Das Alter

Simone de Beauvoir · 1970 · Sachbuch, Gesellschaftstheorie


Das Werk
Deutscher Titel: Das Alter
Autor(en): Simone de Beauvoir
Originaltitel: La Vieillesse
Originalsprache: französisch
Erstveröffentlichung: 1970
Schlagwörter: Alter, Ausgrenzung, Körper, Gesellschaft
Sachgebiete: Sachbuch, Gesellschaftstheorie
Greifbare Ausgabe
Verlag: Rowohlt


Umfang dieser Ausgabe: 778 Seiten
ISBN: 9783499227493
Verweise


Das Alter (französisch La Vieillesse) ist die 1970 bei Gallimard erschienene Untersuchung von Simone de Beauvoir über die Lage alter Menschen. Das Buch ist das Gegenstück zu Das andere Geschlecht: Wieder wird eine Gruppe zu den Anderen gemacht, wieder prüft Beauvoir Biologie, Geschichte und Mythos, bevor sie die gelebte Erfahrung beschreibt. Altern ist unvermeidlich. Die Verachtung, die Armut und das Verstummen, die westliche Gesellschaften den Alten zumuten, sind es nicht.

Inhalt

Der erste Teil betrachtet das Alter von außen und sammelt, was Kulturen darüber gewusst und verschwiegen haben. Beauvoir geht durch die Biologie, die Völkerkunde, die Geschichte vom Altertum bis zur Industriegesellschaft und durch die Literatur, in der Greise als Weise, als Last oder als lächerliche Figuren erscheinen. Die Völkerkunde zeigt, dass der Umgang mit den Alten keine Frage der Gefühle ist, sondern der Lebensverhältnisse: Völker in äußerster Not lassen ihre Alten mitunter zurück, während dort, wo Wissen mündlich weitergegeben wird oder ein Überschuss die Alten tragen kann, ihr Ansehen wächst. Die Moderne, die sich für menschlicher hält als frühere Gesellschaften, schneidet in diesem Befund nicht besser ab: Sobald die Arbeitskraft verbraucht ist, gelten alte Menschen als Ausschuss. Schon das Schweigen um das Thema ist für Beauvoir ein Befund. Solange das Alter nur die anderen betrifft, lässt es sich verdrängen; erreicht es den eigenen Körper, kommt es als Skandal, für den niemand Begriffe hat. Vor allem aber folgt die Lage der Alten nicht aus dem Kalender, sondern aus Klasse und Geschlecht. Wer Vermögen, Bildung und ein Haus besitzt, kann das Alter lange als Fortsetzung des Lebens führen; wer in der Fabrik verbraucht wurde, ist alt, bevor die Statistik ihn so nennt.

Der zweite Teil wechselt in die gelebte Erfahrung. Alter ist, mit einem Begriff aus Sartres Philosophie, etwas „Nicht-Realisierbares“: Man ist alt für die anderen, bevor man es für sich selbst ist, und das Erschrecken vor dem eigenen Spiegelbild oder vor dem Blick der Jüngeren kommt deshalb immer zu früh. Der alternde Körper wird schwer und langsam und ist einem Blick ausgesetzt, der die Jugend zum Maß nimmt und das Begehren der Alten für unanständig erklärt. Auch die Zeit verändert sich: Die Zukunft schrumpft, die Erinnerung dehnt sich, und Vorhaben werden einem streitig gemacht, als hätte man das Recht darauf mit dem Eintritt in den Ruhestand abgegeben. Beauvoir schreibt über Arbeit und Ruhestand, Sexualität, Familie, Einsamkeit, die Heime und den Tod. Berühmte Einzelne wie Chateaubriand, Victor Hugo, Freud oder Clemenceau dienen ihr nicht als Vorbilder, sondern als Beispiele dafür, wie verschieden dasselbe Lebensalter ausfallen kann, je nachdem, ob Ruhm, Geld und Arbeit bleiben oder fehlen. Die Schilderung staatlicher Altersheime und Hospize zeigt das andere Ende: Verwahrung statt Würde. Die Philosophie des Existentialismus, die den Menschen als Entwurf versteht, trifft hier auf eine Lage, in der die Gesellschaft dem Einzelnen den Entwurf wegnimmt.

Am Ende steht weder ein Trost noch eine Weisheitslehre. Beauvoir fordert, das Schweigen zu brechen und die Alten als Subjekte zu hören, nicht als Gegenstand der Fürsorge. Eine großzügigere Alterspolitik allein ändere wenig, solange eine Gesellschaft Menschen nur als nützliche Arbeitskraft zählt; man müsse, schreibt sie, den ganzen Menschen neu schaffen und alle Beziehungen zwischen den Menschen neu gestalten, damit jemand in jedem Alter tätig bleiben kann, ohne Bittsteller zu sein. Das ist dieselbe Strenge wie 1949: Freiheit ist keine Gabe der Natur, die das Alter von selbst gewährt oder nimmt. Sie braucht Bedingungen – Einkommen, Anerkennung und einen Platz, an dem Wünsche noch gelten. Als bloße Klage über den Verfall gelesen, verliert das Buch seine politische Spitze; als Anhang zum Feminismus gelesen, verfehlt es seinen Gegenstand. Beauvoir beschreibt hier eine zweite Gruppe, die zu den Anderen gemacht wird, und zu ihr gehören Männer wie Frauen.

Einordnung

Das Alter ist das letzte große theoretische Werk, das Beauvoir veröffentlicht hat. Es ist weniger berühmt als Das andere Geschlecht, wird aber in der Alternsforschung, besonders in der kritischen Gerontologie, bis heute als frühe Gesamtdarstellung zitiert, die das Alter als gesellschaftliche und nicht bloß biologische Tatsache beschreibt. Die amerikanische Übersetzung erschien 1972 unter dem Titel The Coming of Age, die britische schlicht als Old Age. Neben den Memoiren und dem Werk von 1949 gehört das Buch zu den Texten, in denen Beauvoir eine Lage aus der Philosophie in die Gesellschaft holt, ohne die Philosophie aufzugeben. Seine Frage stellt sich mit jeder älter werdenden Gesellschaft schärfer: ob Selbstbestimmung auch für das letzte Lebensdrittel gilt oder ob man Unmündigkeit stillschweigend als natürliche Folge der Jahre hinnimmt.

Essays

Dieses Buch kommt in diesen Essays vor.

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Später durchgesehen: Ein zweites KI-Sprachmodell hat den Text durchgesehen (Claude Opus 5.5, Anthropic). Es durfte Fakten, Zitate, Links und Formulierungen ändern; was sich geändert hat, zeigt die Versionsgeschichte.

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