Das Prinzip Hoffnung
| Daten zum Buch | |
|---|---|
| Deutscher Titel: | Das Prinzip Hoffnung |
| Autor(en): | Ernst Bloch |
| Herausgeber: | |
| Erscheinungsort: | |
| Verlag: | Suhrkamp |
| Serie: | Werkausgabe 5 |
| Erscheinungsjahr: | 1954 |
| Seitenanzahl: | 1657 Seiten |
| Originaltitel: | - |
| Originalsprache: | deutsch |
| ISBN-10: | 3518281542 |
| ISBN-13/
EAN-Code: |
9783518281543 |
| Schlagwörter: | Utopie, Hoffnung, Noch-Nicht, Heimat |
| Sachgebiete: | Sachbuch, Philosophie |
| Rezensionen | |
Das Prinzip Hoffnung ist das Hauptwerk von Ernst Bloch, geschrieben 1938 bis 1947 im amerikanischen Exil, zuerst unter dem Titel The dreams of a better life geplant. Es erschien in drei Bänden ab 1954 in der DDR und 1959 bei Suhrkamp. Bloch entfaltet eine Philosophie der konkreten Utopie, gespeist aus Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Karl Marx. Der Begriff ist seither ein geflügeltes Wort der Feuilletons. Das Buch ist literarisch im Eingang, schulmäßig in der Grundlegung, enzyklopädisch in den Wunschbildern, und es endet mit dem Wort Heimat.
Inhalt
Das Vorwort stellt die Fragen, wer wir seien, woher und wohin, was wir erwarten und was uns erwartet: Viele fühlen sich nur als verwirrt, der Boden wankt, Angst wird zur Furcht, und es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen, eine Arbeit, die nicht entsagt und ins Gelingen verliebt ist statt ins Scheitern. Der erste Teil, »Kleine Tagträume«, spricht den Leser als Kind, Jüngling und Alten an, weil das Werk ohne diese Einstimmung als System erdrücken würde. Der zweite Teil, das antizipierende Bewusstsein, ist die philosophische Mitte. Gegen Sigmund Freuds Unbewusstes setzt Bloch das Noch-Nicht-Bewusste: Was in Tagträumen auf Zukunft zugeht, nicht die Nacht, die nur Vergangenes umarbeitet; Grundtrieb ist nicht die Libido, sondern der Hunger. Carl Gustav Jung und Alfred Adler werden schroff abgefertigt. Die Kategorien Front, Novum, Ultimum, die aristotelische Materie als Möglichkeit, der marxistische Kältestrom der Zustandsanalyse und der Wärmestrom der Erwartung sollen zusammenwirken: ohne den einen Blindheit, ohne den anderen Leere.
Die Kategorie Möglichkeit zerlegt Bloch in vier Schichten, vom formal Zulässigen bis zum objektiv-real Möglichen, das in der Materie als Tendenz und Latenz steckt. Die Materie ist keine Klotzmasse, sondern selbstschöpferisch. Aus den Feuerbach-Thesen wird das Verhältnis von Theorie und Praxis: Marxismus als vermittelte Zukunftswissenschaft zum Zweck der Handlung. Das Dunkel des gelebten Augenblicks ist das Jetzt, das man lebt und nie erlebt; in ihm treibt der Hunger, an ihm entscheidet sich echte Zukunft. Bloch bindet spirituelle Fragen an die Klassengesellschaft: Niemand lebt schon wirklich; man sei da und habe sich doch noch nicht. Der dritte Teil liest Wunschbilder in Reklame, Jahrmarkt, Märchen, Reise, Tanz und Bühne, das versöhnliche Ende durchschaut und trotzdem verteidigt. Der zweite Band durchmustert Sozialutopien von Solon bis Morris und technische Wunschbilder; die bürgerliche Technik überliste die Natur, eine Allianztechnik träte mit ihr in ein Bündnis. Der dritte Band gilt Moral, Musik, Tod, Religion, Natur und zuletzt der Heimat: Die wirkliche Schöpfung sei nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginne erst, wenn der arbeitende Mensch sich ohne Entfremdung ergreift – dann entstehe jener Ort, den die Kindheit ahnt und den noch niemand bewohnt hat: Heimat.
Unsicher bleibt das Verhältnis von Enzyklopädie und Begriff. Theodor W. Adorno tadelte, an die Stelle der Arbeit des Begriffs trete ein reißendes Gewässer, stoffreich und geistig arm. Bloch weiß, dass die Fülle der Wunschbilder das Argument tragen und gefährden muss. Der Ton wechselt von der hämmernden Sentenz zur barocken Häufung, ein Marxist, der den Märchen nicht absagt. Das Buch ist aus dem Exil in die DDR gegangen und hat dort Schüler begeistert, bis Bloch 1957 zwangsemeritiert wurde; der dritte Band erschien trotzdem.
Einordnung
Bei Leipziger Studenten der fünfziger Jahre war Bloch eine Gegenstimme innerhalb des Marxismus; Wolfgang Harich gründete mit ihm die Deutsche Zeitschrift für Philosophie und ging nach 1956 ins Zuchthaus. Die eschatologische Wärme hat evangelische Theologen geprägt, voran Jürgen Moltmanns Theologie der Hoffnung und Dorothee Sölle. Hans Jonas antwortete mit Das Prinzip Verantwortung: Nicht das Hoffen, das Verantworten gegenüber einer bedrohten Zukunft sei das Prinzip. Helmut Schelsky schrieb eine eigene Abrechnung. Wer Bloch nur als Utopisten der DDR liest, verfehlt das Exil; wer ihn nur als Metaphysiker des Noch-Nicht liest, verfehlt Marx’ Feuerbach-Thesen.
Neben Das Kapital steht das Prinzip Hoffnung als das andere große unvollendete Versprechen: dort die Anatomie der Ware, hier der Atlas der ungestillten Wünsche. Das Unbehagen in der Kultur setzt den Triebverzicht; Bloch setzt den Tagtraum, der über den Verzicht hinauswill. Die Schwäche hat Theodor W. Adorno genannt, die Stärke liegt in derselben Fülle: Kaum ein anderes philosophisches Buch des Jahrhunderts hat so viele Orte des Wartens ernst genommen, vom Zirkus bis zur musikalischen Schlusswendung. Heimat ist bei Bloch kein Herkunftsmythos, sondern ein Ort, den es noch nicht gab.
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