Das Passagen-Werk
| Daten zum Buch | |
|---|---|
| Deutscher Titel: | Das Passagen-Werk |
| Autor(en): | Walter Benjamin |
| Herausgeber: | Rolf Tiedemann |
| Erscheinungsort: | |
| Verlag: | Suhrkamp |
| Serie: | Gesammelte Schriften V |
| Erscheinungsjahr: | 1982 |
| Seitenanzahl: | 1350 Seiten |
| Originaltitel: | - |
| Originalsprache: | deutsch |
| ISBN-10: | 3518285351 |
| ISBN-13/
EAN-Code: |
9783518285350 |
| Schlagwörter: | Paris, Ware, Geschichte, Flaneur |
| Sachgebiete: | Sachbuch, Kulturwissenschaft |
| Rezensionen | |
Das Passagen-Werk ist das unvollendete Projekt, an dem Walter Benjamin von 1927 bis zu seinem Tod 1940 arbeitete. Geplant war eine Geschichtsphilosophie des neunzehnten Jahrhunderts, gelesen vom zwanzigsten her, materialistisch und von theologischen Blitzen durchzogen. Erhalten sind zwei Exposés unter dem Titel »Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts« und mehrere tausend Zitate, Notizen und Exzerpte in sechsunddreißig Konvoluten. Rolf Tiedemann gab sie 1982 als Band V der Gesammelten Schriften heraus, über tausend Seiten. Das Buch, das keines wurde, gilt als eines der bedeutendsten Fragmente der deutschen Literatur.
Inhalt
Den Anstoß gab Louis Aragons Paysan de Paris mit der Beschreibung der 1925 abgerissenen Passage de l’Opéra. Benjamin wollte zuerst einen Aufsatz von fünfzig Seiten; die Sache wuchs ihm zu einer Bestie, die nachts heulte, wenn er sie tags nicht an den entlegensten Quellen getränkt hatte, so an Gershom Scholem 1928. Die überdachten Ladenpassagen von Paris werden zum Eingang einer Welt: Waren, Mode, Prostitution, Reklame, Panoramen, Weltausstellungen, Haussmannsche Boulevards, der Flaneur, der Spieler, die Lesende. Benjamin sammelt, was das Jahrhundert von sich ausstellte, und will darin die Traumgestalt des Kapitals lesbar machen. Die Methode ist die des historischen Materialisten, der nicht fortschreitet, sondern stillstellt: Dialektik im Stillstand, das dialektische Bild, ein Blitz, in dem Gewesenes und Jetzt zu einer Konstellation zusammentreten.
Die Konvolute tragen Stichworte – Mode, Langeweile, Eisenkonstruktion, Baudelaire, Fourier, Marx, die Puppe, der Spiegel – und häufen Zitate, oft ohne Kommentar, oft mit einem Satz, der das Zitat umwendet. Theodor W. Adorno hat später vermutet, Benjamin habe die Zitate als solche veröffentlichen und die Theorie aus der Anordnung treten lassen wollen. Sicher ist das nicht; die Exposés entwerfen durchaus Kapitel und Thesen. Der Sammler, der Flaneur, der Allegoriker sind Figuren, in denen das neunzehnte Jahrhundert sich selbst begegnet. Die Ware wird zur Phantasmagorie: Sie scheint von Zauber belebt, weil die Arbeit in ihr verschwunden ist. Haussmanns Zerstörungen, die Barrikaden, die Weltausstellung als Wallfahrt zum Fetisch – Benjamin schreibt eine Urgeschichte der Moderne, keine Chronik. Die Theologie steckt in der Rettung des Winzigen, im Tigersprung ins Vergangene, den die Über den Begriff der Geschichte später Thesen nennen wird.
1940 vertraute Benjamin das Manuskript Georges Bataille an, der es in der Bibliothèque nationale versteckte. Nach dem Krieg gelangte ein Teil zu Adorno; weitere Stücke tauchten 1981 auf. Der Ton der Notizen ist hart, bildergenau, ohne den Fluss eines Buches. Unsicher bleibt, ob aus der Sammlung ein Werk hätte werden können oder ob die Form des Konvoluts bereits die Form des Gedankens ist. Benjamin selbst schwankte zwischen Aufsatz, Traktat und Zusammenstellung. Wer ein durchkomponiertes Buch erwartet, findet ein Archiv; wer nur das Archiv sieht, verfehlt die zwei Exposés, in denen die These klar dasteht: Das neunzehnte Jahrhundert hat in Eisen und Glas geträumt, und wir erwachen nicht, indem wir den Traum vergessen, sondern indem wir ihn lesen.
Einordnung
Keine unvollendete deutsche Arbeit des zwanzigsten Jahrhunderts ist so oft als Steinbruch benutzt worden. Kulturwissenschaft, Städtebau, Modegeschichte und die Theorie der Moderne haben Motive entnommen, oft ohne die materialistische Pointe. Adorno, der den Nachlass hütete, hat Benjamin zugleich gerettet und zensiert; die Spekulation über das, was das Buch hätte sein sollen, übersteigt das, was es ist. Susan Buck-Morss hat die »Dialektik des Sehens« nachgezeichnet; die Kunstgeschichte hat die Passagen als Geburtsort der Warenkultur gelesen. Neben der Dialektik der Aufklärung, die Mythos und Aufklärung ineinanderblendet, steht das Passagen-Werk als das andere große Fragment der Kritischen Theorie: nicht die These, sondern die Sammlung, aus der Thesen blitzen.
Wer Benjamin nur als Flaneur feiert, verfehlt Karl Marx; wer ihn nur als Marxisten liest, verfehlt die Theologie des Kleinen. Das Unbehagen in der Kultur beschreibt den Triebverzicht der Ordnung; Benjamin beschreibt den Traum, den die Ordnung von sich träumt, wenn sie Eisenkonstruktionen in Märchen verwandelt. Die Ausgabe von 1982 hat aus einem Nachlass ein Buch gemacht, das keines sein wollte – und gerade so Benjamins Verfahren treu bleibt: Rettung durch Stillstellung. Die Passagen sind abgerissen, das Konvolut steht.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.
