Masse und Macht
| Daten zum Buch | |
|---|---|
| Deutscher Titel: | Masse und Macht |
| Autor(en): | Elias Canetti |
| Herausgeber: | |
| Erscheinungsort: | |
| Verlag: | Fischer Taschenbuch |
| Serie: | |
| Erscheinungsjahr: | 1960 |
| Seitenanzahl: | 592 Seiten |
| Originaltitel: | - |
| Originalsprache: | deutsch |
| ISBN-10: | 3596265444 |
| ISBN-13/
EAN-Code: |
9783596265442 |
| Schlagwörter: | Masse, Befehl, Überleben, Macht |
| Sachgebiete: | Sachbuch, Anthropologie |
| Rezensionen | |
Masse und Macht ist das 1960 bei Claassen erschienene philosophische Hauptwerk von Elias Canetti. Der spätere Nobelpreisträger arbeitete mehr als zwanzig Jahre daran, nach Massenerlebnissen in der Weimarer Republik, in Wien 1927 und im Londoner Exil. Das Buch analysiert, wie Menschen in der Masse ihre Berührungsfurcht verlieren und wie Machthaber über Leben und Tod gebieten. Es steht zwischen Anthropologie, Ethnologie, Sozialpsychologie und Mythenkunde, ohne sich einer Schule zu unterwerfen. Canetti verabscheute Ideologien; der Leser soll selbst sehen.
Inhalt
Canetti schreibt gegen die klassische Massenpsychologie von Gustave Le Bon und Sigmund Freud, ohne deren Begriffe zu übernehmen. Nichts fürchte der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes; in der Masse allein werde er von dieser Furcht erlöst. In der Entladung werfen die Beteiligten ihre Verschiedenheit ab und fühlen sich als Gleiche. Das sei Erleichterung, kein Dauerzustand. Sobald die Gleichheit innen herrsche, drohe das Andere draußen; die auffälligste Eigenschaft der Masse sei Zerstörungssucht. Vier Eigenschaften gelten allgemein: Die Masse will wachsen, in ihr herrscht Gleichheit, sie liebt Dichte, sie braucht eine Richtung. Jagd- und Fluchtmassen stehen unter Todesdrohung, Festmassen bejahen das Leben. Doppelmassen begrenzen einander – Lebende und Tote, Männer und Frauen. Massensymbole wie Feuer, Wasser, Wald, Geld und, für die Deutschen bis 1945, das Heer als marschierender Wald rufen Massenempfindungen auf, ohne selbst Menge zu sein.
Macht ist für Canetti eine Chiffre der Gewalt. Sie offenbare sich archaisch im Augenblick des Überlebens, wenn ein Lebender einem Toten gegenübersteht. Das Recht über Leben und Tod sei das sicherste Werkzeug des Machthabers, der paranoid seine Bedrohung spüre. Seine vollkommensten Untertanen seien die, die für ihn in den Tod gegangen sind. Der Befehl sei älter als die Sprache, Erziehung zu einem guten Teil Gewöhnung an Befehle. Jeder Befehl trage eine ursprüngliche Todesdrohung. Canetti zerlegt ihn in Antrieb und Stachel: Die Angst erzwingt die Tat, danach bleibt ein Fremdkörper, der nur vergeht, wenn derselbe Befehl weitergegeben wird – eine Spirale nach unten bis zum Opfer, das niemanden mehr hat. Unaufgelöste Stacheln erzeugten Selbstverleugnung: Menschen unter Befehl seien furchtbarster Taten fähig und erkennten sich später nicht wieder.
Der Ton ist bildhaft, parataktisch, ohne Fußnotenapparat der Schulwissenschaft. Veza Canetti hatte, so der Autor 1963, geistigen Anteil an jeder Silbe. Unsicher wird das Werk, wo anthropologische Konstanten aus Mythen und Tieren die neuere Geschichte erklären sollen und wo Hitler als Typ unter Typen erscheint, ohne den Nationalsozialismus als Bruch eigens zu theoretisieren. Canetti braucht keinen Führer, damit Masse entsteht; bindet ein Machthaber sie dennoch, so sei die Bindung an den Tod wirksamer als Libido. Die Gegenposition zu Freud ist damit ausgesprochen: keine Urszene der Horde, sondern Berührung, Gleichheit, Befehl.
Einordnung
Kaum ein Buch der Nachkriegszeit hat Masse so sehr vom Überleben und vom Befehl her gedacht. Die Aufnahme war zwiespältig: Bewunderung der Prosa, Zweifel an der Wissenschaftlichkeit, der Vorwurf des Mythos. Nachbarschaft hat der Band zu Überwachen und Strafen, das Disziplin anders schneidet, zur Dialektik der Aufklärung, die Herrschaft in der Vernunft sucht, und zu Freuds Massenpsychologie, gegen die Canetti anschreibt. Faschismus und Führerkult werden umkreist, ohne die Wörter zu strapazieren; gerade darin liegt die Schärfe und die Schwierigkeit.
Das Missverständnis liegt darin, Masse und Macht als Soziologie im engen Sinn oder als verschlüsselte Hitlerbiographie zu lesen. Canetti will elementare Strukturen totalitärer Herrschaft sichtbar machen und zugleich die Lust am Wachstum, auch im Negativen der Inflation. Geblieben sind Entladung, Stachel und die Furcht vor der fremden Berührung – Denkfiguren, die politische Theorie und Literatur seither benutzt haben, oft ohne die ethnographische Breite des Ursprungs.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.
