Essay:Zehn berühmte Romananfänge

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Der erste Satz eines Romans ist oft bekannter als das Buch. Literaturfreunde raten ihn einander zu; die Schule schreibt ihn an die Tafel; das Feuilleton tut, als ließe sich an ihm schon die ganze Geschichte ablesen. Das ist eine Übertreibung. Aber es ist wahr, dass einige Anfänge so fest im Gedächtnis sitzen, dass man sie nicht mehr vom Werk trennen kann.

Dieser Essay zählt zehn solche Anfänge. Es ist keine Rangliste und kein Wettbewerb. Es sind Sätze, die immer wieder genannt werden – bei Cervantes, Goethe, Jane Austen, Herman Melville, Gustave Flaubert, Lew Tolstoi, Theodor Fontane, Franz Kafka und George Orwell. Was hier in Anführungszeichen steht, steht so in einer gemeinfreien Ausgabe. Der Wortlaut ist nicht nacherzählt. Wo das Original spanisch, englisch oder französisch ist, bleibt es dabei: eine eigene Übertragung wäre eine Erfindung, eine jüngere Buchübersetzung oft noch geschützt. Bei Tolstoi steht deshalb die gemeinfreie englische Fassung von Constance Garnett, nicht der Satz einer heutigen deutschen Ausgabe. Anfänge, deren Verfasser oder Übersetzer noch dem Urheberrecht unterliegen – etwa Der Herr der Ringe, Lolita oder Hundert Jahre Einsamkeit –, fehlen absichtlich.

1. Der Ort, den man nicht nennen will

Miguel de Cervantes, Don Quijote, 1605:

En un lugar de la Mancha, de cuyo nombre no quiero acordarme, no ha mucho tiempo que vivía un hidalgo de los de lanza en astillero, adarga antigua, rocín flaco y galgo corredor.

Quelle: Miguel de Cervantes: El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha. Erstes Kapitel. Wortlaut nach der gemeinfreien Ausgabe im Project Gutenberg (E-Book Nr. 2000).

Der Satz tut, als wüsste er mehr, als er sagt. Ein Flecken in der Mancha – und der Name wird verweigert. Dann kommt kein Held, sondern ein Hidalgo mit Lanze im Gestell, altem Schild, magerem Gaul und Windhund. Bevor das Ritterspiel beginnt, steht das Inventar. Der moderne Roman fängt hier nicht mit einer Tat an, sondern mit einem Haushalt und einer Ausrede.

2. Fortgehen, und froh darüber

Johann Wolfgang von Goethe, Die Leiden des jungen Werther, 1774. Das Büchlein öffnet der Herausgeber:

Was ich von der Geschichte des armen Werther nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt und lege es euch hier vor, und weiß, daß ihr mir's danken werdet.

Der erste Brief, datiert auf den 4. Mai 1771, setzt neu ein:

Wie froh bin ich, daß ich weg bin!

Quelle: Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Erstes Buch. Wortlaut nach der gemeinfreien Ausgabe bei Projekt Gutenberg-DE.

Zwei Anfänge, ein Buch. Der Herausgeber sammelt und weissagt Tränen. Werther selbst stößt den Satz aus, der sitzt: Fortsein als Glück, im selben Atem der Freund, den er verlassen hat. Der Briefroman braucht keine Exposition. Er braucht eine Stimme, die schon mittendrin ist.

3. Eine Wahrheit, die keine ist

Jane Austen, Pride and Prejudice, 1813:

It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife.

Quelle: Jane Austen: Pride and Prejudice. Kapitel I. Wortlaut nach der gemeinfreien Wikisource-Ausgabe der Londoner Ausgabe von 1817.

Der Satz stellt sich als Weltgesetz hin und ist Spott. Nicht der Mann braucht eine Frau – die Nachbarschaft braucht seine Heirat. Was folgt, ist das Gespräch der Bennets, in dem diese angebliche Wahrheit zur Hausordnung wird. Austen braucht keine Lehre. Sie braucht eine Maxime, die sich selbst verrät.

4. Ein Name zum Anziehen

Herman Melville, Moby Dick, 1851:

Call me Ishmael.

Quelle: Herman Melville: Moby-Dick; or, The Whale. Kapitel 1, »Loomings«. Wortlaut nach der gemeinfreien Ausgabe im Project Gutenberg (E-Book Nr. 2701).

Drei Wörter, und der Erzähler ist da. Er sagt nicht, wie er heißt. Er sagt, wie man ihn nennen soll. Ismael ist der Verstoßene, der Zuhörer, der Überlebende. Der Satz ist klein; das Buch, das ihm folgt, ist ein Wal. Genau darin liegt seine Kraft: Wer so anfängt, darf danach Anatomie, Predigt und Jagd hintereinanderbinden, weil eine Stimme uns schon beim Namen genommen hat.

5. Die Mütze, bevor die Frau kommt

Gustave Flaubert, Madame Bovary, 1857:

Nous étions à l’Étude, quand le Proviseur entra, suivi d’un nouveau habillé en bourgeois et d’un garçon de classe qui portait un grand pupitre.

Quelle: Gustave Flaubert: Madame Bovary. Erster Teil, Kapitel I. Wortlaut nach der gemeinfreien französischen Ausgabe im Project Gutenberg (E-Book Nr. 14155).

Der Roman, den alle für Emmas Buch halten, beginnt nicht bei Emma. Er beginnt in der Schulstube, in der Wir-Form, mit einem neuen Schüler: Charles. Der Erzähler ist dabei und zieht sich danach zurück. Flaubert hat später verlangt, der Verfasser solle im Werk sein wie Gott in der Welt – überall und nirgends sichtbar. Der erste Satz zeigt noch die Naht: jemand hat zugesehen, bevor die Unparteilichkeit beginnt.

6. Die Regel und ihr Bruch

Lew Tolstoi, Anna Karenina, 1877/78. Der russische Originalsatz wird hier nicht nacherzählt. Gemeinfrei und nachprüfbar ist die englische Übertragung von Constance Garnett:

Happy families are all alike; every unhappy family is unhappy in its own way.

Quelle: Leo Tolstoy: Anna Karenina. Übersetzung Constance Garnett. Project Gutenberg, E-Book Nr. 1399 (gemeinfrei). Erstes Satzpaar des Romans.

Deutsche Buchausgaben weichen in der Formulierung voneinander ab; eine jüngere Übertragung darf hier nicht als »der« Satz ausgegeben werden. Was der Anfang tut, bleibt gleich: Er stellt eine Regel auf und nimmt sie im zweiten Glied zurück. Dann steht das Haus der Oblonski im Chaos – und die Regel hat schon ihren ersten Fall.

7. Sonne auf die Dorfstraße

Theodor Fontane, Effi Briest, 1894/95:

In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetzten Rondell warf.

Quelle: Theodor Fontane: Effi Briest. Erstes Kapitel. Wortlaut nach der gemeinfreien Ausgabe bei Projekt Gutenberg-DE.

Kein Ausruf, keine Maxime. Ein Herrenhaus, eine Straße, ein Schatten, eine Sonnenuhr. Fontane legt in einem Satz den Ort, an dem Effi später nicht mehr wohnen darf. Wer den Roman kennt, hört im Rondell schon das Grab. Wer ihn nicht kennt, sieht nur den Mittag. Beides ist Absicht.

8. Ein Aufwachen, das nicht aufhört

Franz Kafka, Die Verwandlung, 1915 (Erzählung, kein Roman – der Satz gehört gleichwohl zu den meistgenannten Anfängen der deutschen Prosa):

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.

Quelle: Franz Kafka: Die Verwandlung. Leipzig: Kurt Wolff, 1915. Der Wortlaut ist der der Erstausgabe; Kafka starb 1924, der Text ist gemeinfrei.

Der Satz berichtet das Ungeheuerliche im Ton einer Meldung. Kein Schrei, kein Zweifel am Geschehenen. Die Träume waren unruhig; verwandelt ist er danach. 2007 belegte dieser Anfang den zweiten Platz im Wettbewerb »Der schönste erste Satz«. Berühmt ist er, weil er die Ordnung des Alltags nicht verlässt, während er sie zerstört.

9. Verhaftet, ohne dass etwas Böses geschehen wäre

Franz Kafka, Der Prozeß, entstanden 1914/15, Erstdruck 1925:

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.

Quelle: Franz Kafka: Der Prozeß. Erstes Kapitel, »Verhaftung«. Wortlaut der postumen Erstausgabe (Berlin 1925), hier nach der gemeinfreien Wiedergabe bei Zeno.org. Kurt Tucholsky zitierte denselben Satz bereits 1926.

Wieder ein Morgen, wieder ein Mann, dem etwas zugestoßen ist, bevor der Text beginnt. »Jemand mußte« – die Vermutung steht, die Instanz nicht. Josef K. ist verhaftet und bleibt, wie sich gleich zeigt, frei genug, in die Bank zu gehen. Der Anfang erfindet keine Schuld. Er erfindet das Verfahren.

10. Dreizehn Uhr im April

George Orwell, 1984, 1949:

It was a bright cold day in April, and the clocks were striking thirteen.

Quelle: George Orwell: Nineteen Eighty-Four. Teil I, Kapitel 1. Wortlaut nach der gemeinfreien Ausgabe bei Project Gutenberg Australia (E-Book 0100021). Orwell starb 1950; in Deutschland ist der Text gemeinfrei.

Ein klarer, kalter Apriltag: das könnte Realismus sein. Dann schlagen die Uhren dreizehn. Die Welt ist um eine Stunde aus dem Gelenk. Winston Smith ist noch nicht genannt; der Staat ist schon in der Uhr. Deutsche Übertragungen gehören den Übersetzern – deshalb bleibt hier der englische Satz, der den Roman berühmt gemacht hat.

Was der erste Satz nicht kann

Keiner dieser Anfänge trägt das Buch allein. Melvilles drei Wörter wären nichts ohne die Pequod. Fontanes Sonnenuhr wäre Gartenbeschreibung ohne den späteren Stein. Kafkas Ungeziefer wäre ein Einfall, wenn nicht der nüchterne Ton durchhielte. Der erste Satz ist ein Versprechen. Das Buch muss es halten.

Andere Sätze, die in Ratespielen ebenso fest sitzen, fehlen hier, weil sie nicht frei zitiert werden dürfen. Das ist kein Urteil über ihren Rang. Es ist die Grenze, an der ein Lexikon aufhört, fremde Sätze auszugeben, als gehörten sie ihm.

Nachweise

  • Miguel de Cervantes: El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha. Project Gutenberg, E-Book Nr. 2000.
  • Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Projekt Gutenberg-DE.
  • Jane Austen: Pride and Prejudice. Kapitel I. Wikisource, Ausgabe London 1817.
  • Herman Melville: Moby-Dick; or, The Whale. Project Gutenberg, E-Book Nr. 2701.
  • Gustave Flaubert: Madame Bovary. Project Gutenberg, E-Book Nr. 14155.
  • Leo Tolstoy: Anna Karenina. Übersetzt von Constance Garnett. Project Gutenberg, E-Book Nr. 1399.
  • Theodor Fontane: Effi Briest. Projekt Gutenberg-DE.
  • Franz Kafka: Die Verwandlung. Leipzig: Kurt Wolff, 1915.
  • Franz Kafka: Der Prozeß. Berlin 1925; Wortlaut bei Zeno.org. Vgl. Kurt Tucholsky: »Der Prozeß«, 1926.
  • George Orwell: Nineteen Eighty-Four. Project Gutenberg Australia, 0100021.
  • Zum Spiel der Wiedererkennung: Jens Jessen: »Die Marquise ging um fünf Uhr aus.« In: Die Zeit, Nr. 34/2016.
  • Zum Wettbewerb 2007: Artikel »Die Verwandlung« in der deutschsprachigen Wikipedia, Abschnitt zur Rezeption (»Der schönste erste Satz«).

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.