Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne: Unterschied zwischen den Versionen
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Das Missverständnis, Nietzsche predige die Lüge, entsteht, wo man den außermoralischen Sinn unterschlägt: es geht nicht um betrügerische Absicht, sondern um die unvermeidliche Übertragung, die jedes Reden vollzieht. Wer über Metapher, Begriff und den Anspruch der Wissenschaften spricht, hat in diesen wenigen Seiten den schärfsten deutschen Einspruch des 19. Jahrhunderts gegen die Unschuld der Sprache. Die Reclam-Ausgabe hat den Nachlasstext aus dem Schatten der Schwester-Ausgabe in eine nachprüfbare Lektüre geholt. | Das Missverständnis, Nietzsche predige die Lüge, entsteht, wo man den außermoralischen Sinn unterschlägt: es geht nicht um betrügerische Absicht, sondern um die unvermeidliche Übertragung, die jedes Reden vollzieht. Wer über Metapher, Begriff und den Anspruch der Wissenschaften spricht, hat in diesen wenigen Seiten den schärfsten deutschen Einspruch des 19. Jahrhunderts gegen die Unschuld der Sprache. Die Reclam-Ausgabe hat den Nachlasstext aus dem Schatten der Schwester-Ausgabe in eine nachprüfbare Lektüre geholt. | ||
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Version vom 23. August 2026, 19:41 Uhr
| Das Werk | |
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| Deutscher Titel: | Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne |
| Autor(en): | Friedrich Nietzsche
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| Originalsprache: | deutsch |
| Erstveröffentlichung: | 1896 |
| Schlagwörter: | Wahrheit, Metapher, Sprache, Begriff |
| Sachgebiete: | Sachbuch, Philosophie |
| Greifbare Ausgabe | |
| Verlag: | Reclam
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| Umfang dieser Ausgabe: | 95 Seiten |
| ISBN: | 9783150193082 |
| Verweise | |
Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne ist der 1873 entstandene philosophische Aufsatz von Friedrich Nietzsche. Zu Lebzeiten blieb er ungedruckt; 1896 gab ihn die Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche heraus. Es ist die einzige Schrift, in der Nietzsche die Entstehung der Sprache und ihre Tragweite für Selbst- und Welterkenntnis eigens abhandelt. Die Reclam-Ausgabe von Kai Sina hat den kurzen Text mit Kommentar versehen und ihn aus dem Nachlass in die Reihe der lesbaren Frühschriften geholt.
Inhalt
Nietzsche schreibt gegen die zeitgenössischen Abhandlungen über Wahrheit und Begriffe, sofern sie so tun, als treffe die Sprache das Wesen der Dinge. Logisch geht es bei der Entstehung der Sprache jedenfalls nicht zu. Das ganze Material, worin später der Forscher und der Philosoph arbeitet, stammt nicht aus dem Wesen der Dinge. Jedes Wort wird dadurch Begriff, dass es nicht für das einmalige, ganz und gar einzelne Urerlebnis dienen soll, sondern für zahllose, mehr oder weniger ähnliche, streng genommen niemals gleiche Fälle passen muss. Jeder Begriff entsteht durch Gleichsetzen des Nichtgleichen. Die Sprache lügt nicht moralisch, sie lügt, indem sie vereinfacht.
An der berühmten Bestimmung der Wahrheit entfaltet sich die Behauptung. Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe menschlicher Verhältnisse, die poetisch und rednerisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden und nach langem Gebrauch einem Volk fest, kanonisch und verbindlich dünken. Die Wahrheiten sind Täuschungen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind; Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind; Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen, in Betracht kommen. Der Intellekt ist ein Mittel der Gattung zur Erhaltung, nicht ein Organ der reinen Erkenntnis. Der Mensch ruht in der Sicherheit der Begriffe, als wäre das Netz der Sprache die Welt.
Unsicher wird der Aufsatz, wo aus der Sprachkritik eine Lehre vom Menschen folgt, die den wissenschaftlichen Anspruch zugleich braucht und zersetzt. Nietzsche bleibt nicht beim Nachweis, dass Begriffe Gleichsetzungen sind; er stellt den anschauenden, künstlerischen Trieb gegen den Trieb zur Abstraktion und lässt zwei Typen entstehen, den vernünftigen und den intuitive Menschen. Ob damit die Wahrheit obsolet wird, hat Michael Pfister später verneint: Misstrauen sei geboten, wo naturwissenschaftliche Erkenntnis als zwingend oder eine Politik als ohne Alternative ausgegeben wird. Der Text selbst ist ein Jugendstück im Umkreis der Geburt der Tragödie, rhetorisch geschult, noch ohne die Genealogie der späteren Jahre, und er bricht ab, bevor aus der Metaphernkritik eine Methode wird.
Einordnung
Fritz Mauthner erkannte als einer der ersten die Bedeutung dieser Sprachkritik. Die Linie führt weiter zur Genealogie der Moral und zu Michel Foucaults Analyse der Diskurse: Wahrheit als geschichtlich gebundenes Heer von Übertragungen, nicht als Abbildung. In Also sprach Zarathustra und den mittleren Aphorismenbüchern wird aus der frühen Einsicht eine Praxis des Verdachts gegen die Idole.
Das Missverständnis, Nietzsche predige die Lüge, entsteht, wo man den außermoralischen Sinn unterschlägt: es geht nicht um betrügerische Absicht, sondern um die unvermeidliche Übertragung, die jedes Reden vollzieht. Wer über Metapher, Begriff und den Anspruch der Wissenschaften spricht, hat in diesen wenigen Seiten den schärfsten deutschen Einspruch des 19. Jahrhunderts gegen die Unschuld der Sprache. Die Reclam-Ausgabe hat den Nachlasstext aus dem Schatten der Schwester-Ausgabe in eine nachprüfbare Lektüre geholt.
Ideen
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.
