Taksim ist überall

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Daten zum Buch
Deutscher Titel: Taksim ist überall
Autor(en): Deniz Yücel
Herausgeber:
Erscheinungsort:
Verlag: Edition Nautilus
Serie: Nautilus Flugschrift
Erscheinungsjahr: 2014
Seitenanzahl: 219 Seiten
Originaltitel: Taksim ist überall
Originalsprache: deutsch
ISBN-10: 3894017910
ISBN-13/

EAN-Code:

9783894017910
Schlagwörter: Protest, Istanbul, Zivilgesellschaft, Macht
Sachgebiete: Sachbuch, Politik
Rezensionen
Umschlag

Taksim ist überall. Die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei ist das 2014 bei Edition Nautilus erschienene politische Sachbuch von Deniz Yücel. Der Titel greift die Parole der Gezi-Park-Proteste von 2013 auf: Taksim ist überall, Widerstand ist überall. Yücel, damals Redakteur der taz, wollte vier Tage in Istanbul bleiben und blieb sechs Wochen; ein halbes Jahr später kehrte er mit einem Stipendium der Robert Bosch Stiftung zurück und sprach mit mehr als hundert Menschen. Das Buch verbindet Ortsreportage, türkische Geschichte und eigene Herkunft. 2017, während Yücel in der Türkei inhaftiert war, erschien eine Solidaritätsausgabe, deren Kapitel Kollegen prüften; gewidmet ist es dem Jugendlichen Berkin Elvan, der als Unbeteiligter getroffen wurde und nach Monaten im Koma starb.

Inhalt

Yücel schreibt gegen zwei Vereinfachungen: gegen die Regierungserzählung, die Proteste seien das Werk von Plünderern und fremden Hintermännern, und gegen das westliche Bild einer einheitlichen Demokratiebewegung. Der Taksim-Platz ist kein beliebiger Stadtplatz. Für die Linke ist er Heiligtum seit dem 1. Mai 1977, als Schüsse und Gedränge Dutzende töteten; für Islamisten ist er der Ort einer alten Niederlage, weil auf dem Gelände des Gezi-Parks einst die Topçu-Kaserne stand, deren Besatzung 1909 gegen die Jungtürken revoltierte. Recep Tayyip Erdoğan wollte die Kaserne rekonstruieren lassen. Yücels Urgroßvater Alim kämpfte in der Interventionsarmee, die jenen Aufstand niederschlug. Geschichte lagert hier in Familienalben und in Abrissplänen.

Die Behauptung entfaltet sich als Gang durch Viertel. Das Gezi-Gefühl, schreibt Yücel, war weiblich, jung und witzig: Aufnahmen von Frauen vor Wasserwerfern wurden zu Bildern des Widerstands; für die Hälfte der Demonstranten war es die erste politische Aktion. In Tarlabaşı trifft er kurdische Straßenhändler, deren Viertel abgerissen wird, nachdem schon Dörfer im Osten geräumt wurden. In Cihangir schließen sich Schauspieler an; in Beşiktaş stellen Fußballanhänger Sicherheit her, während der Bankangestellte Onur kündigt, weil die Bank der Regierungspartei nahesteht. In Nişantaşı, dem Viertel, in dem Orhan Pamuk aufwuchs, nennen sich Unternehmer Çapulcu, Plünderer, und kehren das Schimpfwort um. Hotels öffnen die Lobbys für Verletzte; Claudia Roth spricht von Krieg. In Kadıköy ziehen kemalistische Junge mit Kurden, in Gazi Aleviten mit Reichenvierteln, in Fatih antikapitalistische Muslime gegen eine Regierung, die sie für kapitalistisch mit islamischem Anstrich halten. Die Fernsehsender zeigten Pinguine, während auf dem Platz gekämpft wurde; Verabredung und Nachricht liefen über Kurznachrichten.

Unsicher wird das Buch, wo die Vielstimmigkeit zur Tugend gerät und die Frage der Macht in der Porträtfolge untergeht. Yücel weiß, dass Gezi überraschend kam und niedergeschlagen wurde. Die Gegenposition der Regierung – Mehrheit, Verschwörung, Schutz der Ordnung – kommt als Zitat und als Gewalt vor, selten als ernstgenommene Weltsicht. Der Ton ist der eines Beteiligten, der recherchiert, nicht des distanzierten Analytikers. Nach der Haft hat die Solidaritätsausgabe den Text aktualisiert, ohne ihn zum Märtyrerbuch zu machen. Geblieben ist das Porträt einer Gesellschaft, die sich an einem Park und einem Platz erkannt hat und danach nicht mehr unschuldig war.

Einordnung

Das Buch gehört zur politischen Reportage nach den arabischen Aufständen und vor der Verhärtung der türkischen Innenpolitik. Es steht neben den Feuilletons über Erdoğan und neben den soziologischen Umfragen der İstanbul Bilgi Üniversitesi, die Yücel benutzt, unterscheidet sich aber durch den Anspruch, Viertel und Milieus als eigene Sprachen zu hören. Die deutsch-türkische Herkunft ist kein Schmuck: sie erklärt, warum Taksim auch in Berlin und Flörsheim liegt.

Die erste Auflage war rasch vergriffen, eine zweite zunächst unterblieben; die Haft machte das Buch zum Solidaritätsobjekt. Es ist kein Handbuch der türkischen Parteien und kein Roman. Wer nach 2013 über Gezi, über Çapulcu und über die Zukunft der türkischen Zivilgesellschaft spricht, spricht hinter diesen Reportagen oder gegen sie. Die Nautilus-Ausgabe hat den Atem der Straße bewahrt; er ist älter geworden und nicht erledigt.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.