todesstudie setzt bei den Dayak Borneos an, bei einem doppelten Begräbnis, das europäische Leser leicht für Umständlichkeit halten. Der Tote wird nicht in einem Akt aus der Welt geschafft. Zwischen dem ersten Niederlegen und dem endgültigen Fest, das die Knochen den Ahnen übergibt, liegt eine Zwischenzeit, in der der Leichnam fault, die Seele unstet bleibt und die Trauernden selbst in einer Art Ausschluss leben: unrein, gefährlich, noch nicht wieder Mitglieder der Alltagsordnung. Hertz liest diese Zwischenzeit nicht als Aberglauben, sondern als soziale Arbeit. Der biologische Tod ist ein Ereignis; der gesellschaftliche Tod ist ein Übergang, der erst vollzogen ist, wenn Fleisch und Person getrennt, die Lebenden wieder eingebunden und der Verstorbene als Ahne ansprechbar ist. Wo ein einziges Begräbnis genügt, verkürzt sich dieselbe Logik, sie verschwindet nicht. Gegen die naheliegende Meinung, Trauer sei privates Gefühl und Verwesung ein hygienisches Problem, setzt Hertz die Behauptung, dass eine Gesellschaft den Toten bearbeiten muss, weil der Riss sonst die Lebenden zerlegt.

Die Studie über die rechte Hand verschiebt denselben Schnitt auf den eigenen Leib. Hertz bestreitet nicht, dass es eine leichte anatomische Neigung zur Rechten geben mag. Er bestreitet, dass daraus die moralische Welt folgt, in der rechts schwört, segnet, speist und schreibt, während links unheimlich, weiblich, nächtlich oder tot bleibt und oft geradezu gelähmt wird. Die Polarität Heilig und Profan, die Émile Durkheim an der Religion entfaltet, sitzt hier im Körper: eine Seite wird geweiht, die andere mit Verboten belegt, bis der Unterschied wie Natur aussieht. Hertz zieht Vergleiche über Kulturen hinweg und findet dasselbe Schema in Gesten, Tracht, Raum und Totenritual – nicht als ewige Symbolik, sondern als Institution, die man anerzogen bekommt. Am Ende denkt er sogar die Gegenprobe: Würde man die Linke nicht mehr lähmen, verlören Gut und Böse einen ihrer leibhaftigen Träger. Das ist keine Aufforderung zum Kultursturz, aber es nimmt der Rechten den Schein der Notwendigkeit.

Beide Texte sind schmal, genau und unfertig im Sinne eines Lebens, das 1915 an der Front bei Marchéville endete. Hertz hinterließ Fragmente zur Sünde und eine alpine Heiligenstudie; Marcel Mauss hat den Freund herausgegeben und die Polarität weitergedacht, ohne aus den Aufsätzen ein System zu machen. Die deutsche Sammlung fügt die zwei Stücke zu einem Buch, das die Schule oft übersprungen hat, weil es keine große Theorie ankündigt. Die Kritik hat den Dualismus später zu starr gefunden: Gesellschaften sind unreiner, als links und rechts es erlauben, Trauer ist nicht überall Zwischenzeit, Händigkeit nicht überall Heiligkeit. Geblieben ist die Methode, am Körper zu zeigen, was die Soziologie sonst an Totem, Kirche oder Staat abliest. Wer Hertz nur als Vorläufer des Strukturalismus bucht, macht aus der Nüchternheit der Quellen eine Ahnenreihe.

Einordnung

Neben Durkheims elementaren Formen und Mauss’ Die Gabe ist dieser Band die körperliche Probe derselben Schule: das Heilige nicht nur als Versammlung, sondern als rechte und linke Seite, als Leichnam, der noch nicht Ahne ist. Das Collège de Sociologie um Georges Bataille, Roger Caillois und Michel Leiris hat Hertz’ Ambivalenz ins Fest, in die Erotik und in die eigene Biographie getrieben; Caillois’ Der Mensch und das Heilige setzt die Typologie voraus, die hier am Leib beginnt. Der Schwesteraufsatz steht in der Bookpedia auch allein als Das Vorrecht der rechten Hand. Die Soziologie des Todes und die Religionswissenschaft haben die Zwischenzeit kanonisiert, oft ohne den durkheimschen Ton. Hertz bleibt der Autor zweier Aufsätze, die wie ein Buch wirken, weil sie die Natur dort treffen, wo niemand sie als Gesellschaft erwartet.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.