Essay:Ausgesondert nach 1945
Nach 1945 wurden aus deutschen Bibliotheken, Schulen und Buchhandlungen Schriften geholt, die den Nationalsozialismus, den Krieg und die Rassenlehre getragen hatten. Das war keine zweite Verbrennung und kein Index der Kirche. Es war eine Aussonderung: Exemplare sollten nicht mehr verliehen, nicht mehr verkauft, oft nicht einmal mehr sichtbar stehen. Dieser Essay nennt acht Werke, an denen sich das zeigt. Es ist keine Rangliste und keine Ehrenrettung. Ein Verfasser steht nur mit einem Buch. Die Nachbarschaft ist der Essay zu den Büchern mit verheerender Wirkung und zu den Büchern der Verbrennung 1933: dort die Schriften, nach denen gehetzt und getötet wurde, und die Nacht, in der andere Bücher Asche wurden; hier der Nachkriegsstaat, der denselben Bestand aus den Regalen nahm.
Die Kennzeichnung ist ausgesondert. Am 13. Mai 1946 befahl der Alliierte Kontrollrat die Einziehung nationalsozialistischen und militaristischen Schrifttums in allen Besatzungszonen. In der sowjetischen Zone ließ die Deutsche Verwaltung für Volksbildung, gestützt auf die Deutsche Bücherei in Leipzig, Verzeichnisse drucken: eine vorläufige Ausgabe nach dem Stand vom 1. April 1946, dann Nachträge 1947, 1948 und 1953. Die digitalisierten Originalverzeichnisse sind die Quelle, nicht die Wikipedia-Seite über sie. Hitler und Rosenberg stehen dort mit sämtlichen Schriften. Grimms Kolonialroman steht mit Titel. Die Protokolle stehen in den nationalsozialistischen Ausgaben. Chamberlains Rassenlehre steht in Auswahlen der Kriegsjahre. Gobineau, Binding und Hoche, Kolbenheyers Trilogie sind älter als die Partei; sie stehen hier, weil dieselbe Reinigung die rassistische, eugenische und völkische Lehre aus den Magazinen holte, nicht nur die Parteibücher von 1933 bis 1945. Die späteren Nachträge haben den Bestand erweitert, bis auch sozialdemokratische, trotzkistische und katholisch-antistalinistische Titel fielen – das gehört in den Schluss, nicht in eine zweite Märtyrertafel. Wer nur Remarque und Keun als verbotene Literatur liest, hat diese andere Hälfte nicht gesehen: Ein Buch, das man nicht mehr ausleihen darf, ist dadurch weder wahr noch mutig.
Hitler hat 1925 und 1926 das Buch geschrieben, das der neue Staat zur Pflichtlektüre und zum Geschenk der Standesämter machte. Die vorläufige Leipziger Liste von 1946 führt ihn mit sämtlichen Schriften und den unkritischen Schriften über ihn. Das ist die Aussonderung als Verwaltungsakt: nicht ein Gericht, das einen Roman wägt, sondern der Befehl, ein Programm aus dem öffentlichen Bestand zu nehmen, das zwölf Millionen Mal im Umlauf gewesen war. Gegen die Verbrennung von 1933, die Weimarer Lektüre als Feind markierte, setzt dieser Eintrag das umgekehrte Verfahren. Die Kennzeichnung bleibt genau: ausgesondert, nicht auf einem Opernplatz verbrannt. In der Bundesrepublik hat später der Freistaat Bayern Neuauflagen über das Urheberrecht verhindert; das ist ein zweites Ereignis und hat den eigenen Abschnitt im Essay zur Zensur in der Bundesrepublik. Hier zählt die Bibliothek der Jahre nach 1945, die das Buch nicht mehr verleihen sollte. Die kommentierte Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte von 2016 gehört nicht in diese Aussonderung, sie beendet eine andere Sperre.
Rosenberg hat 1930 neben das Programm die Weihe gestellt: Rasse als Religion, der Mythus, der das Tun heilig spricht. Die Liste von 1946 führt ihn, wie Hitler, mit sämtlichen Schriften. Ausgesondert wird hier nicht ein abseitiger Traktat, sondern das zweite ideologische Buch der Partei, das in den Haushalten lag, oft ungelesen wie Mein Kampf, und doch die Sprache lieferte, in der Lehrer, Amtsträger und die SS ihre Feinderklärung als Kult verstehen konnten. Gegen Grimms Erzählung vom fehlenden Boden setzt Rosenberg die Metaphysik, die den Boden heilig spricht. Die Aussonderung hat diesen Priesterton aus den Magazinen genommen, ohne damit die Wirkung zu löschen, die das Buch vor 1945 gehabt hat. Wer nur Hitler aus den Regalen holt und Rosenberg stehen lässt, hat die Arbeitsteilung von Befehl und Weihe nicht verstanden.
Grimm hat 1926 den kolonialen Roman geschrieben, dessen Titel zur Formel der Lebensraumpolitik wurde. Die Liste von 1946 führt den Titel eigens, in der Bertelsmann-Kriegsausgabe von 1944. Das ist die Belletristik auf dem Verzeichnis: nicht ein Parteitag, eine Saga von über tausend Seiten, in der die Enge des Weserberglands und der Hof in Südwestafrika dasselbe Recht auf fremden Boden erzählen. Gegen Bindings knappes Gutachten setzt Grimm die Länge, die den Griff nach Land als Schicksal lesbar macht. Nach 1945 hielt Grimms eigener Verlag in Lippoldsberg den Text im Druck; die Aussonderung der öffentlichen Bestände und das Weiterleben im privaten Haus des Verfassers fallen also nicht zusammen. Genau das zeigt die Kennzeichnung: ausgesondert heißt nicht, dass jedes Exemplar verschwunden war. Es heißt, dass Leihbibliothek und Schule den Roman nicht mehr als Bildung führen sollten.
Die Fälschung, anonym, um 1900 in Paris im Umfeld der russischen Geheimpolizei zusammengesetzt, steht auf der Liste in den Ausgaben, mit denen der Nationalsozialismus sie zum Schulbuch gemacht hat: Gottfried zur Beeks Geheimnisse der Weisen von Zion im Eher-Verlag, die Hammer-Ausgabe der zwanziger Jahre. Ausgesondert wird hier nicht ein irrtümlich anstößiger Roman, sondern die Lüge, die Pogrome, Ford und die Parteischule gespeist hat. Jede Widerlegung war schon vor 1945 zum weiteren Beweis erklärt worden; die Nachkriegsverwaltung hat daraus die Folgerung gezogen, den Text aus dem sichtbaren Bestand zu nehmen. Gegen Chamberlains vornehme Kulturgeschichte setzt die Fälschung die Sitzung, die es nie gegeben hat. Der Werkartikel der Bookpedia nennt die Darstellung von Wolfgang Benz, keine nackte Neuauflage. Wer die Aussonderung dieser Protokolle mit der Verbrennung Kafkas in einem Satz nennt, hat Akteur, Zweck und Text nicht unterschieden.
Chamberlain hat 1899 Germanentum und Rasse zum Schlüssel des Jahrhunderts erklärt und dem Bildungsbürgertum einen Antisemitismus geliefert, der wie Kunst- und Religionsgeschichte aussah. Die Liste von 1946 führt ihn nicht mit dem Erstdruck von 1899, sondern mit den kriegsnahen Auswahlen: Die Rassenfrage, Die germanische Rasse, der Band, der ihn zum Seher des Dritten Reiches machte. Das ist die ehrliche Form der Aussonderung: getroffen wird der Lehrer, der in den Schul- und Hausbibliotheken der dreißiger und vierziger Jahre stand. Hitler hat Chamberlain besucht; die Wirkung war die Weihe, nicht nur die Phrase. Gegen Gobineaus französischen Niedergang setzt Chamberlain die deutsche Erwählung. Wer nach 1945 nur die Parteibücher holte und den Bayreuther Propheten in der kulturgeschichtlichen Abteilung ließ, hätte die Sprache stehen lassen, aus der die Parteibücher kamen.
Gobineau hat 1853 bis 1855 die Rasse zum Geschichtsgesetz gemacht und den Niedergang durch Mischung prophezeit. Der Pariser Erstdruck steht auf der Leipziger Liste von 1946 nicht als Zeile. Er steht in diesem Essay, weil der Kontrollratsbefehl rassistisches Schrifttum meinte, nicht nur das Impressum der Jahre 1933 bis 1945, und weil deutsche Übersetzungen und rassenkundliche Auswahlen genau den Bestand füllten, den Bibliotheken nach dem Krieg als Vorläufer der nationalsozialistischen Lehre erkannten. Chamberlain, Rosenberg, die Kolonialromane haben aus diesem Register gelebt. Die Aussonderung, die nur Eher und Bruckmann träfe und Gobineau als unschuldigen Franzosen des 19. Jahrhunderts stehen ließe, hätte die Herkunft der Sprache nicht berührt. Gegen Bindings medizinische Kälte setzt Gobineau die große Erzählung vom Verfall. Aufnahme ist keine Empfehlung und kein Beweis, dass 1946 jeder Band in Leipzig verzeichnet war; sie ist der Hinweis, dass Aussonderung eine Lehre trifft, nicht nur ein Erscheinungsjahr.
Binding und Hoche haben 1920 in einem schmalen akademischen Gutachten freigegeben, was später Aktenzeichen der Aktion T4 wurde. Kein Parteibuch, ein juristisches und psychiatrisches Papier aus dem Verlag Felix Meiner. Die vorläufige Liste von 1946 führt den Titel nicht als eigene Zeile; Rudolf Georg Binding, der Dichter, steht mit Bekenntnissen zum neuen Deutschland, nicht der Strafrechtler Karl. Das Gutachten gehört dennoch in diese Aussonderung, weil die Nachkriegsbibliotheken der Medizin und des Rechts genau solche Texte als geistige Voraussetzung des Mordes aus den Seminarmagazinen nahmen, und weil Verfolgung oft den Ton der Sachlichkeit braucht. Gegen Rosenbergs Mythus setzt es die Rechnung, die Pflege als Last verbucht. Wer nur die Parteischriften aussonderte und das Gutachten als Wissenschaft stehen ließ, hätte die Sprache der Ärzte nicht getroffen, die töteten, ohne immer das Parteibuch aufzuschlagen.
Kolbenheyer hat zwischen 1917 und 1925 den Arzt Theophrastus von Hohenheim zur Verkörperung »deutschen Wesens« umgedeutet: gegen lateinische Gelehrsamkeit, gegen das, was er mittelmeerischen Geist nannte, mit dem »dritten Reich« im Titel des Schlussbands, das Joachim von Fiore meint und doch in die völkische Erlösungsgeschichte gekippt ist. Die Liste von 1946 führt nicht die Trilogie, sondern die Reden der dreißiger und vierziger Jahre: der Lebensstand der geistig Schaffenden, der Einzelne und die Gemeinschaft. Ausgesondert wird der Name, der auf der Gottbegnadetenliste stand, und mit dem Namen verschwand das Hauptwerk aus den Leihbibliotheken, auch wo der Einzeltitel von 1917 keine eigene Zeile hatte. Gegen Grimms Kolonialsaga setzt Kolbenheyer die historische Maske. Nach 1945 umgab die Kritik das Werk mit Schweigen; der Klosterhaus-Ton Grimms und das Weiterwohnen im eigenen Mythos sind die westdeutsche Parallele. Die Aussonderung hat diesen Bestand nicht widerlegt, sie hat ihn den öffentlichen Regalen entzogen.
Was diese Bücher zusammenhalten
Programm, Weihe, Kolonialroman, Fälschung, Bayreuther Prophet, französischer Vorläufer, Gutachten, völkische Arztvita: Die Aussonderung nach 1945 hat nicht die mutigen Bücher getroffen, sie hat die Schriften getroffen, die den Mord vorbereitet, geweiht, erzählt oder als Wissenschaft ausgegeben haben. Die Nacht von 1933 hat andere Titel verbrannt. Die Bundesrepublik hat Mein Kampf später über das Urheberrecht gesperrt; das ist ein drittes Ereignis. Die Nachträge von 1947 bis 1953 haben den Leipziger Bestand über den Kontrollratsbefehl hinaus erweitert, bis auch Gegner des Nationalsozialismus fielen, die Gegner Stalins waren. Friedrich Muckermann, sozialdemokratische und trotzkistische Titel fehlen als eigene Abschnitte. Die Lücken sind benannt. Wer nach diesen acht Werken noch glaubt, ein verbotenes Buch sei von selbst ein aufklärerisches, hat die Listen nicht gelesen, in denen das Verbrechen selbst Gegenstand der Aussonderung war.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler sind willkommen.





