Max Weber und die deutsche Politik 1890–1920

Wolfgang J. Mommsen · 1959 · Sachbuch, Geschichte


Das Werk
Deutscher Titel: Max Weber und die deutsche Politik 1890–1920
Autor(en): Wolfgang J. Mommsen


Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1959
Schlagwörter: Max Weber, Nationalismus, Machtstaat, Politik
Sachgebiete: Sachbuch, Geschichte
Greifbare Ausgabe
Verlag: Mohr Siebeck


Umfang dieser Ausgabe: 553 Seiten
ISBN: 9783161484803
Verweise


Max Weber und die deutsche Politik 1890–1920 ist die 1959 bei Mohr in Tübingen erschienene Untersuchung von Wolfgang J. Mommsen. Sie ist aus der Kölner Dissertation bei Theodor Schieder hervorgegangen. Mommsen holt Weber aus der Soziologie zurück in die wilhelminische Arena und zeigt ihn als Nationalisten, dessen politisches Ideal der nationale Machtstaat war – nicht der wertfreie Klassiker, zu dem die westdeutsche Nachkriegsrepublik ihn machen wollte.

Inhalt

Mommsen liest Weber nicht als den Entzauberer, der Herrschaft nur typisiert, sondern als Parteigänger seiner Zeit. Die Freiburger Antrittsrede von 1895, Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik, setzt den Ton: Wirtschaftspolitik hat der Macht der Nation zu dienen, Wohlstand ist Mittel, nicht Maßstab. Weber befürwortet die Flotte und eine koloniale Expansion, einen bürgerlichen Imperialismus, der die führende Klasse politisch mündig machen soll, ohne die soziale Frage den Sozialdemokraten zu überlassen. Die Quellen sind Wahlkampfreden, Artikel in der Frankfurter Zeitung, Vorträge auf sozialpolitischen und evangelischen Kongressen, Briefe, die Parteinahme – nicht zuerst das aus dem Nachlass geordnete Gebäude von Wirtschaft und Gesellschaft. Der Soziologe der Bürokratie und der Politiker, der 1918 und 1919 in die Verfassung der Republik hineinwirken wollte, sind derselbe Mann; Mommsen weigert sich, den zweiten als Jugendtorheit abzutrennen.

Das Charisma, das in der Herrschaftssoziologie als Typus erscheint, ist bei Mommsen politisch geladen. Weber denkt einen Führer, der über dem Parteiwesen steht, und ein starkes Parlament zugleich. Das ist in seinem Kopf kein Widerspruch, sondern die Antwort auf Bismarck, der das Bürgertum entwöhnt hatte, selbst zu herrschen. Mommsen zeigt, wie nah diese Konstruktion an der plebiszitären Präsidentschaft liegt, die Weber nach der Niederlage befürwortete. Er war Liberaler gegen die Konservativen und gegen die Revolution, Nationalist gegen den Verzicht auf Weltpolitik, Demokrat aus Misstrauen gegen den dilettantischen Kaiser und aus Furcht vor der ungeführten Masse. Ein Liberaler im Sinne der Bonner Republik war er nicht. Mommsen hält das fest, gegen eine Lesart, die aus dem Soziologen einen Ahnen der offenen Gesellschaft machte und die Reden von 1895 als überwundene Stufe verbuchte.

Das Buch traf 1959 auf eine Zunft, die Weber als wertfreien Methodenlehrer brauchte. Die zweite Auflage von 1974 und die dritte von 2004 haben die Debatten nachgetragen, die These nicht zurückgenommen. Auf dem Heidelberger Soziologentag 1964, zum hundertsten Geburtstag, wurde der Streit öffentlich: Mommsen gegen die Hüter eines unpolitischen Klassikers. Dass die Familien Mommsen und Weber verschwägert waren, machte den Angriff schärfer, nicht weicher. Später gehörte er zu den Herausgebern der Max-Weber-Gesamtausgabe; die Edition hat das Material geliefert, an dem sich prüfen lässt, was 1959 aus Reden und Briefen geschlossen wurde. Die Kritik nannte die Zuspitzung auf den Machtstaat zu hart und die Linie von Freiburg bis 1919 zu glatt. Beides hat das Buch nicht aus der Weber-Literatur verdrängt. Es bleibt die Untersuchung, die den politischen Weber zuerst als Ganzen lesbar gemacht hat.

Einordnung

Ohne diesen Band bleibt Weber der Soziologe der Idealtypen, dessen politisches Leben eine Fußnote wäre. Neben Wirtschaft und Gesellschaft und Politik als Beruf steht hier die Biographie der Gesinnung, die jene Begriffe erst situiert: das Gewaltmonopol, das Charisma, die Verantwortungsethik sind Antworten auf eine Lage, nicht zeitlose Werkzeuge. Hans-Ulrich Wehlers Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918 hat denselben Staat als Struktur gelesen; Fritz Fischers Griff nach der Weltmacht die Kriegsziele als Absicht. Mommsen liefert den Intellektuellen, der in diesem Staat mitdachte und mitredete. Die Bielefelder Gesellschaftsgeschichte hat Weber später als Ahnen gebraucht; dieses Buch ist älter als die Schule und unbequemer als ein Stammvater. Es hat die Rede über den Klassiker verschoben, indem es zeigte, dass Sozialwissenschaft nicht unschuldig war.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.