Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft: Unterschied zwischen den Versionen
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Engels folgt Dühring über ein weites Feld – Philosophie, politische Ökonomie, Sozialismus –, nicht um ihn zu widerlegen und nach Hause zu gehen, sondern um überall die eigene Auffassung dagegenzustellen. Gegen die '''Metaphysik''', die Dinge und Begriffe als starre, voneinander isolierte Gegenstände nimmt und in unvermittelten Gegensätzen denkt – ja oder nein, Ursache oder Wirkung –, setzt er die Dialektik: Dinge sind in Bewegung, Gegensätze schlagen um, das Starre ist der gesunde Menschenverstand, nicht die Wissenschaft. Raum und Zeit, Moral und Recht, Freiheit und Notwendigkeit werden so durchgearbeitet. Freiheit liegt nicht in der geträumten Unabhängigkeit von Naturgesetzen, sondern in ihrer Erkenntnis und in der Möglichkeit, sie planmäßig wirken zu lassen. Freiheit des Willens heißt, mit Sachkenntnis entscheiden zu können. Eine wirklich menschliche Moral, die über den Klassengegensätzen stünde, werde erst möglich auf einer Stufe, die den Gegensatz nicht nur überwunden, sondern für die Praxis des Lebens vergessen hat. | Engels folgt Dühring über ein weites Feld – Philosophie, politische Ökonomie, Sozialismus –, nicht um ihn zu widerlegen und nach Hause zu gehen, sondern um überall die eigene Auffassung dagegenzustellen. Gegen die '''Metaphysik''', die Dinge und Begriffe als starre, voneinander isolierte Gegenstände nimmt und in unvermittelten Gegensätzen denkt – ja oder nein, Ursache oder Wirkung –, setzt er die Dialektik: Dinge sind in Bewegung, Gegensätze schlagen um, das Starre ist der gesunde Menschenverstand, nicht die Wissenschaft. Raum und Zeit, Moral und Recht, Freiheit und Notwendigkeit werden so durchgearbeitet. Freiheit liegt nicht in der geträumten Unabhängigkeit von Naturgesetzen, sondern in ihrer Erkenntnis und in der Möglichkeit, sie planmäßig wirken zu lassen. Freiheit des Willens heißt, mit Sachkenntnis entscheiden zu können. Eine wirklich menschliche Moral, die über den Klassengegensätzen stünde, werde erst möglich auf einer Stufe, die den Gegensatz nicht nur überwunden, sondern für die Praxis des Lebens vergessen hat. | ||
| − | Im Abschnitt über politische Ökonomie trägt Engels die Kritik der politischen Ökonomie vor, wie Marx sie in ''[[Das Kapital]]'' entwickelt: Mehrwert, Kapital, Produktion und Verteilung. Die Vorstellung, politische Haupt- und Staatsaktionen seien das Entscheidende in der Geschichte, sei so alt wie die Geschichtsschreibung und die Hauptursache, dass uns so wenig über die still vorantreibende Entwicklung der Völker aufbewahrt sei. Alle bisherige Geschichte sei Geschichte von Klassenkämpfen, und diese Klassen seien Erzeugnisse der Produktions- und Verkehrsverhältnisse ihrer Epoche. Der Sozialismus hört damit auf, Wunschbild zu sein, und wird als Bewegung begriffen, die aus den Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft erwächst. Dührings Gewaltstheorie, die Herrschaft aus der Gewalt statt aus der Ökonomie erklärt, wird zurückgewiesen: Die Gewalt ist Mittel, nicht Ursprung. | + | Im Abschnitt über politische Ökonomie trägt Engels die Kritik der politischen Ökonomie vor, wie Marx sie in ''[[Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie|Das Kapital]]'' entwickelt: Mehrwert, Kapital, Produktion und Verteilung. Die Vorstellung, politische Haupt- und Staatsaktionen seien das Entscheidende in der Geschichte, sei so alt wie die Geschichtsschreibung und die Hauptursache, dass uns so wenig über die still vorantreibende Entwicklung der Völker aufbewahrt sei. Alle bisherige Geschichte sei Geschichte von Klassenkämpfen, und diese Klassen seien Erzeugnisse der Produktions- und Verkehrsverhältnisse ihrer Epoche. Der Sozialismus hört damit auf, Wunschbild zu sein, und wird als Bewegung begriffen, die aus den Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft erwächst. Dührings Gewaltstheorie, die Herrschaft aus der Gewalt statt aus der Ökonomie erklärt, wird zurückgewiesen: Die Gewalt ist Mittel, nicht Ursprung. |
Der Ton ist polemisch, oft grob, und dann von einer schulmäßigen Klarheit, die den Text zum Handbuch gemacht hat. Engels selbst hat im Vorwort zur zweiten Auflage gesagt, die negative Kritik sei positiv geworden, die Polemik in eine Darstellung umgeschlagen. Dühring ist der Anlass, nicht der Gegenstand. Wo das Buch unsicher wird, ist die Grenze zwischen Marx’ Kritik und Engels’ Naturdialektik: Ob die Dialektik, die hier auf Zeit, Raum und organische Natur ausgreift, noch die des ''Kapital'' ist, haben westliche Marxisten bestritten. Innerhalb des Textes bleibt die Spannung spürbar zwischen der Streitschrift gegen einen vergessenen Dozenten und dem Anspruch, Weltanschauung zu sein. | Der Ton ist polemisch, oft grob, und dann von einer schulmäßigen Klarheit, die den Text zum Handbuch gemacht hat. Engels selbst hat im Vorwort zur zweiten Auflage gesagt, die negative Kritik sei positiv geworden, die Polemik in eine Darstellung umgeschlagen. Dühring ist der Anlass, nicht der Gegenstand. Wo das Buch unsicher wird, ist die Grenze zwischen Marx’ Kritik und Engels’ Naturdialektik: Ob die Dialektik, die hier auf Zeit, Raum und organische Natur ausgreift, noch die des ''Kapital'' ist, haben westliche Marxisten bestritten. Innerhalb des Textes bleibt die Spannung spürbar zwischen der Streitschrift gegen einen vergessenen Dozenten und dem Anspruch, Weltanschauung zu sein. | ||
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[[Autor:Wladimir Iljitsch Lenin|Wladimir Iljitsch Lenin]] nannte den ''Anti-Dühring'' zusammen mit dem ''[[Manifest der Kommunistischen Partei]]'' und Engels’ Feuerbach-Schrift das Handbuch jedes klassenbewussten Arbeiters. Der Marxismus-Leninismus hat darin den philosophischen Materialismus streitbar niedergelegt; der westliche Marxismus hat gefragt, ob die Schrift Marx authentisch wiedergebe oder eine Engelsche Wendung zur Naturphilosophie. Die Kurzfassung über Utopie und Wissenschaft hat die Wirkung noch verbreitert. Dühring selbst ist als Gegner verblasst; geblieben ist das Kompendium, das Arbeiterparteien ein Jahrhundert lang als System lasen. | [[Autor:Wladimir Iljitsch Lenin|Wladimir Iljitsch Lenin]] nannte den ''Anti-Dühring'' zusammen mit dem ''[[Manifest der Kommunistischen Partei]]'' und Engels’ Feuerbach-Schrift das Handbuch jedes klassenbewussten Arbeiters. Der Marxismus-Leninismus hat darin den philosophischen Materialismus streitbar niedergelegt; der westliche Marxismus hat gefragt, ob die Schrift Marx authentisch wiedergebe oder eine Engelsche Wendung zur Naturphilosophie. Die Kurzfassung über Utopie und Wissenschaft hat die Wirkung noch verbreitert. Dühring selbst ist als Gegner verblasst; geblieben ist das Kompendium, das Arbeiterparteien ein Jahrhundert lang als System lasen. | ||
| − | Neben ''[[Das Kapital]]'', das Marx nicht vollendete, steht der ''Anti-Dühring'' als das Buch, das den Marxismus lehrbar machte – mit dem Preis der Vereinfachung. Wer es nur als Polemik liest, verfehlt die positive Darstellung; wer es als heilige Schrift des dialektischen Materialismus liest, verfehlt den Anlass und den Ton der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Die Naturdialektik, die hier mitbehauptet wird, bleibt der Streitpunkt der Ausleger. Es bleibt ein Gründungstext der Arbeiterbewegung und ein Problem der Marx-Philologie: wie viel Weltanschauung die Kritik der politischen Ökonomie verträgt, ohne zur Schulmetaphysik zu werden, die Engels am Anfang selbst verwirft. | + | Neben ''[[Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie|Das Kapital]]'', das Marx nicht vollendete, steht der ''Anti-Dühring'' als das Buch, das den Marxismus lehrbar machte – mit dem Preis der Vereinfachung. Wer es nur als Polemik liest, verfehlt die positive Darstellung; wer es als heilige Schrift des dialektischen Materialismus liest, verfehlt den Anlass und den Ton der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Die Naturdialektik, die hier mitbehauptet wird, bleibt der Streitpunkt der Ausleger. Es bleibt ein Gründungstext der Arbeiterbewegung und ein Problem der Marx-Philologie: wie viel Weltanschauung die Kritik der politischen Ökonomie verträgt, ohne zur Schulmetaphysik zu werden, die Engels am Anfang selbst verwirft. |
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Aktuelle Version vom 22. August 2026, 15:37 Uhr
| Das Werk | |
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| Deutscher Titel: | Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft |
| Autor(en): | Friedrich Engels
|
| Originalsprache: | deutsch |
| Erstveröffentlichung: | 1878 |
| Schlagwörter: | Dialektik, Sozialismus, Materialismus, Polemik |
| Sachgebiete: | Sachbuch, Gesellschaftstheorie |
| Greifbare Ausgabe | |
| Verlag: | Dietz Verlag |
| Serie: | Marx-Engels-Werke 20 |
| Umfang dieser Ausgabe: | 813 Seiten |
| ISBN: | 9783320024277 |
| Verweise | |
Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft, kurz Anti-Dühring, ist die zuerst 1877 und 1878 im Vorwärts erschienene, 1878 als Buch vorgelegte Streitschrift von Friedrich Engels gegen den Philosophen und Nationalökonomen Eugen Dühring. Wilhelm Liebknecht hatte sie erbeten, um Dührings Einfluss in der deutschen Sozialdemokratie zu schmälern. Aus der Polemik wurde die zusammenhängendste Darstellung der von Marx und Engels vertretenen dialektischen Methode und kommunistischen Weltanschauung. Karl Marx las das Manuskript vor dem Druck und schrieb das Kapitel über die kritische Geschichte der Ökonomie. Neben der Kurzfassung Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft wurde der Anti-Dühring zum meistgelesenen Werk der beiden.
Inhalt
Engels folgt Dühring über ein weites Feld – Philosophie, politische Ökonomie, Sozialismus –, nicht um ihn zu widerlegen und nach Hause zu gehen, sondern um überall die eigene Auffassung dagegenzustellen. Gegen die Metaphysik, die Dinge und Begriffe als starre, voneinander isolierte Gegenstände nimmt und in unvermittelten Gegensätzen denkt – ja oder nein, Ursache oder Wirkung –, setzt er die Dialektik: Dinge sind in Bewegung, Gegensätze schlagen um, das Starre ist der gesunde Menschenverstand, nicht die Wissenschaft. Raum und Zeit, Moral und Recht, Freiheit und Notwendigkeit werden so durchgearbeitet. Freiheit liegt nicht in der geträumten Unabhängigkeit von Naturgesetzen, sondern in ihrer Erkenntnis und in der Möglichkeit, sie planmäßig wirken zu lassen. Freiheit des Willens heißt, mit Sachkenntnis entscheiden zu können. Eine wirklich menschliche Moral, die über den Klassengegensätzen stünde, werde erst möglich auf einer Stufe, die den Gegensatz nicht nur überwunden, sondern für die Praxis des Lebens vergessen hat.
Im Abschnitt über politische Ökonomie trägt Engels die Kritik der politischen Ökonomie vor, wie Marx sie in Das Kapital entwickelt: Mehrwert, Kapital, Produktion und Verteilung. Die Vorstellung, politische Haupt- und Staatsaktionen seien das Entscheidende in der Geschichte, sei so alt wie die Geschichtsschreibung und die Hauptursache, dass uns so wenig über die still vorantreibende Entwicklung der Völker aufbewahrt sei. Alle bisherige Geschichte sei Geschichte von Klassenkämpfen, und diese Klassen seien Erzeugnisse der Produktions- und Verkehrsverhältnisse ihrer Epoche. Der Sozialismus hört damit auf, Wunschbild zu sein, und wird als Bewegung begriffen, die aus den Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft erwächst. Dührings Gewaltstheorie, die Herrschaft aus der Gewalt statt aus der Ökonomie erklärt, wird zurückgewiesen: Die Gewalt ist Mittel, nicht Ursprung.
Der Ton ist polemisch, oft grob, und dann von einer schulmäßigen Klarheit, die den Text zum Handbuch gemacht hat. Engels selbst hat im Vorwort zur zweiten Auflage gesagt, die negative Kritik sei positiv geworden, die Polemik in eine Darstellung umgeschlagen. Dühring ist der Anlass, nicht der Gegenstand. Wo das Buch unsicher wird, ist die Grenze zwischen Marx’ Kritik und Engels’ Naturdialektik: Ob die Dialektik, die hier auf Zeit, Raum und organische Natur ausgreift, noch die des Kapital ist, haben westliche Marxisten bestritten. Innerhalb des Textes bleibt die Spannung spürbar zwischen der Streitschrift gegen einen vergessenen Dozenten und dem Anspruch, Weltanschauung zu sein.
Einordnung
Wladimir Iljitsch Lenin nannte den Anti-Dühring zusammen mit dem Manifest der Kommunistischen Partei und Engels’ Feuerbach-Schrift das Handbuch jedes klassenbewussten Arbeiters. Der Marxismus-Leninismus hat darin den philosophischen Materialismus streitbar niedergelegt; der westliche Marxismus hat gefragt, ob die Schrift Marx authentisch wiedergebe oder eine Engelsche Wendung zur Naturphilosophie. Die Kurzfassung über Utopie und Wissenschaft hat die Wirkung noch verbreitert. Dühring selbst ist als Gegner verblasst; geblieben ist das Kompendium, das Arbeiterparteien ein Jahrhundert lang als System lasen.
Neben Das Kapital, das Marx nicht vollendete, steht der Anti-Dühring als das Buch, das den Marxismus lehrbar machte – mit dem Preis der Vereinfachung. Wer es nur als Polemik liest, verfehlt die positive Darstellung; wer es als heilige Schrift des dialektischen Materialismus liest, verfehlt den Anlass und den Ton der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Die Naturdialektik, die hier mitbehauptet wird, bleibt der Streitpunkt der Ausleger. Es bleibt ein Gründungstext der Arbeiterbewegung und ein Problem der Marx-Philologie: wie viel Weltanschauung die Kritik der politischen Ökonomie verträgt, ohne zur Schulmetaphysik zu werden, die Engels am Anfang selbst verwirft.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.
