Nachts unter der steinernen Brücke

Leo Perutz · 1953 · Roman


Das Werk
Deutscher Titel: Nachts unter der steinernen Brücke
Autor(en): Leo Perutz
Originaltitel: Nachts unter der steinernen Brücke
Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1953
Schlagwörter: Prag, Kaiser, Judenstadt, Traum
Sachgebiete: Roman
Greifbare Ausgabe
Verlag: dtv


Umfang dieser Ausgabe: 272 Seiten
ISBN: 9783423130257
Verweise


Nachts unter der steinernen Brücke ist der Roman von Leo Perutz, 1953 bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen, nachdem der Wiener Stammverlag Zsolnay das Manuskript als zu jüdisch zurückgestellt hatte. Perutz hatte in Wien begonnen und in Tel Aviv geendet; zwischen beiden Städten lag die Zerstörung jener Prager Judenstadt, die der Roman als Traum und als Rechnung erzählt. Vierzehn Erzählungen greifen ineinander, ohne dass eine Figur das Ganze übersähe. Im Zentrum stehen Kaiser Rudolf II., die schöne Jüdin Esther und Rabbi Löw, der unter der Karlsbrücke zwei Pflanzen ineinanderbindet, damit eine verbotene Liebe nur im Schlaf stattfinde. Das Buch ist Perutz’ bekanntestes, gerade weil es Legende und Historie nicht trennt.

Inhalt

Rudolf sieht Esther in der Judenstadt und verlangt sie auf den Hradschin. Der Rabbi weigert sich: Esther ist mit dem Kaufmann Mordechai Meisl verheiratet. Der Kaiser droht mit Vertreibung. Löw pflanzt unter der steinernen Brücke Rosenstock und Rosmarin, in denen sich die Seelen der beiden Nacht für Nacht vereinen, ohne dass die Wachenden es wissen. Die Sünde fordert ihren Preis. 1589 sterben die Kinder der Gemeinde; die armen Spielleute Koppel-Bär und Jäckele-Narr fangen auf dem Friedhof einen Kindergeist, und der Rabbi begreift, dass er selbst der Anstifter ist. Er reißt den Rosmarin aus, wirft ihn in die Moldau. Esther stirbt in dieser Nacht, das Kindersterben endet, der Kaiser fährt mit einem Schrei aus dem Bett.

Die übrigen Stücke füllen die Jahre danach, springend, nicht der Reihe nach. Rudolf, hoch verschuldet und kunstversessen, macht Meisl zu seinem heimlichen Schatzmeister: Geld gegen Privilegien, nach Meisls Tod soll der Hof erben. Ein junger Rudolf hat einst einen Silbertaler aus Meisls zukünftigem Schatz gestohlen und ihn nicht loswerden können, bis ein Knabe namens Mordechai den Taler findet. Der Maler Brabanzio soll Esthers Bildnis nach Meisls Worten malen; der inkognito anwesende Kaiser zeichnet aus der Traumerinnerung ihr Gesicht, Meisl erkennt die Tote und bezahlt, Brabanzio reist ab. Kepler berechnet dem jungen Waldstein die Sterne; eine Liebesnacht mit einer maskierten Nachbarin macht den späteren Feldherrn reicher als der geplante Überfall auf Meisl. Hunde sprechen in einer Zelle, ein Alchimist schneidet sich die Adern auf, weil der Kaiser ihn vergessen hat, Geister in der Altneuschul rufen die Namen der Sterbenden.

Als Meisl erfährt, dass Esther die Traumgeliebte des Kaisers war, verschenkt er sein Vermögen, um Rudolf den Erbteil zu nehmen. Böhmen gerät ins Unglück mit. Der Rabbi, der Gutes wirken wollte, hat das Gleichgewicht gestört; seine Zauberworte richten an, was sie heilen sollten. Eine Rahmenhandlung um den Hauslehrer Meisl und den Abriss der Judenstadt um 1900 erinnert daran, dass Perutz als Gymnasiast gesehen hat, wie Gassen und Synagogen dem modernen Prag weichen. Die Figuren der Legende wissen voneinander nur Stücke. Der Leser sieht das Muster, das ihnen verborgen bleibt: Liebe, Schuld, Geld und ein Fluch, der unter der Brücke wächst.

Einordnung

Perutz hat den historischen Roman nicht als Kostümstück geschrieben, sondern als Geflecht, in dem jede Anekdote eine zweite Bedeutung hat, sobald die nächste Erzählung sie beleuchtet. Das Verfahren erinnert an die Prager Schule, an Kafka und an die Golem-Sage, ohne den Golem selbst auftreten zu lassen; Rabbi Löw ist hier kein Schöpfer eines Lehmwächters, sondern ein Magier, der die Natur gegen die Natur stellt. Zsolnay fürchtete nach 1945 das „jüdische Geistesgut“; die Frankfurter Ausgabe kam, der Verlag geriet in Zahlungsschwierigkeiten, und der Roman brauchte Jahrzehnte, bis dtv ihn in der Perutz-Edition festsetzte. Wer Prag nur als goldene Stadt der Kaiser kennt, findet hier die Judenstadt als Gegenhof: arm, witzig, vom Hradschin abhängig und von ihm bedroht.

Die vierzehn Stücke lassen sich einzeln lesen, und genau das hat dem Buch Missverständnisse eingetragen: als Märchenbuch, als historischen bunten Bilderbogen. Perutz erzählt härter. Esthers Tod ist die Rechnung für einen Traum, den der Rabbi ermöglicht hat, um Vertreibung zu verhindern; Meisls Rache ist die Rechnung für einen Kaiser, der im Schlaf nimmt, was ihm wachend verwehrt bleibt. Gegenüber den großen Habsburgerromanen des zwanzigsten Jahrhunderts bleibt Nachts unter der steinernen Brücke leichtfüßig und unerbittlich zugleich. Die steinerne Brücke trägt den Verkehr der Lebenden; darunter wächst, was sie nicht sehen.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler sind willkommen.

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