Essay:Zehn berühmte Romananfänge: Unterschied zwischen den Versionen
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| − | Der erste Satz eines Romans ist oft bekannter als das Buch. | + | Der erste Satz eines Romans ist oft bekannter als das Buch. Kenner geben ihn einander zum Raten auf; die Schule schreibt ihn an die Tafel; das Feuilleton tut, als ließe sich an ihm schon die ganze Geschichte ablesen. Das ist eine Übertreibung. Aber es ist wahr, dass einige Anfänge so fest im Gedächtnis sitzen, dass man sie nicht mehr vom Werk trennen kann. |
| − | Dieser Essay zählt '''zehn''' solche Anfänge. Es ist keine Rangliste und kein Wettbewerb. Es sind Sätze, die immer wieder genannt werden | + | Dieser Essay zählt '''zehn''' solche Anfänge. Es ist keine Rangliste und kein Wettbewerb. Es sind Sätze, die immer wieder genannt werden, aus [[Don Quijote]], [[Die Leiden des jungen Werther]], [[Stolz und Vorurteil]], [[Moby Dick]], [[Madame Bovary]], [[Anna Karenina]], [[Effi Briest]], [[Die Verwandlung]], [[Der Prozeß]] und [[1984]]. Was in der Zitatvorlage steht, steht so in einer '''gemeinfreien''' Ausgabe; der Wortlaut ist nicht nacherzählt. Fremdsprachige Sätze erscheinen zuerst im Original, darunter eine '''wörtliche deutsche Wiedergabe''' zum Verständnis – keine Buchübersetzung einer späteren, oft noch geschützten Ausgabe. Anfänge, deren Verfasser oder Übersetzer noch dem Urheberrecht unterliegen – etwa [[Der Herr der Ringe]], [[Lolita]] oder [[Hundert Jahre Einsamkeit]] –, fehlen absichtlich. |
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| − | [[Autor:Miguel de Cervantes|Miguel de Cervantes]] | + | {{Zitat |
| + | |Text=En un lugar de la Mancha, de cuyo nombre no quiero acordarme, no ha mucho tiempo que vivía un hidalgo de los de lanza en astillero, adarga antigua, rocín flaco y galgo corredor. | ||
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| + | |Quelle=''[[Don Quijote]]'', 1605, erstes Kapitel. Spanisch nach Project Gutenberg, E-Book Nr. 2000. | ||
| + | |Übersetzung=An einem Ort in der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Hidalgo von der Sorte mit der Lanze im Gestell, altem Schild, magerem Gaul und Windhund zum Jagen. | ||
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| − | + | Der Satz tut, als wüsste er mehr, als er sagt. Ein Flecken in der Mancha – und der Name wird verweigert. Dann kommt kein Held, sondern ein Hidalgo mit Hausrat. Bevor das Ritterspiel beginnt, steht das Inventar. Der moderne Roman fängt hier nicht mit einer Tat an, sondern mit einem Haushalt und einer Ausrede. | |
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| − | + | [[Autor:Johann Wolfgang von Goethe|Johann Wolfgang von Goethe]], 1774. Das Büchlein öffnet der Herausgeber: | |
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| − | + | |Text=Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt und lege es euch hier vor, und weiß, daß ihr mir's danken werdet. | |
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| − | + | |Quelle=''[[Die Leiden des jungen Werther]]'', Erstes Buch. Projekt Gutenberg-DE. | |
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Der erste Brief, datiert auf den 4. Mai 1771, setzt neu ein: | Der erste Brief, datiert auf den 4. Mai 1771, setzt neu ein: | ||
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| − | + | Zwei Anfänge, ein Buch. Der Herausgeber sammelt und weissagt Tränen. Werther selbst stößt den Satz aus, der sitzt: Fortsein als Glück, im selben Atem der Freund, den er verlassen hat. Der Briefroman braucht keine Einleitung. Er braucht eine Stimme, die schon mittendrin ist. | |
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| + | |Übersetzung=Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein unverheirateter Mann im Besitz eines schönen Vermögens eine Frau brauchen muss. | ||
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Der Satz stellt sich als Weltgesetz hin und ist Spott. Nicht der Mann braucht eine Frau – die Nachbarschaft braucht seine Heirat. Was folgt, ist das Gespräch der Bennets, in dem diese angebliche Wahrheit zur Hausordnung wird. Austen braucht keine Lehre. Sie braucht eine Maxime, die sich selbst verrät. | Der Satz stellt sich als Weltgesetz hin und ist Spott. Nicht der Mann braucht eine Frau – die Nachbarschaft braucht seine Heirat. Was folgt, ist das Gespräch der Bennets, in dem diese angebliche Wahrheit zur Hausordnung wird. Austen braucht keine Lehre. Sie braucht eine Maxime, die sich selbst verrät. | ||
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Drei Wörter, und der Erzähler ist da. Er sagt nicht, wie er heißt. Er sagt, wie man ihn nennen soll. Ismael ist der Verstoßene, der Zuhörer, der Überlebende. Der Satz ist klein; das Buch, das ihm folgt, ist ein Wal. Genau darin liegt seine Kraft: Wer so anfängt, darf danach Anatomie, Predigt und Jagd hintereinanderbinden, weil eine Stimme uns schon beim Namen genommen hat. | Drei Wörter, und der Erzähler ist da. Er sagt nicht, wie er heißt. Er sagt, wie man ihn nennen soll. Ismael ist der Verstoßene, der Zuhörer, der Überlebende. Der Satz ist klein; das Buch, das ihm folgt, ist ein Wal. Genau darin liegt seine Kraft: Wer so anfängt, darf danach Anatomie, Predigt und Jagd hintereinanderbinden, weil eine Stimme uns schon beim Namen genommen hat. | ||
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| − | + | |Quelle=''[[Madame Bovary]]'', 1857, Erster Teil, Kapitel I. Project Gutenberg, E-Book Nr. 14155. | |
| + | |Übersetzung=Wir waren bei der Schularbeit, als der Direktor eintrat, gefolgt von einem Neuen in bürgerlicher Kleidung und einem Schuldiener, der ein großes Pult trug. | ||
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Der Roman, den alle für Emmas Buch halten, beginnt nicht bei Emma. Er beginnt in der Schulstube, in der Wir-Form, mit einem neuen Schüler: Charles. Der Erzähler ist dabei und zieht sich danach zurück. Flaubert hat später verlangt, der Verfasser solle im Werk sein wie Gott in der Welt – überall und nirgends sichtbar. Der erste Satz zeigt noch die Naht: jemand hat zugesehen, bevor die Unparteilichkeit beginnt. | Der Roman, den alle für Emmas Buch halten, beginnt nicht bei Emma. Er beginnt in der Schulstube, in der Wir-Form, mit einem neuen Schüler: Charles. Der Erzähler ist dabei und zieht sich danach zurück. Flaubert hat später verlangt, der Verfasser solle im Werk sein wie Gott in der Welt – überall und nirgends sichtbar. Der erste Satz zeigt noch die Naht: jemand hat zugesehen, bevor die Unparteilichkeit beginnt. | ||
| − | == | + | == [[Anna Karenina]] == |
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| + | |Text=Happy families are all alike; every unhappy family is unhappy in its own way. | ||
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| + | |Quelle=''[[Anna Karenina]]'', 1877/78, englisch nach Constance Garnett, Project Gutenberg, E-Book Nr. 1399. Der Roman ist russisch; Garnett ist gemeinfrei. | ||
| + | |Übersetzung=Alle glücklichen Familien gleichen einander; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich. | ||
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| − | + | Was der Anfang tut, bleibt gleich, in welcher Sprache man ihn liest: Er stellt eine Regel auf und nimmt sie im zweiten Glied zurück. Dann steht das Haus der Oblonski im Chaos – und die Regel hat schon ihren ersten Fall. | |
| − | + | == [[Effi Briest]] == | |
| − | + | {{Zitat | |
| − | + | |Text=In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetzten Rondell warf. | |
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Kein Ausruf, keine Maxime. Ein Herrenhaus, eine Straße, ein Schatten, eine Sonnenuhr. Fontane legt in einem Satz den Ort, an dem Effi später nicht mehr wohnen darf. Wer den Roman kennt, hört im Rondell schon das Grab. Wer ihn nicht kennt, sieht nur den Mittag. Beides ist Absicht. | Kein Ausruf, keine Maxime. Ein Herrenhaus, eine Straße, ein Schatten, eine Sonnenuhr. Fontane legt in einem Satz den Ort, an dem Effi später nicht mehr wohnen darf. Wer den Roman kennt, hört im Rondell schon das Grab. Wer ihn nicht kennt, sieht nur den Mittag. Beides ist Absicht. | ||
| − | == | + | == [[Die Verwandlung]] == |
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| − | + | |Text=Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. | |
| − | + | |Autor=[[Autor:Franz Kafka|Franz Kafka]] | |
| − | + | |Quelle=''[[Die Verwandlung]]'', Leipzig: Kurt Wolff, 1915. Erzählung, kein Roman; der Satz gehört gleichwohl zu den meistgenannten Anfängen der deutschen Prosa. | |
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Der Satz berichtet das Ungeheuerliche im Ton einer Meldung. Kein Schrei, kein Zweifel am Geschehenen. Die Träume waren unruhig; verwandelt ist er danach. 2007 belegte dieser Anfang den zweiten Platz im Wettbewerb »Der schönste erste Satz«. Berühmt ist er, weil er die Ordnung des Alltags nicht verlässt, während er sie zerstört. | Der Satz berichtet das Ungeheuerliche im Ton einer Meldung. Kein Schrei, kein Zweifel am Geschehenen. Die Träume waren unruhig; verwandelt ist er danach. 2007 belegte dieser Anfang den zweiten Platz im Wettbewerb »Der schönste erste Satz«. Berühmt ist er, weil er die Ordnung des Alltags nicht verlässt, während er sie zerstört. | ||
| − | == | + | == [[Der Prozeß]] == |
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| − | + | |Text=Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. | |
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| − | + | |Quelle=''[[Der Prozeß]]'', Erstes Kapitel, »Verhaftung«. Erstdruck Berlin 1925; Wortlaut bei Zeno.org. Kurt Tucholsky zitierte denselben Satz 1926. | |
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Wieder ein Morgen, wieder ein Mann, dem etwas zugestoßen ist, bevor der Text beginnt. »Jemand mußte« – die Vermutung steht, die Instanz nicht. Josef K. ist verhaftet und bleibt, wie sich gleich zeigt, frei genug, in die Bank zu gehen. Der Anfang erfindet keine Schuld. Er erfindet das Verfahren. | Wieder ein Morgen, wieder ein Mann, dem etwas zugestoßen ist, bevor der Text beginnt. »Jemand mußte« – die Vermutung steht, die Instanz nicht. Josef K. ist verhaftet und bleibt, wie sich gleich zeigt, frei genug, in die Bank zu gehen. Der Anfang erfindet keine Schuld. Er erfindet das Verfahren. | ||
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| + | |Text=It was a bright cold day in April, and the clocks were striking thirteen. | ||
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| + | |Quelle=''[[1984]]'', 1949, Teil I, Kapitel 1. Project Gutenberg Australia, 0100021. Orwell starb 1950; in Deutschland ist der englische Text gemeinfrei. | ||
| + | |Übersetzung=Es war ein heller, kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn. | ||
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| − | Ein klarer, kalter Apriltag: das könnte | + | Ein klarer, kalter Apriltag: das könnte Wirklichkeitsschilderung sein. Dann schlagen die Uhren dreizehn. Die Welt ist um eine Stunde aus dem Gelenk. Winston Smith ist noch nicht genannt; der Staat ist schon in der Uhr. |
== Was der erste Satz nicht kann == | == Was der erste Satz nicht kann == | ||
| − | Keiner dieser Anfänge trägt das Buch allein. | + | Keiner dieser Anfänge trägt das Buch allein. Die drei Wörter aus [[Moby Dick]] wären nichts ohne die Pequod. Die Sonnenuhr in [[Effi Briest]] wäre Gartenbeschreibung ohne den späteren Stein. Das Ungeziefer in [[Die Verwandlung]] wäre ein Einfall, wenn nicht der nüchterne Ton durchhielte. Der erste Satz ist ein Versprechen. Das Buch muss es halten. |
| − | Andere Sätze, die in | + | Andere Sätze, die in Raterunden ebenso fest sitzen, fehlen hier, weil sie nicht frei zitiert werden dürfen. Das ist kein Urteil über ihren Rang. Es ist die Grenze, an der ein Lexikon aufhört, fremde Sätze auszugeben, als gehörten sie ihm. |
== Nachweise == | == Nachweise == | ||
| − | * Miguel de Cervantes: ''El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha.'' Project Gutenberg, E-Book Nr. 2000. | + | * [[Autor:Miguel de Cervantes|Miguel de Cervantes]]: ''[[Don Quijote|El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha]].'' Project Gutenberg, E-Book Nr. 2000. |
| − | * Johann Wolfgang von Goethe: ''Die Leiden des jungen Werther.'' Projekt Gutenberg-DE. | + | * [[Autor:Johann Wolfgang von Goethe|Johann Wolfgang von Goethe]]: ''[[Die Leiden des jungen Werther]].'' Projekt Gutenberg-DE. |
| − | * Jane Austen: ''Pride and Prejudice.'' Kapitel I. Wikisource, Ausgabe London 1817. | + | * [[Autor:Jane Austen|Jane Austen]]: ''[[Stolz und Vorurteil|Pride and Prejudice]].'' Kapitel I. Wikisource, Ausgabe London 1817. |
| − | * Herman Melville: ''Moby-Dick; or, The Whale.'' Project Gutenberg, E-Book Nr. 2701. | + | * [[Autor:Herman Melville|Herman Melville]]: ''[[Moby Dick|Moby-Dick; or, The Whale]].'' Project Gutenberg, E-Book Nr. 2701. |
| − | * Gustave Flaubert: ''Madame Bovary.'' Project Gutenberg, E-Book Nr. 14155. | + | * [[Autor:Gustave Flaubert|Gustave Flaubert]]: ''[[Madame Bovary]].'' Project Gutenberg, E-Book Nr. 14155. |
| − | * | + | * [[Autor:Lew Tolstoi|Lew Tolstoi]]: ''[[Anna Karenina]].'' Übersetzung Constance Garnett. Project Gutenberg, E-Book Nr. 1399. |
| − | * Theodor Fontane: ''Effi Briest.'' Projekt Gutenberg-DE. | + | * [[Autor:Theodor Fontane|Theodor Fontane]]: ''[[Effi Briest]].'' Projekt Gutenberg-DE. |
| − | * Franz Kafka: ''Die Verwandlung.'' Leipzig: Kurt Wolff, 1915. | + | * [[Autor:Franz Kafka|Franz Kafka]]: ''[[Die Verwandlung]].'' Leipzig: Kurt Wolff, 1915. |
| − | * Franz Kafka: ''Der Prozeß.'' Berlin 1925; Wortlaut bei Zeno.org. Vgl. Kurt Tucholsky: »Der Prozeß«, 1926. | + | * [[Autor:Franz Kafka|Franz Kafka]]: ''[[Der Prozeß]].'' Berlin 1925; Wortlaut bei Zeno.org. Vgl. Kurt Tucholsky: »Der Prozeß«, 1926. |
| − | * George Orwell: ''Nineteen Eighty-Four.'' Project Gutenberg Australia, 0100021. | + | * [[Autor:George Orwell|George Orwell]]: ''[[1984|Nineteen Eighty-Four]].'' Project Gutenberg Australia, 0100021. |
| − | * Zum | + | * Zum Erraten berühmter Anfänge: Jens Jessen: »Die Marquise ging um fünf Uhr aus.« In: ''Die Zeit'', Nr. 34/2016. |
* Zum Wettbewerb 2007: Artikel »Die Verwandlung« in der deutschsprachigen Wikipedia, Abschnitt zur Rezeption (»Der schönste erste Satz«). | * Zum Wettbewerb 2007: Artikel »Die Verwandlung« in der deutschsprachigen Wikipedia, Abschnitt zur Rezeption (»Der schönste erste Satz«). | ||
Aktuelle Version vom 19. August 2026, 20:28 Uhr
Der erste Satz eines Romans ist oft bekannter als das Buch. Kenner geben ihn einander zum Raten auf; die Schule schreibt ihn an die Tafel; das Feuilleton tut, als ließe sich an ihm schon die ganze Geschichte ablesen. Das ist eine Übertreibung. Aber es ist wahr, dass einige Anfänge so fest im Gedächtnis sitzen, dass man sie nicht mehr vom Werk trennen kann.
Dieser Essay zählt zehn solche Anfänge. Es ist keine Rangliste und kein Wettbewerb. Es sind Sätze, die immer wieder genannt werden, aus Don Quijote, Die Leiden des jungen Werther, Stolz und Vorurteil, Moby Dick, Madame Bovary, Anna Karenina, Effi Briest, Die Verwandlung, Der Prozeß und 1984. Was in der Zitatvorlage steht, steht so in einer gemeinfreien Ausgabe; der Wortlaut ist nicht nacherzählt. Fremdsprachige Sätze erscheinen zuerst im Original, darunter eine wörtliche deutsche Wiedergabe zum Verständnis – keine Buchübersetzung einer späteren, oft noch geschützten Ausgabe. Anfänge, deren Verfasser oder Übersetzer noch dem Urheberrecht unterliegen – etwa Der Herr der Ringe, Lolita oder Hundert Jahre Einsamkeit –, fehlen absichtlich.
Inhaltsverzeichnis
Don Quijote
«En un lugar de la Mancha, de cuyo nombre no quiero acordarme, no ha mucho tiempo que vivía un hidalgo de los de lanza en astillero, adarga antigua, rocín flaco y galgo corredor.»
„An einem Ort in der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Hidalgo von der Sorte mit der Lanze im Gestell, altem Schild, magerem Gaul und Windhund zum Jagen.“
Der Satz tut, als wüsste er mehr, als er sagt. Ein Flecken in der Mancha – und der Name wird verweigert. Dann kommt kein Held, sondern ein Hidalgo mit Hausrat. Bevor das Ritterspiel beginnt, steht das Inventar. Der moderne Roman fängt hier nicht mit einer Tat an, sondern mit einem Haushalt und einer Ausrede.
Die Leiden des jungen Werther
Johann Wolfgang von Goethe, 1774. Das Büchlein öffnet der Herausgeber:
„Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt und lege es euch hier vor, und weiß, daß ihr mir's danken werdet.“
Der erste Brief, datiert auf den 4. Mai 1771, setzt neu ein:
„Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“
Zwei Anfänge, ein Buch. Der Herausgeber sammelt und weissagt Tränen. Werther selbst stößt den Satz aus, der sitzt: Fortsein als Glück, im selben Atem der Freund, den er verlassen hat. Der Briefroman braucht keine Einleitung. Er braucht eine Stimme, die schon mittendrin ist.
Stolz und Vorurteil
“It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife.”
„Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein unverheirateter Mann im Besitz eines schönen Vermögens eine Frau brauchen muss.“
Der Satz stellt sich als Weltgesetz hin und ist Spott. Nicht der Mann braucht eine Frau – die Nachbarschaft braucht seine Heirat. Was folgt, ist das Gespräch der Bennets, in dem diese angebliche Wahrheit zur Hausordnung wird. Austen braucht keine Lehre. Sie braucht eine Maxime, die sich selbst verrät.
Moby Dick
“Call me Ishmael.”
„Nennt mich Ismael.“
Drei Wörter, und der Erzähler ist da. Er sagt nicht, wie er heißt. Er sagt, wie man ihn nennen soll. Ismael ist der Verstoßene, der Zuhörer, der Überlebende. Der Satz ist klein; das Buch, das ihm folgt, ist ein Wal. Genau darin liegt seine Kraft: Wer so anfängt, darf danach Anatomie, Predigt und Jagd hintereinanderbinden, weil eine Stimme uns schon beim Namen genommen hat.
Madame Bovary
«Nous étions à l’Étude, quand le Proviseur entra, suivi d’un nouveau habillé en bourgeois et d’un garçon de classe qui portait un grand pupitre.»
„Wir waren bei der Schularbeit, als der Direktor eintrat, gefolgt von einem Neuen in bürgerlicher Kleidung und einem Schuldiener, der ein großes Pult trug.“
Der Roman, den alle für Emmas Buch halten, beginnt nicht bei Emma. Er beginnt in der Schulstube, in der Wir-Form, mit einem neuen Schüler: Charles. Der Erzähler ist dabei und zieht sich danach zurück. Flaubert hat später verlangt, der Verfasser solle im Werk sein wie Gott in der Welt – überall und nirgends sichtbar. Der erste Satz zeigt noch die Naht: jemand hat zugesehen, bevor die Unparteilichkeit beginnt.
Anna Karenina
“Happy families are all alike; every unhappy family is unhappy in its own way.”
„Alle glücklichen Familien gleichen einander; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“
Was der Anfang tut, bleibt gleich, in welcher Sprache man ihn liest: Er stellt eine Regel auf und nimmt sie im zweiten Glied zurück. Dann steht das Haus der Oblonski im Chaos – und die Regel hat schon ihren ersten Fall.
Effi Briest
„In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetzten Rondell warf.“
Kein Ausruf, keine Maxime. Ein Herrenhaus, eine Straße, ein Schatten, eine Sonnenuhr. Fontane legt in einem Satz den Ort, an dem Effi später nicht mehr wohnen darf. Wer den Roman kennt, hört im Rondell schon das Grab. Wer ihn nicht kennt, sieht nur den Mittag. Beides ist Absicht.
Die Verwandlung
„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“
Der Satz berichtet das Ungeheuerliche im Ton einer Meldung. Kein Schrei, kein Zweifel am Geschehenen. Die Träume waren unruhig; verwandelt ist er danach. 2007 belegte dieser Anfang den zweiten Platz im Wettbewerb »Der schönste erste Satz«. Berühmt ist er, weil er die Ordnung des Alltags nicht verlässt, während er sie zerstört.
Der Prozeß
„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“
Wieder ein Morgen, wieder ein Mann, dem etwas zugestoßen ist, bevor der Text beginnt. »Jemand mußte« – die Vermutung steht, die Instanz nicht. Josef K. ist verhaftet und bleibt, wie sich gleich zeigt, frei genug, in die Bank zu gehen. Der Anfang erfindet keine Schuld. Er erfindet das Verfahren.
1984
“It was a bright cold day in April, and the clocks were striking thirteen.”
„Es war ein heller, kalter Apriltag, und die Uhren schlugen dreizehn.“
Ein klarer, kalter Apriltag: das könnte Wirklichkeitsschilderung sein. Dann schlagen die Uhren dreizehn. Die Welt ist um eine Stunde aus dem Gelenk. Winston Smith ist noch nicht genannt; der Staat ist schon in der Uhr.
Was der erste Satz nicht kann
Keiner dieser Anfänge trägt das Buch allein. Die drei Wörter aus Moby Dick wären nichts ohne die Pequod. Die Sonnenuhr in Effi Briest wäre Gartenbeschreibung ohne den späteren Stein. Das Ungeziefer in Die Verwandlung wäre ein Einfall, wenn nicht der nüchterne Ton durchhielte. Der erste Satz ist ein Versprechen. Das Buch muss es halten.
Andere Sätze, die in Raterunden ebenso fest sitzen, fehlen hier, weil sie nicht frei zitiert werden dürfen. Das ist kein Urteil über ihren Rang. Es ist die Grenze, an der ein Lexikon aufhört, fremde Sätze auszugeben, als gehörten sie ihm.
Nachweise
- Miguel de Cervantes: El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha. Project Gutenberg, E-Book Nr. 2000.
- Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Projekt Gutenberg-DE.
- Jane Austen: Pride and Prejudice. Kapitel I. Wikisource, Ausgabe London 1817.
- Herman Melville: Moby-Dick; or, The Whale. Project Gutenberg, E-Book Nr. 2701.
- Gustave Flaubert: Madame Bovary. Project Gutenberg, E-Book Nr. 14155.
- Lew Tolstoi: Anna Karenina. Übersetzung Constance Garnett. Project Gutenberg, E-Book Nr. 1399.
- Theodor Fontane: Effi Briest. Projekt Gutenberg-DE.
- Franz Kafka: Die Verwandlung. Leipzig: Kurt Wolff, 1915.
- Franz Kafka: Der Prozeß. Berlin 1925; Wortlaut bei Zeno.org. Vgl. Kurt Tucholsky: »Der Prozeß«, 1926.
- George Orwell: Nineteen Eighty-Four. Project Gutenberg Australia, 0100021.
- Zum Erraten berühmter Anfänge: Jens Jessen: »Die Marquise ging um fünf Uhr aus.« In: Die Zeit, Nr. 34/2016.
- Zum Wettbewerb 2007: Artikel »Die Verwandlung« in der deutschsprachigen Wikipedia, Abschnitt zur Rezeption (»Der schönste erste Satz«).
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.