Der kleine Herr Friedemann

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Der kleine Herr Friedemann
Autor(en): Thomas Mann
Herausgeber:
Erscheinungsort:
Verlag: Fischer Taschenbuch
Serie:
Erscheinungsjahr: 1897
Seitenanzahl: 80 Seiten
Originaltitel: Der kleine Herr Friedemann
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3596523915
ISBN-13/

EAN-Code:

9783596523917
Schlagwörter: Verzicht, Leidenschaft, Kränkung, Selbsttötung
Sachgebiete: Novelle
Rezensionen
Umschlag

Der kleine Herr Friedemann ist eine Novelle von Thomas Mann, im Mai 1897 in der Neuen deutschen Rundschau erschienen, 1898 titelgebend für den ersten Erzählungsband bei S. Fischer. Johannes Friedemann, seit einem Sturz vom Wickeltisch verwachsen, hat sich ein Leben aus Verzicht, Musik und stiller Bildung gebaut; eine schöne, kalte Frau reißt den Bau ein. Mann nannte den Text später einen Markstein: Hier klinge erstmals das Grundmotiv der Heimsuchung an, der Einbruch der Leidenschaft in ein behütetes Dasein. Vor den Buddenbrooks und vor Der Tod in Venedig steht diese kurze Zerstörung. Ulrich Mühe spielte Friedemann 1990 im Fernsehen.

Inhalt

Johannes Friedemann fällt als Säugling von der Kommode und bleibt klein, spitzbrüstig, mit zu langen Armen; das Gesicht zwischen den Schultern gilt trotzdem als beinahe schön, rehbraune Augen, feines Haar. Die Familie gehört zu den ersten Kreisen einer mittelgroßen Handelsstadt, ist nach dem Tod des Vaters, eines niederländischen Konsuls, aber nicht mehr reich. Die Mutter behütet ihn wehmütig, drei ältere, selbst unschöne Schwestern bleiben unverheiratet und sorgen. Mit sechzehn sieht Johannes, wie das Mädchen, das er liebt, einen anderen küsst. Er würgt den Schmerz hinunter, beschließt, sich nie wieder um all dies zu bekümmern, geht nach Hause und nimmt ein Buch oder die Geige. Nach dem Tod der Mutter, dem zweiten großen Leid, wird er, so der Erzähler, zum Epikureer der kleinen Freuden: Theater, Literatur, die Einsicht, dass Bildung Genussfähigkeit sei. Er erreicht das dreißigste Jahr und erwartet den Rest mit Seelenfrieden.

Dann kommt die neue Bezirkskommandantur. Oberstleutnant von Rinnlingen bringt aus Berlin die Frau Gerda, vierundzwanzig, rothaarig, reiterisch, rauchend, der Stadt zu burschikos und zu kalt. Johannes ist beim ersten Anblick wie betäubt. Beim Anstandsbesuch wünscht sie, mit ihm zu musizieren, und deutet Kränklichkeit an, eine geheime Verwandtschaft im Unglück. Auf einem Abend im Haus der Rinnlingens fordert Gerda ihn auf, sie in den Park an den Fluss zu begleiten. Auf der Bank spricht sie sein Gebrechen an und entlockt ihm das Geständnis, das ganze bisherige Leben sei Lüge und Einbildung gewesen. Sie lobt seine Tapferkeit und sagt, auch sie verstehe sich ein wenig auf das Unglück. Johannes sinkt auf die Knie und offenbart das Liebesbedürfnis, das er seit der Jugend verdrängt hat.

Gerda wehrt ihn nicht ab und beugt sich nicht zu ihm; sie blickt über ihn hinweg, stößt ihn dann mit verächtlichem Lachen von sich und lässt ihn allein. Johannes fühlt sich behandelt wie ein Hund, schiebt sich auf dem Bauch zum Wasser, lässt den Oberkörper hineinfallen und hebt den Kopf nicht wieder. Die Grillen stocken kurz und zirpen weiter, der Park rauscht, aus der Ferne kommt gedämpftes Lachen. Die Natur nimmt keinen Anteil. Mann hat die fünfzehn knappen Kapitel so gebaut, dass der Verzicht als Weisheit erscheint, bis er als Furcht entlarvt ist, und die Heimsuchung als Chance, bis sie als Vernichtung endet. Friedemann stirbt nicht an der Missbildung. Er stirbt an dem Augenblick, in dem er aufhört, sie zu verwalten.

Einordnung

Mann hat 1940 in Princeton die Novelle als Geschichte eines von der Natur stiefmütterlich Behandelten gelesen, der klug-sanft mit dem Schicksal abschließt, bis eine grausame Schönheit den Bau umstürzt. 1897 schrieb er an Otto Grautoff, er habe in solchen Masken öffentlichkeitsfähig von sich sprechen können; die Forschung hat darin auch das nicht ausgelebte gleichgeschlechtliche Begehren gesehen, das Mann zur Figur des Ausgeschlossenen machte. Dasselbe Motiv der Heimsuchung trägt Aschenbach in Der Tod in Venedig, Potiphars Weib in Joseph und seine Brüder, spielerisch montiert die Frau Schweigestill in Doktor Faustus. Friedemann ist die frühe, harte Form: keine Seuche, keine Kunsttheorie, nur ein Park, ein Fluss, ein Lachen.

Vladimir Nabokov folgte 1924 in der Berliner Erzählung Der Kartoffelelf den Motiven dicht: ein kleinwüchsiger Mann, Verzicht, eine androgyne Frau, der Tod. Wer Manns Frühwerk als Vorstufe der Buddenbrooks abtut, übersieht, wie fertig die Mechanik hier schon ist. Die angegebene Fischer-Ausgabe hält die Novelle einzeln; sie braucht keine Sammlung, um zu wirken. Wer nach diesem Text über Verzicht als Lebensform spricht, spricht hinter Johannes Friedemann; wer Gerda nur als kalte Verführerin abhakt, hat ihre eigene Rede vom Unglück nicht gehört. Das Lachen aus dem Haus ist das letzte Wort, nicht die Moral des Erzählers.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.