Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844: Unterschied zwischen den Versionen
(Neuer Werkartikel (Geisteswerke).) |
(Werk-Wikilinks auf vorhandene Seitentitel.) |
||
| Zeile 17: | Zeile 17: | ||
}} | }} | ||
| − | Die ''Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844'', auch Pariser Manuskripte genannt, sind die zur Selbstverständigung bestimmten, zu Lebzeiten unveröffentlichten Hefte von [[Autor:Karl Marx|Karl Marx]]. Erst 1932 von Dawid Rjasanow und Siegfried Landshut aus dem Archiv der SPD herausgegeben, verbinden sie die Kritik der Nationalökonomie mit einer materialistischen Philosophie. Der Kernbegriff ist die entfremdete Arbeit, aus der das Privateigentum folgt, nicht umgekehrt. Vierfach ist der Arbeiter vom Produkt, von der Tätigkeit, vom Gattungswesen und von den anderen Menschen getrennt. Das Buch zählt als Dokument des jungen Marx, an dem die westliche Marx-Diskussion nach 1945 den humanen Wortschatz fand, den das spätere ''[[Das Kapital|Kapital]]'' umbaute. | + | Die ''Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844'', auch Pariser Manuskripte genannt, sind die zur Selbstverständigung bestimmten, zu Lebzeiten unveröffentlichten Hefte von [[Autor:Karl Marx|Karl Marx]]. Erst 1932 von Dawid Rjasanow und Siegfried Landshut aus dem Archiv der SPD herausgegeben, verbinden sie die Kritik der Nationalökonomie mit einer materialistischen Philosophie. Der Kernbegriff ist die entfremdete Arbeit, aus der das Privateigentum folgt, nicht umgekehrt. Vierfach ist der Arbeiter vom Produkt, von der Tätigkeit, vom Gattungswesen und von den anderen Menschen getrennt. Das Buch zählt als Dokument des jungen Marx, an dem die westliche Marx-Diskussion nach 1945 den humanen Wortschatz fand, den das spätere ''[[Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie|Kapital]]'' umbaute. |
== Inhalt == | == Inhalt == | ||
| Zeile 25: | Zeile 25: | ||
Das zweite Heft, nur bruchstückhaft erhalten, beschreibt das Verhältnis von Privateigentum und Arbeit: Der Arbeiter produziert das Kapital, das Kapital produziert ihn. Landwirtschaft stellt freie Lohnarbeiter statt unfreier Bauern ein. Die Geschichte erscheint als Bewegung vom Gegensatz der Stufen bis zum Gegensatz eines jeden gegen sich selbst. Das dritte Heft setzt die Begriffe zueinander. Kommunismus, der nur das Privateigentum verallgemeinert, bleibt roh; erst die Aufhebung des Staates und die Wiederkehr des Menschen als natürlichen, genießenden, sich selbst erzeugenden Wesens träfe das, was Marx meint. Geld gleicht aus, was fehlt, und verkehrt Wollen und Können. Die Kritik der Hegelschen Dialektik folgt [[Autor:Ludwig Feuerbach|Ludwig Feuerbach]] darin, dass der Mensch praktisches, nicht nur geistiges Wesen sei, und hält an Hegel fest, dass der Mensch sich durch Arbeit selbst erzeuge und dass Aufhebung Verallgemeinerung und deren eigene Aufhebung verlange. Staat und Religion sind nicht Selbstverwirklichung, sondern Entfremdung. | Das zweite Heft, nur bruchstückhaft erhalten, beschreibt das Verhältnis von Privateigentum und Arbeit: Der Arbeiter produziert das Kapital, das Kapital produziert ihn. Landwirtschaft stellt freie Lohnarbeiter statt unfreier Bauern ein. Die Geschichte erscheint als Bewegung vom Gegensatz der Stufen bis zum Gegensatz eines jeden gegen sich selbst. Das dritte Heft setzt die Begriffe zueinander. Kommunismus, der nur das Privateigentum verallgemeinert, bleibt roh; erst die Aufhebung des Staates und die Wiederkehr des Menschen als natürlichen, genießenden, sich selbst erzeugenden Wesens träfe das, was Marx meint. Geld gleicht aus, was fehlt, und verkehrt Wollen und Können. Die Kritik der Hegelschen Dialektik folgt [[Autor:Ludwig Feuerbach|Ludwig Feuerbach]] darin, dass der Mensch praktisches, nicht nur geistiges Wesen sei, und hält an Hegel fest, dass der Mensch sich durch Arbeit selbst erzeuge und dass Aufhebung Verallgemeinerung und deren eigene Aufhebung verlange. Staat und Religion sind nicht Selbstverwirklichung, sondern Entfremdung. | ||
| − | Unsicher ist der Text als Text: Lücken, Vorrede, drei Hefte, keine vom Autor gebilligte Fassung. Die entfremdete Arbeit trägt noch die Sprache der Philosophie, nicht die der späteren Kritik der politischen Ökonomie. Wer die Manuskripte als fertige Theorie des Kommunismus liest, verfehlt die Selbstverständigung und den dritten Schritt, der den Menschen wieder menschlich nennen will, ohne ihn schon ökonomisch abzuleiten. Wer sie nur als Jugendromantik liest, verfehlt, dass hier bereits Lohn, Profit und Rente als Formen eines Zusammenhangs stehen. Der Ton wechselt vom Exzerpt Smiths zur Anklage, von Feuerbach zu Hegel, ohne den späteren kalten Satz des ''[[Das Kapital|Kapitals]]''. | + | Unsicher ist der Text als Text: Lücken, Vorrede, drei Hefte, keine vom Autor gebilligte Fassung. Die entfremdete Arbeit trägt noch die Sprache der Philosophie, nicht die der späteren Kritik der politischen Ökonomie. Wer die Manuskripte als fertige Theorie des Kommunismus liest, verfehlt die Selbstverständigung und den dritten Schritt, der den Menschen wieder menschlich nennen will, ohne ihn schon ökonomisch abzuleiten. Wer sie nur als Jugendromantik liest, verfehlt, dass hier bereits Lohn, Profit und Rente als Formen eines Zusammenhangs stehen. Der Ton wechselt vom Exzerpt Smiths zur Anklage, von Feuerbach zu Hegel, ohne den späteren kalten Satz des ''[[Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie|Kapitals]]''. |
== Einordnung == | == Einordnung == | ||
| − | Die Pariser Manuskripte sind das Dokument, an dem der junge Marx für die westliche Marx-Diskussion nach 1945 neu entdeckt wurde: Entfremdung statt Mehrwert, Gattungswesen statt Klassenkampf im engen Sinn. Die ''Deutsche Ideologie'' und das ''[[Das Kapital|Kapital]]'' haben den Wortschatz vom Menschen als Gattung zurückgenommen oder umgebaut; die Frühschriften haben ihn für die Kritische Theorie und den westlichen Marxismus offengehalten. [[Autor:Georg Wilhelm Friedrich Hegel|Georg Wilhelm Friedrich Hegel]]s ''[[Phänomenologie des Geistes]]'' liefert den Begriff der Entfremdung, den Marx historisch-materialistisch wendet; [[Autor:Ludwig Feuerbach|Ludwig Feuerbach]] liefert die Kritik der Religion als Selbstentfremdung. Ohne diese Hefte wäre der Marx der Entfremdung eine Rückprojektion geblieben. | + | Die Pariser Manuskripte sind das Dokument, an dem der junge Marx für die westliche Marx-Diskussion nach 1945 neu entdeckt wurde: Entfremdung statt Mehrwert, Gattungswesen statt Klassenkampf im engen Sinn. Die ''Deutsche Ideologie'' und das ''[[Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie|Kapital]]'' haben den Wortschatz vom Menschen als Gattung zurückgenommen oder umgebaut; die Frühschriften haben ihn für die Kritische Theorie und den westlichen Marxismus offengehalten. [[Autor:Georg Wilhelm Friedrich Hegel|Georg Wilhelm Friedrich Hegel]]s ''[[Phänomenologie des Geistes]]'' liefert den Begriff der Entfremdung, den Marx historisch-materialistisch wendet; [[Autor:Ludwig Feuerbach|Ludwig Feuerbach]] liefert die Kritik der Religion als Selbstentfremdung. Ohne diese Hefte wäre der Marx der Entfremdung eine Rückprojektion geblieben. |
Das Missverständnis, hier stehe der wahre Marx gegen den späteren Ökonomen, zerreißt ein Denken, das 1844 noch sucht. Geblieben ist die Vierzahl der Entfremdung und der Satz, dass Privateigentum Folge entäußerter Arbeit sei, nicht nur ihre Ursache. Wer nach dem jungen Marx fragt, fragt hinter diesen Heften – unvollständig überliefert, vollständig in der Wirkung auf eine Lesart, die das ''Kapital'' um die verlorene Sprache des Gattungswesens ergänzen wollte. Die Lücken der Hefte sind keine Entschuldigung, sie sind der Zustand, in dem dieser Marx uns erreicht. | Das Missverständnis, hier stehe der wahre Marx gegen den späteren Ökonomen, zerreißt ein Denken, das 1844 noch sucht. Geblieben ist die Vierzahl der Entfremdung und der Satz, dass Privateigentum Folge entäußerter Arbeit sei, nicht nur ihre Ursache. Wer nach dem jungen Marx fragt, fragt hinter diesen Heften – unvollständig überliefert, vollständig in der Wirkung auf eine Lesart, die das ''Kapital'' um die verlorene Sprache des Gattungswesens ergänzen wollte. Die Lücken der Hefte sind keine Entschuldigung, sie sind der Zustand, in dem dieser Marx uns erreicht. | ||
Version vom 22. August 2026, 15:37 Uhr
| Das Werk | |
|---|---|
| Deutscher Titel: | Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844 |
| Autor(en): | Karl Marx
|
| Originalsprache: | deutsch |
| Erstveröffentlichung: | 1844 |
| Schlagwörter: | Entfremdung, Arbeit, Privateigentum, Gattungswesen |
| Sachgebiete: | Sachbuch, Gesellschaftstheorie |
| Greifbare Ausgabe | |
| Verlag: | Meiner
|
| Umfang dieser Ausgabe: | 246 Seiten |
| ISBN: | 9783787318902 |
| Verweise | |
Die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus dem Jahre 1844, auch Pariser Manuskripte genannt, sind die zur Selbstverständigung bestimmten, zu Lebzeiten unveröffentlichten Hefte von Karl Marx. Erst 1932 von Dawid Rjasanow und Siegfried Landshut aus dem Archiv der SPD herausgegeben, verbinden sie die Kritik der Nationalökonomie mit einer materialistischen Philosophie. Der Kernbegriff ist die entfremdete Arbeit, aus der das Privateigentum folgt, nicht umgekehrt. Vierfach ist der Arbeiter vom Produkt, von der Tätigkeit, vom Gattungswesen und von den anderen Menschen getrennt. Das Buch zählt als Dokument des jungen Marx, an dem die westliche Marx-Diskussion nach 1945 den humanen Wortschatz fand, den das spätere Kapital umbaute.
Inhalt
Marx schreibt gegen die Nationalökonomen, die Arbeitslohn, Profit und Grundrente als natürliche Größen behandeln, und gegen die Linkshegelianer, von denen er sich 1843 bis 1845 löst. Das erste Heft stellt Lohn, Kapitalgewinn und Grundrente nebeneinander und zeigt, wie Wachstum die Arbeitslast steigert, Konkurrenz viele Kapitalisten zu Arbeitern macht und Maschinen dem schon zur Maschine herabgesunkenen Arbeiter Konkurrenz bieten. Grundeigentum wird industriell; zwei Klassen bleiben. Der vierte Abschnitt kehrt die Erklärung um: Nicht das Privateigentum erzeugt die entfremdete Arbeit, die entfremdete Arbeit erzeugt das Privateigentum. Der Arbeiter ist vierfach entfremdet: vom Produkt, das ihm fremd gegenübertritt; von der Tätigkeit, die äußerlich wird; vom menschlichen Gattungswesen, das sich in der freien Arbeit erst bewährt; von den anderen Menschen.
Das zweite Heft, nur bruchstückhaft erhalten, beschreibt das Verhältnis von Privateigentum und Arbeit: Der Arbeiter produziert das Kapital, das Kapital produziert ihn. Landwirtschaft stellt freie Lohnarbeiter statt unfreier Bauern ein. Die Geschichte erscheint als Bewegung vom Gegensatz der Stufen bis zum Gegensatz eines jeden gegen sich selbst. Das dritte Heft setzt die Begriffe zueinander. Kommunismus, der nur das Privateigentum verallgemeinert, bleibt roh; erst die Aufhebung des Staates und die Wiederkehr des Menschen als natürlichen, genießenden, sich selbst erzeugenden Wesens träfe das, was Marx meint. Geld gleicht aus, was fehlt, und verkehrt Wollen und Können. Die Kritik der Hegelschen Dialektik folgt Ludwig Feuerbach darin, dass der Mensch praktisches, nicht nur geistiges Wesen sei, und hält an Hegel fest, dass der Mensch sich durch Arbeit selbst erzeuge und dass Aufhebung Verallgemeinerung und deren eigene Aufhebung verlange. Staat und Religion sind nicht Selbstverwirklichung, sondern Entfremdung.
Unsicher ist der Text als Text: Lücken, Vorrede, drei Hefte, keine vom Autor gebilligte Fassung. Die entfremdete Arbeit trägt noch die Sprache der Philosophie, nicht die der späteren Kritik der politischen Ökonomie. Wer die Manuskripte als fertige Theorie des Kommunismus liest, verfehlt die Selbstverständigung und den dritten Schritt, der den Menschen wieder menschlich nennen will, ohne ihn schon ökonomisch abzuleiten. Wer sie nur als Jugendromantik liest, verfehlt, dass hier bereits Lohn, Profit und Rente als Formen eines Zusammenhangs stehen. Der Ton wechselt vom Exzerpt Smiths zur Anklage, von Feuerbach zu Hegel, ohne den späteren kalten Satz des Kapitals.
Einordnung
Die Pariser Manuskripte sind das Dokument, an dem der junge Marx für die westliche Marx-Diskussion nach 1945 neu entdeckt wurde: Entfremdung statt Mehrwert, Gattungswesen statt Klassenkampf im engen Sinn. Die Deutsche Ideologie und das Kapital haben den Wortschatz vom Menschen als Gattung zurückgenommen oder umgebaut; die Frühschriften haben ihn für die Kritische Theorie und den westlichen Marxismus offengehalten. Georg Wilhelm Friedrich Hegels Phänomenologie des Geistes liefert den Begriff der Entfremdung, den Marx historisch-materialistisch wendet; Ludwig Feuerbach liefert die Kritik der Religion als Selbstentfremdung. Ohne diese Hefte wäre der Marx der Entfremdung eine Rückprojektion geblieben.
Das Missverständnis, hier stehe der wahre Marx gegen den späteren Ökonomen, zerreißt ein Denken, das 1844 noch sucht. Geblieben ist die Vierzahl der Entfremdung und der Satz, dass Privateigentum Folge entäußerter Arbeit sei, nicht nur ihre Ursache. Wer nach dem jungen Marx fragt, fragt hinter diesen Heften – unvollständig überliefert, vollständig in der Wirkung auf eine Lesart, die das Kapital um die verlorene Sprache des Gattungswesens ergänzen wollte. Die Lücken der Hefte sind keine Entschuldigung, sie sind der Zustand, in dem dieser Marx uns erreicht.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.
