Das Narrenschiff

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Das Narrenschiff
Autor(en): Christoph Hein
Herausgeber:
Erscheinungsort:
Verlag: Suhrkamp
Serie:
Erscheinungsjahr: 2025
Seitenanzahl: 750 Seiten
Originaltitel: Das Narrenschiff
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3518475355
ISBN-13/

EAN-Code:

9783518475355
Schlagwörter: DDR, Funktionäre, Anpassung, Untergang
Sachgebiete: Roman
Rezensionen
Umschlag

Das Narrenschiff ist der 2025 bei Suhrkamp erschienene Gesellschaftsroman von Christoph Hein, eine Chronik der DDR aus der Sicht ihrer mittleren und höheren Kader, nicht aus der der Opfer. Der Titel zitiert das Lehrgedicht Sebastian Brants von 1494, meint aber einen Staat, der als das bessere Deutschland gelten wollte und nach vierzig Jahren fast spurlos verschwand. Hein, der bisher oft von unten erzählt hat, wagt hier den Blick von oben: auf das ZK, die Blockparteien, die Kulturverwaltung und die Familien, die von vorauseilendem Gehorsam leben. Der Band stand monatelang auf den Verkaufslisten; eine Fernsehserie ist angekündigt. Wer Brants Narren auf dem Rhein erwartet, findet Funktionäre auf einem Schiff, das von Anfang an gegen Klippen steuert.

Inhalt

Karsten Emser, Ökonomieprofessor und Mitglied des Zentralkomitees, kehrt 1945 aus dem Moskauer Exil nach Berlin zurück, ein Mann, den die Jahre im Hotel Lux zum Schweigen erzogen haben. Neben ihm stehen die Ehefrau Rita Emser, Stellvertreterin des Bürgermeisters von Weißensee, der Hütteningenieur Johannes Goretzka, der Stalin verehrt und eine Vergangenheit als Fahnenjunker verschweigt, und Yvonne Goretzka, die aus Not heiratet, ins Kulturhaus und später in die Filmverwaltung gerät und der SED beitritt, weil Leitungsstellen Parteibücher verlangen. Yvonnes Tochter Kathinka, deren jüdischer Vater auf der Flucht umgekommen ist, sitzt als Schulkind neben Wilhelm Pieck und wird zur Rahmenfigur des Buches: An ihr misst Hein, was aus der Republik wird, wenn die Gründergeneration stirbt. Der Anglist Benaja Kuckuck, Sohn eines Juden, aus britischem Exil ohne Professur geblieben, zensiert Kinderfilme und witzelt in der Tischrunde, bis auch dort das Schweigen herrscht. Hein mischt erfundene Namen – Walter Ulbricht, Erich Honecker, Markus Wolf als „Markus Fuchs“ – mit erfundenen Leben, die typisch sein sollen für Anpassung, Opportunismus und den Rest von Ideal.

Das erste Buch führt bis zum 17. Juni 1953: Johannes verliert die erhoffte Staatssekretärsstelle, Yvonne tritt in die Partei ein, um nicht wieder „Tippse“ zu sein, Karsten hält im ZK den Mund. Im zweiten Buch wird Johannes als Abweichler gebrandmarkt, weil sein Sektor Investitionsmittel für die Schwerindustrie verlangt, während die Linie Konsumgüter will; er fährt auf die Bezirksparteischule nach Ballenstedt und kehrt als Buchhalter zurück, ein gebrochener Mann. Karsten berichtet nach dem XX. Parteitag der KPdSU bruchstückhaft von Stalins Verbrechen, vom Freund, den man 1939 aus der Lubjanka nach Buchenwald auslieferte, und nennt sich selbst einen Narren auf einem Narrenschiff. Der Mauerbau zerstört die Tischrunde. Kathinka verliert den Westberliner Freund, arbeitet als Kranfahrerin, studiert Philosophie in Leipzig und heiratet gegen den Willen des Stiefvaters den Logikstudenten Rudolph Kaczmarek, der der Staatspartei Dummköpfe und Speichellecker nennt; der Prager Frühling, den Karsten mit Ota Šik hätte teilen mögen, wird niedergeschlagen, und Karsten scheidet ehrenvoll aus dem ZK.

Das vierte Buch zeigt Ulbrichts Entmachtung am Döllnsee, Wahlbetrug, Ausreiseanträge, Friedensgebete und den Fall der Mauer. Rudolph bleibt ohne Professur, weil man ihn als Rädelsführer einer Wittenberger Gruppe denunziert; die Tochter Priska erhält Schulverbot, weil sie montags in die Nikolaikirche geht. Nach 1989 wird Kathinka arbeitslos und baut eine Vertretung der Bertelsmann Stiftung in Leipzig auf; Rudolph bekommt endlich den Lehrstuhl; die Kinder gehen nach Kanada und Schweden. Yvonne und Karsten sterben, während der Staat untergeht, den sie mitgetragen haben. Hein erzählt in hundertzwanzig weitgehend chronologischen Kapiteln, in einer gleichmäßigen, fast litaneihaften Prosa, die Idealismus in Gewohnheit und Gewohnheit in Lebenslüge übergehen lässt. Der Roman will weder anklagen noch verteidigen; er zeigt, wie man in einen Opportunismus hineinwächst, der sich selbst für Vernunft hält.

Einordnung

Hein hat die DDR oft von unten beschrieben, in Novellen und Romanen der kleinen Leute; hier sitzen die Figuren an Tischen, an denen über Plan, Zensur und Parteistrafen gesprochen wird. Der Blick von oben macht die Zwangsläufigkeit kenntlich: Fachwissen unterliegt der Linie, Liebe unterliegt der Versorgung, Rede unterliegt der Angst, die in Moskau gelernt wurde. Historiker haben faktische Ungenauigkeiten gerügt und davor gewarnt, Prosa für Dokumentation zu nehmen; Hein hat geantwortet, der Roman sei kein Lehrbuch. Die Nähe zu Christiane Hein in Kathinka und zu Heins eigener Biographie in Rudolph ist durchsichtig und stört die Erfindung nicht, weil die Figuren als Typen tragen. Neben Kruso und Jakob der Lügner, die Insel und Ghetto von unten zeigen, steht dieses Narrenschiff als Epos der Mittelschicht im Staatssozialismus.

Der Titel verführt zum Vergleich mit Brant; Hein meint nicht die Moralsatire des Humanismus, sondern ein Schiff ohne steuernden Sinn, auf dem Narren und Mitläufer denselben Kurs halten. Die geplante Serie von Tom Tykwer wird die Breite des Personals in Bilder übersetzen müssen, die der Roman absichtlich karg hält: wenig Ortsschilderung, viel Gespräch, viel indirekte Rede. Wer nach 2025 über die DDR als Lebenszusammenhang von Funktionären spricht, nicht nur als Stasi und Mauer, kommt an diesem Band vorbei. Er ist Chronik und Beichtspiegel zugleich, geschrieben von einem Autor, der den Staat gekannt hat, ohne ihn zu verklären.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.