Essay:Reich-Ranickis Kanon

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Im Herbst 2002 hat Marcel Reich-Ranicki zwanzig deutschsprachige Romane als tragbare Nationalliteratur in einen Schuber des Insel Verlags gelegt. Der Kanon umfasste später Dramen, Erzählungen, Gedichte und Essays; dieser Essay nennt zehn der zwanzig Romane. Es ist keine Rangliste und keine Abschrift des Schubers. Ein Verfasser steht nur mit einem Buch. Wo Reich-Ranicki denselben Namen zweimal genommen hat, bleibt der zweite Band im Abschnitt des ersten.

Die Leitlinie war Lesbarkeit neben Rang: lebendig auch für einen aufgeschlossenen Leser, nicht nur für das Seminar. Vor Goethe fehlt fast alles; Jean Paul kommt nicht vor; unter den zwanzig ist Anna Seghers die einzige Frau. Genau diese Härte hat den Streit gemacht. Die Nachbarschaft ist Wie Listen Kanon machen und der germanistische Epochenkanon – hier zählt die öffentliche Geste eines Kritikers, der die Nationalliteratur noch als gemeinsames Haus dachte.

Goethe hat 1774 den Briefroman geschrieben, der Europa das empfindsame Ich gab. Reich-Ranicki hat daneben die Wahlverwandtschaften in denselben Schuber genommen; ein Verfasser, ein Buch: hier steht der Durchbruch, nicht der spätere Eheroman. Der Kanon braucht den Werther, weil ohne ihn die deutsche Moderne als Gefühl nicht beginnt. Die Wahlverwandtschaften bleiben die kühlere Probe derselben Autorschaft, im Schuber sichtbar, in dieser Zehnerwahl nur als Nachbar.

Hoffmann hat 1815/16 den Mönch Medardus durch Doppelgänger, Blut und Kloster geschickt. Unter den zwanzig ist dies der schwarze Roman, den Reich-Ranicki gegen die glatte Bildungsprosa gehalten hat. Stifters Nachsommer steht nicht in diesem Schuber; er gehört einer anderen Kanonidee. Wer den Kanon nur als Berliner und Lübecker Reihe liest, hat dieses Kloster nicht betreten.

Keller hat den Bildungsroman eines Malers geschrieben, der scheitert und heimkehrt; die Fassung, die der Schuber meint, ist die zweite von 1879/80. Gegen Hoffmanns Wahnsinn setzt Keller die Schweiz, das Geld, die Scham und eine Erziehung, die das Leben nicht trägt. Reich-Ranicki hat den Roman als das große Leben der deutschen Prosa im 19. Jahrhundert genommen, das nicht preußisch ist und trotzdem zur Nationalliteratur gehört.

Fontane hat 1894/95 den Ehebruch als Gesellschaftsstück der Mark erzählt: Innstetten, Crampas, der Dienst, der die Liebe nach dem Duell tötet. Der Schuber enthält auch Frau Jenny Treibel; hier zählt Effi, weil sie die Frau zur Titelheldin macht, ohne ihr die Erzählstimme zu geben. Der Kanon braucht diesen Roman, weil Fontane die Ironie hat, die Reich-Ranicki an der deutschen Prosa suchte, und weil ohne Effi das 19. Jahrhundert als Männerhaus stehen bliebe.

Thomas Mann hat 1901 den Verfall einer Lübecker Kaufmannsfamilie zur Chronik einer Klasse gemacht. Im Schuber stehen daneben die Zauberberg-Jahre; die Regel gibt Mann das Haus, mit dem die Nation ihn gelesen hat, bevor sie ihn als Zeitdiagnose des Sanatoriums las. Der Nobelpreis hat die Liste beglaubigt, die Liste den Nobelpreis. Der Zauberberg bleibt der andere Mann desselben Kanons, hier als Nachbar, nicht als zweiter Abschnitt.

Heinrich Mann hat 1905 den Gymnasialprofessor Raat erzählt, der an der Kunstreiterin Rosa Fröhlich scheitert und sich selbst zur Fratze wird. Reich-Ranicki hat den Bruder nicht mit dem Untertan geholt, sondern mit diesem früheren Roman der Entwürdigung. Der Kanon der zwanzig braucht die Satire, die das Wilhelminische nicht als Untertanengehorsam, sondern als Schule und Begehren lesbar macht. Der Untertan bleibt das schärfere politische Buch; Unrat ist das, was der Schuber tatsächlich enthält.

Kafka hat 1925 das Gericht hinterlassen, das nicht spricht und nicht entlässt. Der Kanon holt den Prager ins Deutsche, als wäre die Nationalliteratur ohne ihn unvollständig – und sie ist es. Reich-Ranicki hat den Roman als selbstverständlich genommen; die Selbstverständlichkeit ist die Leistung. Gegen Manns Kaufmannshaus setzt Kafka die Stille des Ganges.

Döblin hat 1929 die Großstadt als Montage erzählt: Reklame, Bibel, Schlachthof, Franz Biberkopf. Im Kanon der zwanzig ist das der Einbruch der Moderne, die nicht mehr Lübecker Familie heißt. Reich-Ranicki hat Döblin gehalten, den die Schule oft hinter Mann zurückstellt. Ohne Alexanderplatz wäre der Schuber eine Geschichte des Hauses, nicht der Straße.

Roth hat 1932 den Untergang der Habsburgermonarchie als Familiengeschichte der Trotta geschrieben: den Helden von Solferino, den Sohn im Amt, den Enkel, der den Takt des Marsches nicht mehr hält. Der Schuber holt das Österreichische ins Deutsche, ohne es zur Heimatliteratur zu machen. Wer Reich-Ranickis Kanon nur als Berliner und Lübecker Reihe liest, hat diesen Marsch nicht gehört.

Grass hat 1959 die Nachkriegsrepublik mit der Stimme Oskars erzählt, der nicht wachsen will. Der Schuber der Romane endet nicht hier – es folgen Koeppen, Frisch, Bernhard –, aber in dieser Zehnerwahl ist die Blechtrommel der letzte Roman, der noch Nationalliteratur im Sinne Reich-Ranickis sein sollte: erzählbar, figurös, öffentlich. Der Nobelpreis kam später und hat den Schluss beglaubigt. Wer Grass nur als Skandal kennt, hat den Kanon nicht gelesen, der ihn als Erben von Mann und Döblin einsetzt.

Was diese zehn zusammenhalten

Empfindsamkeit, Teufelselixier, Malerleben, Ehebruch der Mark, Kaufmannsverfall, Gymnasialfratze, Gericht, Straße, Marsch, Blechtrommel: Reich-Ranicki hat eine Linie von 1774 bis 1959 gezogen und sie kaufbar gemacht. Im Schuber bleiben außerdem Hesses Unterm Rad, Musils Törleß, Seghers’ siebtes Kreuz, Doderers Strudlhofstiege, Koeppens Tauben im Gras, Frischs Montauk und Bernhards Holzfällen. Die Lücken des Kanons – Jean Paul, Ingeborg Bachmann als Romancière, der Experimentalroman, fast die gesamte Literatur von Frauen – sind der Streit. Der Schuber ist kein Gesetzbuch; er ist die Geste eines Kritikers, der die Nation noch als Lesepublikum dachte.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.

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