Planet der Habenichtse
| Daten zum Buch | |
|---|---|
| Deutscher Titel: | Planet der Habenichtse |
| Autor(en): | Ursula K. Le Guin |
| Herausgeber: | |
| Erscheinungsort: | |
| Verlag: | Heyne |
| Serie: | |
| Erscheinungsjahr: | 1974 |
| Seitenanzahl: | 351 Seiten |
| Originaltitel: | The Dispossessed |
| Originalsprache: | englisch |
| ISBN-10: | 345303919X |
| ISBN-13/
EAN-Code: |
9783453039193 |
| Schlagwörter: | Anarres, Anarchie, Physik, Mauer |
| Sachgebiete: | Roman |
| Rezensionen | |
Planet der Habenichtse ist der 1974 erschienene Roman von Ursula K. Le Guin, im Original The Dispossessed mit dem Untertitel einer zweideutigen Utopie. Er gehört zum Hainish-Zyklus, spielt auf dem Doppelplaneten Urras und Anarres im System des Tau Ceti und hat den Hugo- und den Nebula-Preis gewonnen. Vor zweihundert Jahren sind Anarchisten nach einer gescheiterten Revolution auf den kargen Mond Anarres gezogen; Urras blieb die reiche, streitende Ursprungswelt. Spätere deutsche Ausgaben heißen Die Enteigneten oder Freie Geister; Bookpedia behält den Titel der ersten Heyne-Übersetzung von Gisela Stege. Der Roman ist keine Verherrlichung der herrschaftsfreien Siedlung, sondern ihre Prüfung.
Inhalt
Shevek, Physiker auf Anarres, arbeitet an einer allgemeinen Zeittheorie, die Überlichtwege denkbar machen würde. Auf dem Mond gilt Besitz als Unwort, Arbeit wird geteilt, Namen würfelt ein Rechner; trotzdem hat sich eine Bürokratie der öffentlichen Meinung festgesetzt, die Abweichung als Egoismus brandmarkt. Sheveks Arbeit gilt wenig, der Briefwechsel mit Gelehrten auf Urras als Verrat. Er verlässt Anarres als erster in Generationen und fliegt nach Urras, nackt im Sinn der Gründerin Odo: ohne Besitz, angewiesen auf andere. Die Kapitel wechseln: ungeradzahlige folgen der Reise nach Urras, geradzahlige holen Sheveks Leben auf Anarres nach, von der Kindheit in den Syndikaten über die Dürre, die den Anarchismus hungern lässt, bis zur Entfremdung von der Partnerin Takver.
Auf Urras, im kapitalistischen A-Io, wird Shevek hofiert, eingesperrt in Wohlstand, von Geheimdiensten umworben. Er sieht Armut hinter den Palästen, eine sozialistische Nachbarmacht, eine Militärdiktatur, den Streik, den man niederschlägt. Die Physiker wollen seine Theorie als Waffe und Ware. Shevek erkennt, dass er die Revolution nicht exportieren und Anarres nicht verraten kann, indem er sie verkauft. Er spricht zu den Unteren, flieht in die Botschaft der Erde und gibt die Gleichzeitigkeitstheorie frei, als Geschenk an alle Welten, nicht an einen Staat. Die Mauer, mit der der Roman einsetzt – auf Anarres um das Raumhafenfeld, das die Siedler von Urras trennt – erweist sich als Tür, die man von beiden Seiten verriegeln kann.
Zurückgedacht auf Anarres: Shevek gründet ein Syndikat der Initiative, weil die freie Zusammenarbeit der Gleichen zur Verwaltung erstarrt ist. Freunde werden zu Aufsehern der Sitte; wer allein denkt, gilt als Besitzer seiner Gedanken. Die Dürre zwingt zur Verteilung, und Verteilung erzeugt Macht. Takver und Shevek halten einander in einer Partnerschaft, die keine Ehe sein will und doch bindet. Der Roman endet nicht mit dem Sieg einer Seite. Shevek kehrt zurück, die Theorie ist unterwegs, Anarres bleibt arm und umkämpft. Die Schlusswendung sagt, die Umwälzung lasse sich nicht erwerben, man könne sie nur sein.
Einordnung
Le Guin hat die Utopie so geschrieben, dass sie ihre eigene Kritik enthält. Anarres ist herrschaftsfrei und karg, solidarisch und kleinlich, eine Gesellschaft ohne Geld und ohne leichtes Leben. Urras ist reich und ungerecht; die Ablehnung ist deutlicher, eine endgültige Wertung bleibt aus, ganz dem Untertitel gemäß. Die Mauer ist das zentrale Bild: Wer draußen steht, wer eingesperrt ist, wechselt mit der Blickrichtung. Neben The Left Hand of Darkness ist dies das Buch, in dem Le Guin Politik und Naturwissenschaft in einem Atem erzählt. David Graeber nannte es das beste Belletristikwerk über einen Anarchisten, das ihm bekannt sei.
In der DDR durfte der Band erscheinen, mit einem Nachwort, das Le Guin einen nichtautoritären Kommunismus bescheinigte. Die gekürzte erste deutsche Fassung hat spätere Übersetzerinnen nachgebessert; wer den Titel Planet der Habenichtse liest, liest oft noch Steges Ton. Gegen Huxleys Schöne neue Welt und gegen staatsfromme Zukunftsbilder setzt Le Guin eine Siedlung, die scheitert, indem sie gelingt, und gelingt, indem sie am Scheitern arbeitet. Wer Anarchie für Chaos hält, findet hier Küchen, Laboratorien und Warteschlangen. Wer sie für das Paradies hält, findet die Dürre und die Mauer.
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