Kritik und Krise

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Kritik und Krise
Autor(en): Reinhart Koselleck
Herausgeber:
Erscheinungsort:
Verlag: Suhrkamp
Serie: stw 36
Erscheinungsjahr: 1959
Seitenanzahl: 248 Seiten
Originaltitel: -
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3518276360
ISBN-13/

EAN-Code:

9783518276365
Schlagwörter: Aufklärung, Absolutismus, Kritik, Krise
Sachgebiete: Sachbuch, Geschichte
Rezensionen
Umschlag

Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt ist die 1954 in Heidelberg abgeschlossene Dissertation von Reinhart Koselleck, 1959 bei Karl Alber erschienen, seit 1973 als Taschenbuch bei Suhrkamp. Koselleck unterzieht die Aufklärung einer vom Staatsdenken Carl Schmitts geprägten Bestandsaufnahme: Ihre humanistisch-universellen Sätze seien hypokritische Kampfbegriffe, die den absolutistischen Staat unterhöhlt hätten, obwohl dieser den Religionskriegen den Frieden abgewonnen hatte. Der Absolutismus bedingt die Genese der Aufklärung, die Aufklärung die der Französischen Revolution. Die bürgerliche Welt gilt ihm, in medizinischer Metapher, als zerstörerische Krankheit. Das Vorwort dankt Schmitt, der in Gesprächen Fragen stellen half.

Inhalt

Koselleck schreibt gegen die Selbstverständlichkeit, mit der die Aufklärung als Fortschritt erzählt wird. Der absolutistische Staat entsteht aus den konfessionellen Bürgerkriegen; seine Daseinsberechtigung ist Neutralisierung. Thomas Hobbes spaltet den Menschen in Untertan und Privatgewissen: Die Handlungen unterliegen dem Gesetz, die Gesinnung bleibt frei, solange sie den Souverän nicht angreift. Schutz gegen Gehorsam – das ist die moralische Qualifikation des Staates, Ordnung zu stiften, nicht tugendhaft zu sein. Im Schutz dieses Dualismus steigt das Bürgertum auf: Kaufleute, Bankiers, Steuerpächter. Koselleck hält fest, dass die Friedensleistung des Absolutismus von den Aufklärern verkannt wird, die den Staat an der Moral messen, die er gerade aus der Politik verbannt hatte, um das Morden um den Glauben zu beenden.

Im zweiten Anlauf werden Freimaurerlogen und Gelehrtenrepublik zu den Organisationsformen einer privaten Moral, die bald auf Schrift, Kirche und Staat übergreift. Richard Simon, Bayle, Voltaire, Diderot, Kant: Etappen einer Kritik, die den Innenraum sprengt und die bürgerliche Schicht zum potentiellen Träger politischer Macht macht. Das dritte Kapitel liest Rousseau, Raynal und Thomas Paine als Zeugen der Krise, in der die Souveränität der Gesellschaft den Staat einholt. Kritik und Revolution fallen zusammen. Die Herrschaft der Utopie verkennt, dass Macht den Bürgerkrieg verhindert, und greift zur Gewalt, die die Geschichtsphilosophie rechtfertigt. Koselleck sieht darin nicht den Sieg der Vernunft, sondern die Pathogenese: Aus der moralischen Innenwelt wird indirekte Gewalt, aus der Kritik die Krise.

Unsicher wird das Buch, wo aus der Dialektik von Politik und Moral ein Verdikt über die Moderne wird. Die Axiomatik des Politischen ist Schmitts: Der Staat als Verhinderung des Bürgerkriegs, die Kritik als dessen Fortsetzung mit anderen Mitteln. Habermas hat 1960 bestritten, dass etablierte Kritik notwendig die Krise auslöse; die Öffentlichkeit ziele auf Rationalisierung der Politik, nicht auf Moralisierung, und finde im Rechtsstaat ihre Institution. Koselleck selbst hat später den Krisenbegriff umgebaut, von der Krankheitsmetapher zur historischen Kategorie der Beschleunigung. In der Dissertation bleibt die Gegenwart – der Kalte Krieg, die utopischen Ansprüche beider Lager – der ungenannte Horizont. Das achtzehnte Jahrhundert ist Vorraum; das Erbe der Aufklärung sei noch allgegenwärtig.

Einordnung

Die Schrift gilt als eine der wirkmächtigsten historischen Dissertationen des Jahrhunderts, übersetzt in viele Sprachen, früh rezensiert von Schmitt, Helmut Kuhn, Christian Meier und Habermas. Habermas hat in Strukturwandel der Öffentlichkeit historische Hinweise übernommen und die Kernthese verworfen: Öffentlichkeit sei nicht Bürgerkrieg, sondern die Idee der machbaren Geschichte. Der Vergleich mit der Dialektik der Aufklärung liegt nahe und trügt. Horkheimer und Adorno üben Selbstkritik der Aufklärung; Koselleck führt einen Angriff von außen, der die Aufklärer der Heuchelei überführt. Michael Schwartz hat historiographische Fehlurteile und die Parteinahme für das absolutistische Politikverständnis festgehalten.

Neben Der Begriff des Politischen ist dies der Ort, an dem Schmitts Bürgerkriegskategorie in die Geschichtswissenschaft wanderte, ohne dass Koselleck sie so nannte. Die spätere Begriffsgeschichte hat Utopie und säkularisierte Geschichtsphilosophie als Ursachen von Weltbürgerkriegen weitergeführt, den Ton aber entdogmatisiert. Geblieben ist die Behauptung, dass Kritik, sobald sie den Staat moralisch enteignet, die Krise herbeiführt, die sie zu richten vorgibt. Die stw-Ausgabe hat das Buch zum Klassiker der Aufklärungskritik gemacht; es bleibt ein konservatives, scharfsinniges und parteiliches Buch, das man gegen den Strich lesen muss, um von ihm zu lernen.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.