Sudelbücher

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Georg Christoph Lichtenberg · 1800 · Sachbuch, Philosophie
Das Werk
Deutscher Titel: Sudelbücher
Autor(en): Georg Christoph Lichtenberg


Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 1800
Schlagwörter: Aphorismus, Aufklärung, Experiment, Witz
Sachgebiete: Sachbuch, Philosophie
Greifbare Ausgabe
Verlag: Hanser
Serie: Schriften und Briefe
Umfang dieser Ausgabe: 939 Seiten
ISBN: 9783446108000
Verweise
Umschlag

Sudelbücher heißen die Notizhefte, die Georg Christoph Lichtenberg von 1764 bis zu seinem Tod 1799 führte, zuerst als Student, dann als Göttinger Professor der Experimentalphysik. Der Öffentlichkeit waren sie unbekannt; der Bruder Ludwig Christian gab 1800 Auszüge in den Vermischten Schriften heraus und begründete damit den Nachruhm, den der Satiriker und Naturforscher als Aphoristiker gewann. Lichtenberg selbst nannte die Hefte nach dem Schmierbuch der Kaufleute: alles wird ungeordnet eingetragen, später mag Ordnung folgen. Etwa zehntausend Notizen, anderthalb Tausend Druckseiten, zwei Drittel des Bestands, liegen in Göttingen. Die kommentierte Ausgabe von Wolfgang Promies hat seit 1968 den ganzen gemischten Text zugänglich gemacht.

Inhalt

Lichtenberg schreibt gegen das Buch, das nur fertige Gedanken kennt, und gegen die Gelehrsamkeit, die nichts Ungeordnetes duldet. Ins Sudelbuch kommt, was der Tag gibt: ein Witz über Zeitgenossen, ein physikalischer Einfall, ein Satz über die Liebe, ein Exzerpt, eine Selbstbeobachtung. Von Heft B an trennt er naturwissenschaftliche Bemerkungen von den übrigen; später schreibt er von vorn und von hinten einander entgegen, bis sich die Einträge in der Mitte treffen. Die Methode ist die des Experiments: eine Hypothese notieren, wenden, zurücknehmen. Der Aphorismus, den das neunzehnte Jahrhundert daraus machte, ist nur eine Schicht. Daneben stehen Rechnungen, Reiseanmerkungen zur Englandfahrt, Zweifel an der Metaphysik, Beobachtungen des eigenen Körpers und des akademischen Betriebs. Lichtenberg verwendet das Wort Aphorismus, bezieht es aber nicht auf sein Verfahren.

Die Hefte A bis L – G und H und der größte Teil von K sind verloren – bilden keine Lehre. Sie enthalten den Physiker, der den Blitz ableitet und den Aberglauben verspottet; den Leser Shakespeares und der englischen Satire; den Mann, der Stechardt und später Margarethe Kellner liebt; den Aufklärer, der die Schwärmerei hasst und die Erfahrung über das System setzt. Viele Einträge sind witzig im Sinn der Aufklärung: sie zersetzen eine Phrase, indem sie sie wörtlich nehmen. Andere sind dunkel, hypochondrisch, fromm gegen die eigene Skepsis. Die Sudelbücher sind kein Tagebuch der Beichte und kein Laborjournal; sie sind beides ungetrennt, weil Lichtenberg die Trennung für eine Lüge der Buchhaltung hielt, die das Klitterbuch gerade nicht leistet.

Unsicher bleibt, was verloren ging und warum. Die Familie hat nach dem Tod Papiere gesperrt; der Bruder fürchtete den Anstoß, bevor er den literarischen Wert erkannte. Die Söhne schieden 1844 die Naturwissenschaft aus, weil sie dem Publikum und dem Stand der Fächer nicht mehr diene. Albert Leitzmann edierte textkritisch die »Aphorismen« und ließ die Physik weg; Promies ergänzte sie. Ob G und H vernichtet wurden, weil sie die Liebesverhältnisse berührten, ist Vermutung. Ulrich Joost hält es für unwahrscheinlich, gegeben die geistige Struktur der erhaltenen Hefte. Das Buch, das keines war, existiert also als editorische Entscheidung: Welche Schicht gilt als Werk? Lichtenberg hätte die Frage mit einer neuen Notiz beantwortet.

Einordnung

Ohne die Sudelbücher wäre Lichtenberg der Verfasser scharfer Rezensionen, populärer Vorlesungen und der Erklärung der Kupferstiche William Hogarths. Mit ihnen ist er der Begründer des deutschsprachigen Aphorismus, den Friedrich Nietzsche, Karl Kraus und die Moderne als Form der Wahrheit im Fragment lasen. Kurt Tucholsky nannte sein Notizbuch Sudelbuch; die Hefte stehen in der Zeit-Bibliothek der hundert Bücher. Die Germanistik hat lange nur den Witz gesehen und den Experimentalphysiker gestrichen. Albrecht Schönes Studie über die Lichtenbergschen Konjunktive hat beides wieder verbunden: Aufklärung aus dem Geist des Versuchs.

Neben Immanuel Kant, dem Zeitgenossen, den Lichtenberg respektierte und nicht nachahmte, stehen die Sudelbücher als die andere deutsche Spätaufklärung: nicht das System, das die Grenze zieht, sondern die Notiz, die sie prüft. Wer nur Anthologien kennt, verfehlt die Physik und die Wiederholung; wer nur die Handschriften kennt, verfehlt, dass der Bruder 1800 erst ein Publikum schuf. Die Hanser-Ausgabe von Promies bleibt die vollständige Leseausgabe; Joosts Faksimile der Noctes zeigt den Schmierprozess selbst. Das Sudelbuch ist keine Vorform des Werks. Es ist das Werk, das die Ordnung verweigert, um wahr zu bleiben.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.