Hand an sich legen

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Das Werk
Deutscher Titel: Hand an sich legen
Autor(en): Jean Améry
Originaltitel: -
Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1976
Schlagwörter: Freitod, Würde, Selbst, Tod
Sachgebiete: Sachbuch, Essay
Greifbare Ausgabe
Verlag: Klett-Cotta


Umfang dieser Ausgabe: 176 Seiten
ISBN: 9783608939477
Rezensionen
Umschlag

Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod ist die 1976 bei Ernst Klett in Stuttgart erschienene Abhandlung von Jean Améry. Sie nimmt den Selbstmord aus der Hand der Ärzte und gibt ihn dem Subjekt zurück: Wer abspringt, ist nicht notwendig wahnsinnig, und der Hang zum Freitod ist keine Krankheit, von der man geheilt werden müsste wie von den Masern. Zwei Jahre später hat Améry in Salzburg selbst den Freitod gewählt. Der Diskurs ist Argument, nicht Abschiedsbrief, und er bleibt der unbequemste deutsche Text über ein Recht, das die Gesellschaft lieber als Defekt behandelt.

Inhalt

Améry schreibt gegen die psychiatrische und seelsorgerische Enteignung des Sterbens. Der Freitod, so die Grundthese, ist ein Vorrecht des Humanen, weil nur ein Wesen, das sich als Selbst besitzt, die eigene Zeit beenden kann. Tiere verenden; der Mensch kann abspringen. Schon der Titel kehrt die Redensart um: Die Hand, die man an sich legt, ist nicht die des Verbrechers, sondern die des Eigentümers. Gegen Søren Kierkegaards Die Krankheit zum Tode, wo die Verzweiflung Sünde und der Glaube Heilung ist, setzt Améry eine weltliche Würde, die ohne Gott auskommt und gerade deshalb den Absprung nicht als Verfehlung lesen will. Auschwitz und die Folter, über die er zuvor geschrieben hatte, stehen im Hintergrund, ohne das Buch zur Lagerlehre zu machen: Wer einmal zum Ding geschlagen wurde, weiß, was es heißt, sich selbst zu gehören – und was es kostet, wenn andere über den eigenen Tod verfügen.

Der Gang der Kapitel folgt keiner Kasuistik und keiner Statistik. »Vor dem Absprung« gilt der Lage dessen, der die Schwelle schon sieht; »Wie natürlich ist der Tod?« weist die Tröstung zurück, Sterben sei Natur und deshalb hinzunehmen. Natur, so Améry, ist dem Menschen gerade das nicht, was er mit Bewusstsein vollzieht. »Hand an sich legen« und »Sich selbst gehören« führen die Eigentumsmetapher aus: Der Leib ist nicht Depot der Gattung und nicht Eigentum der Klinik. Der letzte Teil, »Der Weg ins Freie«, denkt den Absprung als Austritt, nicht als Niederlage. Freunde, Ärzte, Hinterbliebene erscheinen als die Partei der Bleibenden, deren Moral den Gehenden zum Schuldner macht. Améry kennt die Einwände – Egoismus, Ansteckung, die Trauer der anderen – und lässt sie stehen, ohne ihnen das letzte Wort zu geben. Der Diskurs ist parteilich für den, der geht.

Der Ton ist kühl und verletzt zugleich, näher am Essay als an der Abhandlung, ohne den Trost, den Ratgeberbücher versprechen. Améry schreibt nicht, man solle sterben; er schreibt, man dürfe es, ohne sich nachträglich zum Fall zu machen. Die Sprache wehrt sich gegen das Vokabular der Störung, das den Freitod in die Akte schiebt. Wer hier eine Anleitung sucht, sucht falsch: Es gibt keine Dosis und keine Methode, nur die Behauptung einer Freiheit, die schmerzt. Die Klett-Ausgabe umfasste knapp hundertdreißig Seiten; spätere Drucke bei Klett-Cotta haben den Text im Werkzusammenhang gehalten. Gelesen wird er seither im Wissen um den Tod des Autors, was die Sätze schärft und sie zugleich der Legende aussetzt, hier habe jemand nur sein Ende kommentiert. Der Diskurs ist älter als dieser Tod und unabhängiger von ihm, als die Nachwelt oft zulässt.

Einordnung

1976 hat Améry dem Freitod eine philosophische Würde zurückgegeben, die die Nachkriegspsychiatrie und die christliche Moral ihm genommen hatten, und das in einer Prosa, die den Lagerüberlebenden nicht zum Kronzeugen missbraucht, aber auch nicht vergisst. Neben Kierkegaards Krankheit des Geistes und neben Jean-Paul Sartres Freiheit, die zur Wahl verurteilt, steht dieser Band als die säkulare, verletzte Variante: Freiheit nicht als Entwurf ins Leben, sondern als Recht, den Entwurf zu schließen. Die Suizidologie hat ihn als gefährlich abgewehrt, die Essayistik als Meisterstück des späten Améry behalten, die öffentliche Rede über Sterbehilfe ihn oft verkürzt, als wäre hier nur ein Ja zur Klinikhilfe gemeint. Gemeint ist mehr und weniger: das Eigentum am eigenen Ende, ohne Behörde. Wer nach Améry über den Freitod spricht, als wäre er nur Symptom, hat diesen Diskurs nicht gelesen. Wer ihn als Ermutigung zum Sterben führt, hat die Härte verfehlt, mit der Améry das Bleiben der anderen ernst nimmt und trotzdem dem Gehenden recht gibt.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.