Das Sichtbare und das Unsichtbare: Unterschied zwischen den Versionen
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Aktuelle Version vom 22. August 2026, 17:39 Uhr
| Daten zum Buch | |
|---|---|
| Deutscher Titel: | Das Sichtbare und das Unsichtbare |
| Autor(en): | Maurice Merleau-Ponty |
| Herausgeber: | Claude Lefort |
| Erscheinungsort: | Le Visible et l'Invisible |
| Verlag: | Wilhelm Fink |
| Serie: | |
| Erscheinungsjahr: | 1964 |
| Seitenanzahl: | 389 Seiten |
| Originaltitel: | Le Visible et l'Invisible |
| Originalsprache: | französisch |
| ISBN-10: | 3770523210 |
| ISBN-13/
EAN-Code: |
9783770523214 |
| Schlagwörter: | Wahrnehmung, Fleisch, Verflechtung, Ontologie |
| Sachgebiete: | Sachbuch, Philosophie |
| Rezensionen | |
Das Sichtbare und das Unsichtbare ist das unvollendete Spätwerk von Maurice Merleau-Ponty, an dem er bis zu seinem plötzlichen Tod 1961 schrieb. Claude Lefort gab die rund hundertfünfzig Manuskriptseiten 1964 bei Gallimard heraus, gegliedert in drei Kapitel, ein Fragment über den Chiasmus und Arbeitsnotizen, mit Vorwort und Nachwort. Die deutsche Übertragung von Regula Giuliani und Bernhard Waldenfels erschien bei Fink. Merleau-Ponty radikalisiert die Phänomenologie der Wahrnehmung zu einer indirekten Ontologie: Nicht der Leib als mein Leib steht im Mittelpunkt, sondern das Fleisch der Welt, französisch chair, in dem Sehendes und Gesehenes sich verflechten.
Inhalt
Das Buch setzt nicht bei einem Subjekt an, das Gegenstände vorstellt, sondern beim Wahrnehmungsglauben, der Zuversicht, dass es die Welt gibt, noch ehe Wissenschaft und Zweifel sie beweisen. Diese Zuversicht teilen die natürliche Einstellung und die Wissenschaft; beide setzen voraus, was sie nicht begründen können. Merleau-Ponty prüft, wie weit Befragung, Dialektik und Anschauung tragen, ohne diese Voraussetzung einzuziehen. Das Unsichtbare ist kein noch nicht Gesehenes, das eine weitere Drehung um den Gegenstand liefern würde. Es ist die Verborgenheit, die zum Sehen selbst gehört: Perspektivität, Hintergrund, die Tatsache, dass kein Ding von allen Seiten zugleich da ist. Ein vollständig durchsichtiges Sein wäre kein Sein, das sich zeigen kann. Die Abschattung, die Edmund Husserl an den Dingen beschrieb, wird zur Ontologie: Das Sein entzieht sich, indem es erscheint.
Im Fragment über die Verflechtung – den Chiasmus – tritt das Fleisch auf. Merleau-Ponty sucht einen Namen, den die Überlieferung nicht hat. Fleisch ist nicht Materie als Häufung von Teilchen, nicht Geist, nicht Substanz. Er leiht sich den alten Begriff des Elements, wie Wasser, Luft, Erde, Feuer: ein allgemeines Ding auf halbem Weg zwischen dem einzelnen Vorkommnis und der Idee, ein verkörpertes Prinzip, das einen Seinsstil einführt, wo immer ein Teil davon vorkommt. Mein Leib sieht und wird gesehen, tastet und wird getastet; in der Kreuzung liegt, dass ich zur Welt gehöre, die ich wahrnehme. Die klassische Spaltung von Subjekt und Objekt, von res cogitans und res extensa, soll hier nicht versöhnt, sondern unterlaufen werden. Marcel Proust gilt Merleau-Ponty als der Dichter, der im Unsichtbaren der sichtbaren Welt am weitesten gekommen sei.
Die Arbeitsnotizen zeigen ein Buch, das viel größer hätte werden können; Lefort sagt, das Erhaltene sei die Einleitung. Unsicher bleibt jeder Aufbau, den der Herausgeber wählen musste. Der Ton ist tastend, Satzperioden, die sich korrigieren, eine Prosa, die der stummen Erfahrung Ausdruck geben will, ohne sie in Begriffe zu übersetzen, die sie schon verraten hätten. Merleau-Ponty schreibt gegen den Cartesianismus und gegen einen Husserl, dessen transzendentales Ich die Welt noch vor sich hat; er schreibt auch gegen Martin Heidegger, dem er die Unverborgenheit entlehnt und die Seinsgeschichte nicht. Wo die Phänomenologie der Wahrnehmung den Leib als Zur-Welt-Sein beschrieb, fragt das Spätwerk, wie es überhaupt ein sinnliches Sein geben kann, das Sinn hat. Die Antwort bleibt ein Entwurf: Fleisch, Verflechtung, die Unmöglichkeit, Zuschauer der Welt zu sein, weil man aus ihr geschnitten ist.
Einordnung
Im deutschen Sprachraum hat vor allem Bernhard Waldenfels die Leibphänomenologie weitergeführt; die Neue Phänomenologie Hermann Schmitz’ teilt den Ernst des gespürten Leibes, nicht die Ontologie des Fleisches. Wer Merleau-Ponty nur als Wahrnehmungstheoretiker der vierziger Jahre liest, verfehlt die Wende, in der der Leib zurücktritt, damit die Welt als sinnliches Element hervortreten kann. Die Kunstwissenschaft und die Filmtheorie haben den Chiasmus als Modell des Blicks genommen, oft ohne die ontologische Pointe. Neben Sein und Zeit, das die Angst das Nichts erschließen lässt, steht das Sichtbare als ein Buch, das dasselbe Entziehen am Sehen selbst aufzeigt, ohne den Glauben an Gott oder den Vorlauf zum Tode.
Die Unfertigkeit ist keine marode Romantik, sie ist der Stand des Gedankens. Leforts Eingriffe sind unvermeidlich und anfechtbar; jede Gliederung behauptet eine Architektur, die der Autor nicht mehr gesetzt hat. Phänomenologie des Geistes führt das Bewusstsein zum Absoluten; Merleau-Ponty führt die Sicht in eine Undurchsichtigkeit, die nicht Fehler ist. Die französische Phänomenologie nach 1961 – Levinas, Derrida, die jüngere Leibdebatte – arbeitet in diesem Schatten, oft gegen ihn. Geblieben ist der Satz, dass es in der überlieferten Philosophie keinen Namen für das gibt, was hier Fleisch heißt – und der Versuch, ihn trotzdem zu bilden.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.
