Soll und Haben

Gustav Freytag · 1855 · Roman


Das Werk
Deutscher Titel: Soll und Haben
Autor(en): Gustav Freytag
Originaltitel: Soll und Haben
Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1855
Schlagwörter: Kaufmann, Breslau, Adel, Antisemitismus
Sachgebiete: Roman
Greifbare Ausgabe
Verlag: dtv


Umfang dieser Ausgabe: 865 Seiten
ISBN: 9783423020442
Verweise


Soll und Haben ist der 1855 erschienene Roman von Gustav Freytag, in sechs Büchern, zuerst bei Hirzel in Leipzig. Franz Mehring nannte ihn den meistgelesenen deutschen Roman des neunzehnten Jahrhunderts; bis in die frühen Jahre des zwanzigsten blieb er ein Hausbuch des Bürgertums. Freytag stellt die ehrliche Arbeit des deutschen Kaufmanns gegen den verschuldeten Adel und gegen jüdische Figuren, die er als Wucher, Betrug und Körperlichkeit zeichnet. Der Titel meint die kaufmännische Bilanz und zugleich eine Moral, die Soll und Haben der Nation aufmacht. Das Buch ist ein Dokument des bürgerlichen Realismus und ein antisemitisches Lehrstück, das man nicht entschärfen kann, ohne es zu verfälschen.

Inhalt

Anton Wohlfart, Sohn eines schlesischen Rechnungsrats, kommt als Lehrling ins Breslauer Handelshaus T. O. Schröter. Dort lernt er Kolonialwaren, Briefe, Vertrauen und den Stolz, Ware nicht zu sein. Im selben Alter tritt Veitel Itzig, aus demselben Städtchen Ostrau, in den Dienst des Geldverleihers Hirsch Ehrenthal; Freytag stellt die beiden Wege von Anfang an als Gegenrechnung. Bei Schröter arbeiten auch Fritz von Fink, ein adeliger Amerikafahrer mit lockerem Geld, und Sabine Schröter, die Schwester des Prinzipals, die den Laden mitträgt. Anton steigt durch Fleiß, nicht durch Erbschaft. Die Firma wird zum Ort einer Tugend, die Freytag deutsch und protestantisch denkt: Ordnung, Vertrag, Ware gegen Ware.

Parallel verkommt das Haus des Freiherrn von Rothsattel. Der Baron spekuliert, baut, glaubt an Stand und unterschreibt Wechsel, die Ehrenthal und später Itzig in der Hand halten. Antons Jugendfreundschaft mit der Baronstochter Lenore bleibt eine Neigung über der Kluft der Stände; sie heiratet ihn nicht. Ehrenthals Sohn Bernhard, der einzige jüdische Charakter mit Bildung und Sanftmut, stirbt an der Schwindsucht – die Ausnahme, die das Schema bestätigt. Itzig, von Freytag als hässlich, gierig und sprachlich verdreht gezeichnet, treibt den Ruin des Adels voran, fälscht, erpresst und wird zum Zerrbild des Aufsteigers, dem jede Sittlichkeit fehlt. Der jüdische Handelsmann Schmeie Tinkeles liefert komische Szenen in derselben Tonart: der Witz sitzt auf Kosten des Körpers und der Sprache.

Als in der preußischen Provinz der polnische Aufstand aufflackert, hilft Anton, das Rothsattelsche Gut zu verteidigen; der Kaufmann rettet den Adel, der sich selbst nicht retten kann. Fink greift ein, die Rechnung geht auf Kosten derer, die Freytag als fremd markiert hat. Itzig endet im Verbrechen und im Untergang; Anton heiratet Sabine und wird Teilhaber. Lenore bleibt die verfehlte standesgemäße Liebe, der Roman belohnt die Kontorstube. Freytag hat die politische Spitze zuerst gegen den Adel gemeint; in der ausgeführten Fassung trägt der Hass auf die jüdischen Figuren die Moral. Wer Anton bewundert, hat mitgelesen, wie Itzig zum Gegenbild gebaut ist: nicht als Mensch mit Fehlern, sondern als Typus.

Einordnung

Soll und Haben hat dem deutschen Realismus eine Sprache des Kontors gegeben und dem Nationalismus eine Fabel, in der Fleiß deutsch und Betrug jüdisch heißt. Zeitgenossen lasen einen Bildungsroman des Kaufmanns, näher bei Irrungen, Wirrungen als bei der romantischen Verklärung des Adels; sie lasen aber auch die Karikatur, und viele lasen sie als Wahrheit. Hans Mayer hat in der dtv-Ausgabe das Nachwort geschrieben, ohne den Antisemitismus zu leugnen. Rainer Werner Fassbinder wollte den Stoff 1977 verfilmen; das Vorhaben scheiterte an eben dieser Zeichnung. Man kann das Buch nicht als harmlosen Kaufmannsroman führen. Die jüdischen Figuren sind keine Nebenfarbe, sie sind die andere Seite der Bilanz.

Die Nachwelt hat Freytag lange als Stilisten des Realismus geschätzt und die Giftigkeit als Zeitkolorit verbucht. Das ist zu wenig. Der Roman hat Vorstellungen von Wucher, Körper und Sprache in die Mitte des gebildeten Lesens gerückt, die später politisch verwertbar waren, ohne dass man Freytag zum Propheten machen müsste. Er bleibt lesbar als Dokument, wie das Bürgertum sich selbst feierte: gegen den Adel, der nicht wirtschaften kann, und gegen eine Minderheit, der er das Wirtschaften als Laster zuschrieb. Die angegebene Dünndruckausgabe folgt dem Text von 1855. Wer ihn heute aufschlägt, sieht den Stolz des Kontors und den Schaden, den dieser Stolz anrichtet.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler sind willkommen.

Roman entdecken