Mannesalter

Michel Leiris · 1939 · Sachbuch, Anthropologie


Das Werk
Deutscher Titel: Mannesalter
Autor(en): Michel Leiris
Originaltitel: L'Âge d'homme
Originalsprache: französisch
Erstveröffentlichung: 1939
Schlagwörter: Autobiographie, Scham, Initiation, Ethnographie
Sachgebiete: Sachbuch, Anthropologie
Greifbare Ausgabe
Verlag: Suhrkamp
Erscheinungsort: L'Âge d'homme
Umfang dieser Ausgabe: 220 Seiten
ISBN: 9783518374344
Verweise


Mannesalter (französisch L'Âge d'homme) ist das 1939 erschienene Buch von Michel Leiris, in dem das eigene Leben mit den Mitteln der Ethnographie gelesen wird. Der Mann, der mit Marcel Griaule nach Afrika gereist war und 1934 in L'Afrique fantôme das Feldtagebuch gegen sich selbst gewendet hatte, kehrt den Blick vollends um: Kindheit, Sexualität, Stierkampf, die Narbe – dasselbe Heilige, das die Schule am Ritual suchte, hier als Fall des Verfassers. Die deutsche Fassung von Kurt Leonhard erschien 1963 bei Luchterhand, 1975 bei Suhrkamp; sie hat Leiris neben Georges Bataille gestellt, ohne aus dem Buch einen Roman zu machen.

Inhalt

Leiris erzählt nicht, um eine verlorene Zeit wiederzugewinnen. Er erzählt, um die Identität zur Rede zu stellen, die aus Neurosen, Sprachfetzen und getrübten Erinnerungen besteht und sich nur herstellen lässt, indem man sie riskiert. Der Ich-Erzähler, Mitte dreißig, geistig und körperlich zerschlagen, rekonstruiert die frühkindlichen Quellen seiner Obsessionen: die Strenge und das Begehren, die Scham, die Bilder von Verwundung und Enthauptung, Judith, Lukretia, die Oper, der Hals. Sexualität erscheint nicht als Erfüllung, sondern als Angst und Ritual. Der Stierkampf gibt dem Ganzen das Maß. Der Schreibende setzt sich aus wie der Torero dem Tier; wer ausweicht, hat nicht geschrieben. 1946 hat Leiris dem Buch den Essay De la littérature considérée comme une tauromachie vorangestellt, die Literatur als Stierkampf: Selbstpreisgabe als Ethik, nicht als Bekenntnislust. Gegen Marcel Prousts Suche nach der wiedergefundenen Zeit setzt er die Infragestellung des Ichs, das sich erinnert. Die Psychoanalyse bei Adrien Borel in den dreißiger Jahren ist die Bedingung, nicht die Lösung; das Buch ist die Kur, die keine Heilung verspricht, sondern Wahrhaftigkeit als Gefahr.

Die Methode kommt aus der Ethnographie und kehrt sie um. Was Leiris in Äthiopien am Zar-Kult als rituelles Theater gesehen hatte – Inszenierung, die gleichwohl echte Besessenheit erzeugt –, das wendet er auf Paris, auf die bürgerliche Kindheit, auf den eigenen Körper. Das Heilige sitzt nicht im Stamm, sondern in der Scham, die den Alltag durchschneidet. Gegen Roger Caillois’ Raster in Der Mensch und das Heilige, das Fest, Krieg und Spiel klassifiziert, setzt Leiris den Leib, der sich erinnert und dabei nicht zum Typus wird. Das Collège de Sociologie, das er mit Bataille und Caillois trug, bekommt hier die Autobiographie, die die Theorie nicht schreiben wollte: Initiation ohne Stamm, Opfer ohne Priester, das Unreine am eigenen Geschlecht. Wer das Collège nur als Vortragskreis kennt, unterschlägt diese Selbstpreisgabe. Wer Mannesalter nur als Literatur der Moderne liest, unterschlägt, dass der Verfasser Ethnograph geblieben ist, auch wo er keinen anderen mehr beobachtet.

Das Buch ist retrospektiv und unbarmherzig im Ton, ohne den Schmuck einer Beichte, die Absolution erwartet. Die Kritik hat Voyeurismus, männliche Selbstbespiegelung und die Enge des bürgerlichen Falls genannt; andere haben darin die Erfindung einer Autobiographie gesehen, die das Genre nach Proust noch einmal verschoben hat. Die vier Bände der Règle du jeu, zwischen 1948 und 1976, haben das Verfahren in die Länge der Lebenszeit getrieben, bis zum Selbstmordversuch und zu den politischen Enttäuschungen von der Besatzung bis 1968. Mannesalter bleibt der Schnitt, an dem die Methode zum ersten Mal als Buch dasteht. Die Afrika-Chronik war das Feld; hier ist das Feld der Verfasser. Suhrkamp hat den Band in der deutschen Lesart neben Bataille gelegt. Die Anthropologie hat ihn als Dokument einer Schule genommen, die das Heilige im Alltag suchte und es bei Leiris als Narbe fand.

Einordnung

Leiris hat dem Collège die Autobiographie gegeben, die Durkheims Schule nicht vorsah. Neben Marcel Mauss’ Die Gabe und Caillois’ Heiligentypologie steht Mannesalter als der Text, in dem das Heilige den Beobachter trifft. Bataille hat die Verausgabung als Theorie geschrieben; Leiris schreibt sie als Leben, das sich nicht retten will. Die spätere Autobiographieforschung und die Ethnologie des Beobachters haben das Buch kanonisiert, oft ohne den Stierkampf, der seine Ethik trägt. Wer nach 1939 über Selbstbeobachtung als Wissenschaft spricht, spricht hinter diesem Band: nicht als Bekenntnis, das rührt, sondern als Ritual, das den Schreibenden der Gefahr aussetzt, ohne die das Wort Literatur bei Leiris leer bliebe.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler sind willkommen.

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