Bindende Leidenschaften

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Guido Ruggiero · 1993 · Sachbuch, Geschichte
Das Werk
Deutscher Titel: Bindende Leidenschaften
Autor(en): Guido Ruggiero
Originaltitel: Binding Passions. Tales of Magic, Marriage and Power at the End of the Renaissance
Originalsprache: englisch
Erstveröffentlichung: 1993
Schlagwörter: Magie, Ehe, Venedig, Inquisition
Sachgebiete: Sachbuch, Geschichte
Greifbare Ausgabe
Verlag: Oxford University Press


Umfang dieser Ausgabe: 286 Seiten
ISBN: 9780195083200
Verweise
Umschlag

Bindende Leidenschaften (englisch Binding Passions. Tales of Magic, Marriage and Power at the End of the Renaissance) ist die 1993 bei Oxford University Press erschienene Untersuchung des amerikanischen Historikers Guido Ruggiero über Sexualität, Ehe, Magie und Alltag im venezianischen Raum des späten sechzehnten Jahrhunderts. Eine deutsche Ausgabe gibt es nicht. Ruggiero erzählt fünf Fälle aus den Akten der örtlichen Inquisition und der bischöflichen Gerichte, um zu zeigen, wie Leidenschaften gebunden, umgelenkt und bestraft wurden, als die nachtridentinische Kirche das Fleisch unter Aufsicht nahm. Das Buch ist Natalie Zemon Davis und Gaetano Cozzi gewidmet. Es will Geschichte als Erzählung schreiben, ohne die Archive zu verlassen.

Inhalt

Ruggiero schreibt gegen zwei Bilder: gegen die Vorstellung, die Renaissance habe die Leidenschaften befreit, und gegen die gegenteilige Erwartung, unter der christlichen Ordnung habe es eine ganz andere Parallelwelt des Fleisches gegeben, mit eigenen Werten und eigener Kultur. Die These lautete zuerst, Ende des sechzehnten Jahrhunderts seien die verborgenen, zumal die körperlichen Leidenschaften in eine solche Gegenwelt verschoben worden, weil die Gesellschaft ihre Unterdrückung verlangte. Die Akten des venezianischen Heiligen Offiziums, 1547 als Zusammenarbeit von Stadt und Kirche gegen Ketzerei, Hexerei und Aberglauben gegründet, machten diese Welt sichtbar. Was Ruggiero fand, war keine Umkehrung, sondern eine leichte Verschiebung: ähnliche Formen des Umgangs, andere Bedeutungen, oft poetischer aufgeladen. Binden heißt im Titel beides: die Leidenschaft fesseln und zwei Menschen aneinanderbinden, durch Ehe, Zauber oder Ehre.

Fünf Geschichten tragen die Behauptung. Adriana Savorgnan, Kurtisane, heiratet Marco Dandolo aus einer der ersten Familien Venedigs; seine Verwandten wollen die Ehe nichten und klagen sie an, sie habe ihn mit Liebeszauber gezwungen. Elena Cumano in Feltre wird von Gianbattista Faceno geschwängert, der ihr die Ehe versprochen hat und verschwindet; das Gericht lastet ihr eine Wachsfigur an. Paolina di Rossi arbeitet mit dem Geistlichen Don Felice di Bibona in einem Netz von Zaubern, das christliche Zeichen umwidmet. Apollonia Madizza in Latisana gilt dem Dorf als eine Art Priesterin, den Richtern als Hexe; ihre Praktiken gelten Liebe, Krankheit und dem Alltag, den die Pfarrkirche nicht allein versorgt. Fra Aurelio di Siena, Mönch, hält sich Kurtisanen, verkauft Prophezeiungen und kommt mehrfach vor Gericht, ohne so behandelt zu werden wie die Frauen. Karneval, Prostitution, Konkubinat, abtrünnige Kleriker und der Doppelstandard männlicher Freizügigkeit kehren in allen Fällen wieder. Die Ehe bleibt die zentrale Referenz des Bindens; die Magie ist die Sprache, in der über das Binden gestritten wird.

Unsicher wird das Buch, wo die Erzählung die These ersetzen soll. Ruggiero selbst zieht keine scharfe Schlussfolgerung und überlässt dem Leser, was aus den Fällen für die große Geschichte folgt. Rezensenten haben das als Tugend der Mikrogeschichte und als deren Verrat gelesen: Thomas V. Cohen lobt die Fülle der kleinen Geschichten und vermisst den einen durchgearbeiteten Fall; Thomas Kuehn und Robert Finlay finden Sentimentalität und zu wenig Quellenkritik; Paul F. Grendler rühmt die Kenntnis der venezianischen Bestände und hätte Originalaussagen im Anhang gewollt. Der Ton ist literarisch, dem historischen Erzählen von Davis, Carlo Ginzburg und Gene Brucker verpflichtet, und riskiert, dass das Interesse am Seltsamen die Analyse der Macht überholt. Die Gegenposition steckt schon in der Einleitung: die Parallelwelt der Leidenschaften ist der Gesamtgesellschaft ähnlicher, als das Forschungsdesign erhofft hatte.

Einordnung

Ob der Band zur Mikrogeschichte gehört, ist umstritten. Ruggiero nennt sein Verfahren eine Mischung aus Geschichtenerzählen und Mikrogeschichte, nicht die strenge Untersuchung eines einzigen Falls. István Szijártó behandelt das Buch in der Debatte, was Mikrogeschichte sei, und bemerkt, dass die Beantwortung großer Fragen, die er der Gattung zuschreibt, hier offen bleibt. Neben Ginzburgs Der Käse und die Würmer, das einen Müller zum Zeugen einer ganzen Kosmologie macht, stehen Ruggieros fünf Frauen und ein Mönch als Chor, nicht als Held. Die Nachbarschaft ist die italienische Alltagsgeschichte der frühen Neuzeit, die Inquisition als Quelle, nicht als bloße Täterinstanz.

Eine Übersetzung ins Deutsche gibt es nicht; die erste Auflage blieb die einzige. Dennoch gilt der Band als fruchtbare Ergänzung zur venezianischen Gesellschaft am Ende der Renaissance, gerade weil er Magie und Theologie, Ehe und Klasse, Männerrecht und Frauennetz zusammenzieht. Geblieben ist die Einsicht, dass Liebeszauber kein Aberglaube am Rand war, sondern eine Sprache der Bindung in einer Stadt, die Leidenschaften ordnen wollte und sie deshalb protokolliert hat. Wer über Geschlecht, Hexerei und Ehre im Cinquecento spricht, findet hier Fälle, keine Doktrin.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.