Der Sowjetmensch
| Daten zum Buch | |
|---|---|
| Deutscher Titel: | Der Sowjetmensch |
| Autor(en): | Klaus Mehnert |
| Herausgeber: | |
| Erscheinungsort: | |
| Verlag: | Fischer Taschenbuch |
| Serie: | Fischer Bücherei |
| Erscheinungsjahr: | 1958 |
| Seitenanzahl: | 394 Seiten |
| Originaltitel: | - |
| Originalsprache: | deutsch |
| ISBN-10: | 3550060878 |
| ISBN-13/
EAN-Code: |
9783550060878 |
| Schlagwörter: | Sowjetunion, Alltag, Volk, System |
| Sachgebiete: | Sachbuch, Zeitdiagnose |
| Rezensionen | |
Der Sowjetmensch. Versuch eines Porträts nach zwölf Reisen in die Sowjetunion 1929–1957 ist das 1958 in der Deutschen Verlags-Anstalt erschienene Sachbuch des Journalisten und Politikwissenschaftlers Klaus Mehnert. Spätere Auflagen zählen dreizehn Reisen bis 1959; die Fischer Bücherei und Ullstein trugen den Text in hohe Auflagen. Mehnert, in Moskau aufgewachsen und akzentfrei russisch sprechend, verbindet Abneigung gegen das Sowjetsystem mit Zuneigung zu den unter ihm lebenden Menschen. Das Buch prägte das westdeutsche Bild vom Leben jenseits der Blockgrenze und wurde zum Bestseller der Nachkriegsliteratur über die Sowjetunion. Innerhalb von drei Jahren erreichte die Auflage eine halbe Million.
Inhalt
Mehnert schreibt gegen zwei Klischees: den Sowjetmenschen als fertiges Produkt der Indoktrination und den Russen als brutalen Trinker ohne Gesicht. Die Kernthese lautet, dass die Völker der Union sich trotz staatlicher Zurichtung nicht vollständig bolschewisierten. Er unterscheidet den menschlichen Aspekt der sowjetischen Völker vom sozialistischen Aspekt des Sowjetmenschen. Das System gleiche einer Zwangsjacke, unter der ein gutmütiger Volkscharakter fortbestehe. In Abwandlung eines Stalin-Wortes über Deutsche und Hitler heißt es: Die Völker bleiben, die Stalins kommen und gehen. Systemkritik und Völkerverständigung schließen sich für Mehnert nicht aus. Die Widmung gilt der Mutter, die ihn das Russische sprechen und die Russen lieben lehrte.
Die Behauptung entfaltet sich in vier Feldern. Im Privaten sei es dem Staat nicht gelungen, das Familienleben ganz auf den sozialistischen Aufbau umzuleiten. In der Wirtschaft wichen Plan und Ideal voneinander: Boni erzeugten niedrige Sollwerte und Masse statt Güte; informelle Netze umgingen Engpässe; Wohlstand schuf Distinktion, Erbrecht und Leistungslohn wiesen auf eine bürgerliche Epoche seit Stalin. Bildung beruhte auf mechanischem Auswendiglernen; religiöse Bedürfnisse überlebten in Zugeständnissen wie dem Neujahrsbaum. Zum Staat herrschten Fatalismus und Autoritätsglaube, bei Unterscheidung der Loyalität zum Vaterland von der zum Staat. Methodisch zählt das Gespräch in Zug und Flugzeug mehr als die Statistik; Literatur, Malerei und Theater werden als Spiegel gelesen, Verlautbarungen zwischen den Zeilen.
Unsicher wird das Porträt, wo die Lager lückenhaft bleiben. Mehnert wusste zur Zeit der Niederschrift wenig vom Gulag und schätzte dessen Wirkung teilweise falsch; aus vagen Andeutungen reisender Russen war die Psyche der Häftlinge kaum zu erschließen. Otto Köhler warf ihm vor, deutsch-russische Gemeinsamkeit in schweren Zeiten zu betonen, um die eigene Vergangenheit im Nationalsozialismus zu beschönigen. Die sowjetische Presse beschimpfte den Autor; eine winzige, nicht öffentliche Auflage erschien in der Union. Mehnert notierte, man hätte ihm weniger übel genommen, hätte er den Sowjetmenschen als Kommunisten gehasst; dass er ihn mochte, weil er keiner geworden sei, traf die These vom neuen Menschen. Die Gegenposition ist jede Totalitarismustheorie, die Charakter und System kurzschließt.
Einordnung
Ulrich Schmid hat gefragt, wie bolschewistisch der Sowjetmensch sei, und Mehnert als Erkunder der russischen Mentalität gelesen. Die Zeitschrift Annales lobte minutiöse, strenge Beobachtung bei angenehmem Stil. Das Buch gehört zur westdeutschen Russlandkunde der Tauwetterzeit und zur publizistischen Vermittlung, die den Gegner menschlich machte, ohne das Regime zu entlasten. Lizenzausgaben erschienen unter anderem in Frankreich, den Vereinigten Staaten, Japan, Spanien und Brasilien. Es bleibt ein Dokument des westlichen Blicks, kein Archiv der Opfer.
Das Missverständnis ist, hier Neutralität oder Propaganda zu erwarten. Mehnert wollte objektiv sein und war es nicht gegenüber dem totalitären System. Geblieben ist die Trennung von Volk und Herrschaft als moralische und methodische Entscheidung. Wer nach 1958 über den sowjetischen Alltag und die Grenzen der Formung durch Partei sprach, sprach in der Nachbarschaft dieses Porträts, auch wo die Lagerforschung es seither korrigiert hat.
Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler gehören auf die Diskussionsseite und sind willkommen.
