Krankheit als Metapher

Susan Sontag · 1978 · Sachbuch, Kulturwissenschaft


Das Werk
Deutscher Titel: Krankheit als Metapher
Autor(en): Susan Sontag
Originaltitel: Illness as Metaphor
Originalsprache: englisch
Erstveröffentlichung: 1978
Schlagwörter: Krankheit, Metapher, Krebs, Tuberkulose
Sachgebiete: Sachbuch, Kulturwissenschaft
Greifbare Ausgabe
Verlag: Fischer Taschenbuch


Umfang dieser Ausgabe: 103 Seiten
ISBN: 9783596238231
Verweise


Krankheit als Metapher (englisch Illness as Metaphor) ist der 1978 erschienene Essay von Susan Sontag über die Bilder, mit denen Gesellschaften tödliche Krankheiten aufladen. Sontag schreibt gegen die Vorstellung, eine Erkrankung sage etwas über den Charakter, die Schuld oder die Lebensführung der Betroffenen. Gleich zu Beginn heißt es, die wahrhaftigste Art, Krankheit zu betrachten – und die gesündeste Art, krank zu sein –, sei die, die sich dem Denken in Metaphern am entschiedensten widersetzt.

Inhalt

Sontag beginnt mit einem Bild, das sie sofort wieder in Frage stellt: Jeder Mensch besitze eine doppelte Staatsbürgerschaft, im Reich der Gesunden und im Reich der Kranken, und früher oder später müsse jeder, wenigstens für eine Weile, den Pass des anderen Reiches vorzeigen. Ihr Gegenstand ist nicht, wie es sich anfühlt, dorthin auszuwandern, sondern die strafenden und rührseligen Vorstellungen, die sich um diese Lage legen. Tuberkulose und Krebs dienen als die beiden großen Fälle. Die Schwindsucht galt im neunzehnten Jahrhundert als Krankheit der Empfindsamen, der Liebenden und der Künstler: Sie machte blass und interessant, sie verzehrte den Körper und verfeinerte, so glaubte man, die Seele; noch die Mode ahmte die hohlen Wangen nach. Krebs dagegen erscheint der Moderne als Krankheit, die man verschweigt. Ärzte verheimlichten die Diagnose vielfach vor den Kranken selbst, Todesanzeigen sprachen von „langer, schwerer Krankheit“, und das Bild der Geschwulst ist das eines Einbruchs, einer Besetzung, eines Feindes im Innern. Beide Vorstellungen haben mit dem medizinischen Verlauf wenig zu tun und mit Moral sehr viel. Sie konnten wuchern, so Sontag, weil man die Ursachen beider Krankheiten lange nicht kannte und keine sichere Behandlung hatte; eine Krankheit, die man versteht und heilen kann, verliert ihren Mythos.

Aus den Metaphern werden Urteile über Menschen. Wer an Tuberkulose starb, hatte zu viel Gefühl oder zu wenig Lebenswillen; wer Krebs bekommt, soll verdrängt, verbissen oder unfähig zur Freude gewesen sein. Psychologische Theorien, die einen krebsanfälligen Charakter behaupten – von Georg Groddeck bis Wilhelm Reich und den Ratgebern ihrer eigenen Zeit –, entlarvt Sontag als moderne Fassung einer sehr alten Idee: Krankheit als Strafe, nur dass der Richter nun die eigene Seele ist. Die Behandlung gerät dadurch in den Schatten der Selbstanklage. Die Sprache des Krieges – Kampf, Invasion, Abwehr, Durchbruch – macht aus dem Körper ein Schlachtfeld und aus dem Kranken einen Soldaten, der verlieren kann, als hätte er nicht genug gewollt. Sontag holt ihre Belege aus Medizin, Psychiatrie und Literatur, von der Antike über Kafkas Briefe bis zu Thomas Manns Zauberberg. Ihre Pointe ist nicht, dass Bilder unwichtig wären. Sie sind gefährlich, weil sie den Blick von der Krankheit auf die Person lenken.

In den letzten Kapiteln verfolgt Sontag die Krankheitsbilder in die Politik. Wer eine gesellschaftliche Gruppe oder eine Gesinnung ein Krebsgeschwür nennt, erklärt sie zu etwas, das nicht behandelt, sondern herausgeschnitten werden muss; Sontag zeigt diese Redeweise bei Revolutionären wie bei Reaktionären und besonders in der nationalsozialistischen Rede über die Juden. Der Essay verlangt deshalb eine Entdämonisierung: Krankheit soll wieder Krankheit sein, schmerzhaft, oft tödlich, behandlungsbedürftig, aber ohne geheimen Sinn. Wer die Metaphern abstreift, entlastet die Betroffenen und räumt der Medizin den Platz ein, den die Moral besetzt hatte. Sontag schreibt das nicht aus Naivität gegenüber der Sprache. Sie besteht darauf, dass bestimmte Bilder Schaden anrichten, weil sie Scham erzeugen, Diagnosen verzögern und aus dem Leiden eine Lektion machen. 1989 hat sie den Faden in Aids und seine Metaphern weitergeführt: Auch Aids sei weder Gottesurteil noch Sünde, sondern eine Krankheit, deren Schrecken durch Deutung nicht kleiner wird. Die deutsche Taschenbuchausgabe in der Übersetzung von Karin Kersten und Caroline Neubaur enthält den Essay von 1978; spätere Ausgaben legen beide Texte zusammen.

Einordnung

Sontag schrieb den Essay, nachdem 1975 bei ihr Brustkrebs festgestellt worden war, während und nach der Behandlung; im Text selbst erwähnt sie die eigene Erkrankung mit keinem Wort. Das unterscheidet ihn von der Bekenntnisliteratur, die Krankheit als Weg zu sich selbst erzählt, und von der älteren Verklärung der Schwindsucht, die im Zauberberg noch nachklingt, dort freilich schon ironisch gebrochen. Neben Kunst und Antikunst und Über Fotografie gehört das Buch zu den Arbeiten, in denen Sontag Deutungen angreift, die Macht über Menschen gewinnen. Die Kulturwissenschaft hat den Text zum Standardwerk der Metaphernkritik gemacht, die Medizinethik zum Argument gegen die Vorstellung, Kranke seien an ihrem Befund schuld. Widerspruch kam von Kranken und aus der Medizinsoziologie: Bilder und Erzählungen könnten auch helfen, eine Krankheit zu tragen, und ganz ohne Metaphern lasse sich nicht denken. Sontag hat Letzteres in Aids und seine Metaphern ausdrücklich eingeräumt und ihr Anliegen schärfer gefasst – es gehe nicht um eine Sprache ohne Bilder, sondern darum, bestimmte Bilder zu entlarven und außer Dienst zu stellen. Seither gehört zu jeder öffentlichen Rede über Krebs, Aids oder eine neue Seuche die Frage, ob sie die Kranken beschreibt oder beschuldigt.

Essays

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