Sexualität und Wahrheit

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Sexualität und Wahrheit
Autor(en): Michel Foucault
Herausgeber:
Erscheinungsort:
Verlag: Suhrkamp
Serie:
Erscheinungsjahr: 1976
Seitenanzahl: 189 Seiten
Originaltitel: Histoire de la sexualité
Originalsprache: französisch
ISBN-10: 3518283162
ISBN-13/

EAN-Code:

9783518283165
Schlagwörter: Sexualität, Macht, Geständnis, Diskurs
Sachgebiete: Sachbuch, Philosophie
Rezensionen
Umschlag

Sexualität und Wahrheit (französisch Histoire de la sexualité) ist das vierbändige Spätwerk von Michel Foucault über die Herausbildung der modernen Sexualität in den westlichen Gesellschaften. Der erste Band, Der Wille zum Wissen, erschien 1976 in Paris und 1977 deutsch bei Suhrkamp; die Angaben der Infobox beziehen sich auf ihn. Der zweite und dritte Band, Der Gebrauch der Lüste und Die Sorge um sich, folgten 1984, kurz vor Foucaults Tod. Der vierte, Die Geständnisse des Fleisches, blieb wegen einer testamentarischen Verfügung bis 2018 ungedruckt und kam 2019 auf Deutsch heraus. Foucault will dem jungen Begriff der Sexualität die Selbstverständlichkeit nehmen: nicht neue Wahrheiten über das Begehren liefern, sondern fragen, woher die Dringlichkeit kommt, sich darüber wahrheitsfähig zu machen.

Inhalt

Ausgangspunkt des ersten Bandes ist die Kritik der Repressionshypothese: der geläufigen Erzählung, die bürgerliche Moderne habe die Sexualität unterdrückt, zum Schweigen gebracht und müsse nun befreit werden. Foucault stellt drei Fragen. Ob diese Unterdrückung historisch so evidenter sei, wie man glaubt. Ob Macht in modernen Gesellschaften vor allem als Verbot funktioniere. Und ob der Diskurs, der die Repression anklagt, nicht demselben Zusammenhang angehöre wie das, was er denunziert. Statt einer Ökonomie der Knappheit beschreibt er eine Anreizung zu Diskursen: seit dem siebzehnten Jahrhundert eine diskursive Explosion rund um den Sex, eine Säuberung des Vokabulars, die die Macht gesellschaftlich akzeptierbar macht, und zugleich ein wachsendes Wissen, das Geständnis, Beichte, Medizin, Psychiatrie und Pädagogik an den Körper bindet. Wahrheit und Sex werden aneinandergekoppelt; das Subjekt soll sagen, wer es in diesem Punkt ist.

Im neunzehnten Jahrhundert kommt die Einpflanzung von Perversionen hinzu. Die Macht richtet ihr Interesse weniger auf die heterosexuelle Ehe als auf die Abweichler: Kinder, Irre, Kriminelle, Homosexuelle. Sie zerrt deren Sexualität ans Licht, hämmert den Körpern Identitäten ein und verschafft sich über Selbstbeobachtung Zugang zum Leben. Sexualität ist hier kein unterdrücktes Naturding, sondern ein Wissens- und Normalitätssystem, in dem Verlangen, Verhalten und Wahrheit ineinandergreifen. Foucault spricht von Biomacht: einer Macht, die nicht nur tötet, sondern das Leben verwaltet, bevölkert und der Hygiene unterwirft. Der Wille zum Wissen ist der Wille, den Sex zum Schlüssel der Person zu machen. Wer Befreiung durch mehr Rede über Sex erwartet, arbeitet in dieser Beschreibung der Macht zu, die er zu stürzen glaubt.

Die späteren Bände verschieben den Plan. Statt einer Geschichte der Moderne seit dem siebzehnten Jahrhundert geht Foucault in die Antike und in die Kirchenväter: Wie wurden Lüste gebraucht, wie die Sorge um sich organisiert, wie das Fleisch zum Geständnisfeld? Der zweite Band fragt nach der Moral der Lüste bei den Griechen, der dritte nach der römischen und frühchristlichen Sorge um sich, der vierte nach den Geständnissen des Fleisches. Das unvollendete Vorhaben bleibt eine Genealogie: nicht Ursprungssuche, sondern Aufweis, dass das, was uns als Sexualität selbstverständlich ist, eine junge, gemachte Erfahrung ist. Der Ton ist kühl, ohne Empörung über Verbote, und gerade darin scharf gegen jede Politik, die Wahrheit und Begehren für dasselbe hält.

Einordnung

Kein Buch der siebziger Jahre hat die Rede über Sex und Macht so umgedreht wie der erste Band. Neben Überwachen und Strafen steht Sexualität und Wahrheit als Fortsetzung derselben Frage: Wie werden Körper zu Subjekten, indem man sie beobachtet, prüft und sprechen lässt? Die Dialektik der Aufklärung hatte die Herrschaft in der instrumentellen Vernunft gesucht; Foucault sucht sie in den Diskursen, die Freiheit versprechen. Geschlechterforschung und die Kritik der Psychiatrie haben die Repressionshypothese seither kaum noch naiv vertreten. Die Kritik nannte den ersten Band zu thesehaft, die späteren zu antiquarisch, den Bruch mit dem ursprünglichen Plan eine Flucht.

Wer Foucault als Lehrer der sexuellen Befreiung liest, liest gegen das Buch. Wer ihn als Leugner von Gewalt und Verbot liest, verfehlt, dass er die produktive Macht für die wirksamere hält, nicht für die harmlosere. Der vierte Band hat die Debatte verschoben: Die Beichte und das Fleisch sind älter als die Bourgeoisie, und die Moderne erbt ein christliches Wahrheitsverfahren, das sie verweltlicht. Geblieben ist die Zumutung, dass mehr Sprechen über Sex nicht schon weniger Macht bedeutet – eine Zumutung, die das Netzzeitalter nicht entkräftet, sondern verdichtet hat.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.