Tadellöser & Wolff

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Tadellöser & Wolff
Autor(en): Walter Kempowski
Herausgeber:
Erscheinungsort:
Verlag: btb
Serie: Deutsche Chronik
Erscheinungsjahr: 1971
Seitenanzahl: 480 Seiten
Originaltitel: Tadellöser & Wolff
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3442725488
ISBN-13/

EAN-Code:

9783442725489
Schlagwörter: Rostock, Familie, Krieg, Bürgertum
Sachgebiete: Roman
Rezensionen
Umschlag

Tadellöser & Wolff ist der 1971 erschienene Roman von Walter Kempowski, mit dem die Deutsche Chronik öffentlich begann. Der Titel verdreht den Namen der Zigarrenhandlung Loeser & Wolff, den der Rostocker Reeder-Vater für alles Gute gebrauchte; das Gegenteil hieß bei ihm Miesnitzdörfer & Jenssen. Erzählt werden die Jahre 1938 bis 1945 in einem bürgerlichen Haushalt, der den Nationalsozialismus nicht erfindet, aber bewohnt. Kempowski montiert Dialogfetzen, Lieder, Schulhefte und den Blick des Jungen Walter, ohne zu predigen. Das Buch machte ihn bekannt und wurde 1975 von Eberhard Fechner verfilmt.

Inhalt

Die Familie Kempowski lebt in Rostock: der Vater Karl, Reeder, Sprüchemacher, deutschnational und doch kein Parteibuchheld; die Mutter Grete, haushaltend, sangeslustig, später zur Stütze der Reste; die ältere Schwester Ulla; der Bruder Robert; der jüngste, Walter, durch dessen Wahrnehmung vieles läuft. Gäste kommen, Sprüche fallen, der Rundfunk läuft, die Schule verlangt den Hitlergruß, und zu Hause bleibt der Ton oft der einer komischen Chronik. Der Vater findet vieles tadellos, was es nicht ist; die Formel deckt den Alltag, nicht die Einsicht. Kempowski zeigt den Nationalsozialismus als Klima im Wohnzimmer: Lieder, Nachbarn, Angestellte, der Stolz auf Ordnung, das Weghören.

Der Krieg rückt näher und dann in die Stadt. Karl wird eingezogen und fällt; das Reederei-Leben endet, die Bomben kommen, die Familie rückt zusammen und zerfällt zugleich. Walter erlebt Schule, Jungvolk, Angst und die beharrliche Normalität der Mahlzeiten. Robert und Ulla gehen ihre Wege; Grete hält den Ton, in dem man überlebt, ohne Heldin zu sein. Kempowski zitiert Schlager, Schulaufsätze, Durchhalteparolen und Tischreden so, dass die Epoche aus ihren eigenen Sätzen besteht. Das Entsetzliche steht daneben, oft ohne Kommentar: Wer kommentiert, wäre schon der Nachgeborene, und der Roman bleibt beim Jungen, der noch nicht richtet. Zwischen den Witzen des Vaters und den Sirenen liegt nur die nächste Mahlzeit. Die Verwandtschaft kommt zu Besuch und bringt Urteile mit, die wie Möbel stehen bleiben, auch wenn draußen schon gebrannt hat.

1945 ist Rostock am Ende, die Familie verstreut, der Vater tot, das Bürgerhaus kein Schutz mehr. Der Band schließt nicht mit der Lagerhaft, die Kempowski später erlitt – das gehört zu anderen Teilen der Chronik –, sondern mit dem Zusammenbruch der Welt, die »tadellos« gesagt hatte. Der Witz des Vaters überlebt als Zitat und als Diagnose: Eine Schicht hat den Unfug mit Sprüchen möbliert, bis die Sprüche nichts mehr deckten. Walter wird zum Zeugen, nicht zum Ankläger im Text; die Anklage steckt in der Genauigkeit, mit der die Redensarten gesammelt sind.

Einordnung

Kempowski hat mit diesem Band das Verfahren gefunden, das später das Echolot groß gemacht hat: Collage, Dokument, die Stimme der Zeit gegen die Stimme des Erzählers. Tadellöser & Wolff ist familiengeschichtlich und zugleich ein Gesellschaftsbuch über das norddeutsche Bürgertum im Nationalsozialismus, ohne dass die Familie zur Allegorie der Täterschaft aufgeblasen würde. Fechners Fernsehfilm hat Gesichter und Möbel geliefert; das Buch bleibt hörbar, ein Stimmenprotokoll. Die Chronik umgreift Vorfahren und Nachkrieg, Bautzen und Rückkehr; dieser Band ist das Stück, das die meisten zuerst gelesen haben.

Gegen die pathosreiche Vergangenheitsbewältigung der frühen Bundesrepublik setzt Kempowski den Haushalt. Das ist missverstanden worden als Verharmlosung; es ist das Gegenteil, wenn man die Zitate ernst nimmt. Wer nur die Komik der Vaterworte mitnimmt, hat die Bomben und den toten Reeder überlesen. Wer nur Anklage sucht, verfehlt den Jungen, der in dieser Sprache aufgewachsen ist. Die Chronik als Ganzes zeigt, dass Tadellosigkeit eine Familienformel war, keine Geschichtstheorie. Nach diesem Roman ist das Rostocker Wohnzimmer ein Schauplatz der deutschen Geschichte, nicht ihre Idylle.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.