Das Ende der Illusionen

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Das Ende der Illusionen
Autor(en): Andreas Reckwitz
Herausgeber:
Erscheinungsort:
Verlag: Suhrkamp
Serie: edition suhrkamp
Erscheinungsjahr: 2019
Seitenanzahl: 305 Seiten
Originaltitel: -
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3518127357
ISBN-13/

EAN-Code:

9783518127353
Schlagwörter: Spätmoderne, Klassen, Liberalismus, Kultur
Sachgebiete: Sachbuch, Soziologie
Rezensionen
Umschlag

Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne ist das 2019 bei Suhrkamp erschienene soziologische Zeitdiagnosebuch von Andreas Reckwitz. Fünf Aufsätze untersuchen gegenläufige Dynamiken des Übergangs von der industriellen Moderne zur Spätmoderne. Der Glaube an einen ungebrochenen Fortschritt von Demokratie, Markt und Emanzipation sei einer Ernüchterung gewichen, sichtbar im Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen. Der Band knüpft an Reckwitz’ Studie Die Gesellschaft der Singularitäten von 2017 an und wurde im Dezember 2019 auf den ersten Platz der Bestenliste Sachbuch des Monats gesetzt. Er ist ins Englische und in zahlreiche weitere Sprachen übersetzt. Reckwitz lehrt Kultursoziologie; der Ton ist der des Seminars, das die Zeitung erreicht hat.

Inhalt

Reckwitz schreibt gegen die Selbstgewissheit der Jahre vor 2016, der Siegeszug von Markt und Vielfalt sei das Ende der Geschichte im Kleinen. Der erste Aufsatz stellt Samuel P. Huntingtons Kampf der Kulturen zwei Weisen der Kulturalisierung entgegen: die Hyperkultur, weltläufig, individualistisch, auf Verschiedenheit gerichtet, und den Kulturessenzialismus, der Zugehörigkeit als Wesen fasst und der eigenen Gemeinschaft den Vorrang gibt. Gegen beide empfiehlt er eine Kultur des Allgemeinen, die Grenzen anerkennt und Heterogenität nicht als Fest feiert, sondern als Arbeit. Der zweite Aufsatz ersetzt die nivellierte Mittelstandsgesellschaft der Nachkriegszeit durch eine Drei-Klassen-Gesellschaft: akademische neue Mittelklasse, prekäre Dienstleistungsschicht und eine alte Mitte, die nach oben und unten ausdünnt. Die politische Brisanz liege im Auseinanderdriften von Bildungsgewinnern und -verlierern, Stadt und Land.

Der dritte Aufsatz gilt der Wirtschaft: polarisierte Nachindustrie mit wachsender Spitze hochqualifizierter Wissensarbeit und wachsender Unterseite geringer Löhne, dazu ein Kapitalismus, dessen Wertschöpfung auf geistiger Arbeit und immateriellem Eigentum beruht und Erfolg bei wenigen Unternehmen konzentriert. Der vierte beschreibt die erschöpfte Selbstverwirklichung: Besonderheit wird Pflicht und Enttäuschung, solange sie dem Markt gehorcht. Als Korrektiv nennt Reckwitz eine Entökonomisierung des Sozialen oder eine Mischung aus Psychoanalyse und Stoa, mehr Toleranz für Mehrdeutigkeit, mehr Abstand zu den eigenen Affekten. Der fünfte Aufsatz verlässt das Schema von rechts und links. Politische Leitbilder lösen einander ab und geraten in Paradoxien: der Wohlfahrtsstaat erzeuge Abhängigkeit, der entfesselte Markt Ungleichheit und schwache Infrastruktur. Reckwitz wünscht einen einbettenden Liberalismus, der Wirtschaft, Kultur und Politik wieder einfriedet; düstere Ausgänge hält er für möglich.

Unsicher wird der Band, wo die Diagnose zur Therapie wird. Armin Nassehi hat die Beschreibung des kulturellen Kapitalismus gelobt und gefragt, worein sich der neue Liberalismus denn einbetten solle: Staat, Nationalstaat, Gesellschaft? Ulrich Bröckling vermisst die ökologische Krise und den Gedanken, die Spätmoderne könne schon eine Zuspätmoderne sein. Die Klassenskizze hat in der Zeitschrift Leviathan eine Debatte ausgelöst; Nils Kumkar und Uwe Schimank bestritten Umfang und Vorrang der neuen Mitte. Der Ton ist luzide und glatt, ohne Wut und ohne Feldnotizen. Gegenpositionen erscheinen als Szenarien, nicht als gleichstarke Theorien. Reckwitz denkt den Bruch, systematisiert ihn aber nicht.

Einordnung

Kaum ein soziologisches Buch des Jahrzehnts ist so breit von Parteien und Feuilletons aufgenommen worden. Politiker verschiedener Lager haben sich auf die neue und die alte Mitte berufen. Nachbarschaft hat der Band zu Reckwitz’ Singularitätenthese und zu Oliver Nachtweys Abstiegsgesellschaft, der Reckwitz gleichzeitige Aufstiege entgegensetzt. Das Missverständnis der politischen Leser war, hier sei ein Fahrplan für Wahlkämpfe; das der soziologischen, Zeitdiagnose ersetze Gesellschaftstheorie.

Geblieben ist das Vokabular von Hyperkultur, prekärer Klasse und einbettendem Liberalismus, oft verdünnt. Wer nach 2019 über die Spaltung der Mitte, über Vielfalt und Zugehörigkeit und über die Erschöpfung der Selbstverwirklichung spricht, spricht hinter diesem Buch oder gegen es. Es hat die Desillusionierung benannt, ohne sie zu feiern, und Lösungsformeln angeboten, deren Träger unklar bleiben. Lesen heißt beides sehen: die Schärfe der Typen und die Glätte, mit der sie zur Formel werden.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.