Das Philosophenschiff

Michael Köhlmeier · 2024 · Roman


Das Werk
Deutscher Titel: Das Philosophenschiff
Autor(en): Michael Köhlmeier
Originaltitel: Das Philosophenschiff
Originalsprache: deutsch
Erstveröffentlichung: 2024
Schlagwörter: Exil, Lenin, Erinnerung, Macht
Sachgebiete: Roman
Greifbare Ausgabe
Verlag: dtv


Umfang dieser Ausgabe: 224 Seiten
ISBN: 9783423149440
Verweise


Das Philosophenschiff ist der 2024 bei Hanser erschienene Roman von Michael Köhlmeier. Eine hundertjährige Architektin bittet einen Schriftsteller, ihr Leben zu erzählen, und rückt eine Überfahrt von 1922 in die Mitte: die Ausweisung russischer Intellektueller auf den sogenannten Philosophenschiffen, mit denen Lenin unbequeme Köpfe außer Landes schaffte. Köhlmeier mischt belegte Namen mit erfundener Biographie und lässt auf dem Dampfer den gelähmten Lenin auftreten, den die Geschichte so nicht an Bord hatte. Das Buch schließt an Köhlmeiers Kunst an, Geschichte nur als Geschichten von Menschen zu erzählen. Die dtv-Taschenbuchausgabe hält den schmalen Umfang der Erstausgabe.

Inhalt

Im Mai 2008 wird der Erzähler, ein Schriftsteller namens Michael mit Frau in Vorarlberg, zum hundertsten Geburtstag der Architekturprofessorin Anouk Perleman-Jacob ins Palais Eschenbach in Wien geladen. Am Tag darauf beauftragt sie ihn mit einem Roman über ihr Leben. Zwei Biographien gibt es schon: geboren 1908 in Sankt Petersburg als Tochter eines Architekturprofessors und einer Vogelkundlerin, Kindheit unter anderem in Paris, 1922 Verbannung, neun Jahre Berlin, Selbstmord der Eltern 1931, Studium, Professur, Arbeitersiedlungen in Europa und später in Amerika, Ausweisung aus Texas, weil eine Studentin einer linksradikalen amerikanischen Untergrundgruppe nahestand. Das neue Buch soll persönlicher sein. Anouk empfängt den Schreiber in Hietzing und erzählt, weicht ab, verweigert Antworten, stellt die eigene Erinnerung in Frage.

Die Binnenhandlung von 1922: Die Familie Perleman wird ohne genaue Begründung an Bord eines für Tausende gebauten Luxusdampfers gebracht, auf das Zwischendeck beschränkt, von unsichtbarer Mannschaft versorgt. Die vierzehnjährige Anouk, ein romantischer Balg, wie sie später sagt, liebt den Dichter Leonid Kannegiesser, der den Geheimdienstchef Urizki erschossen hat und hingerichtet wurde; die Romantik wird ihr abgewöhnt. Nach einem Tag liegt das Schiff im Finnischen Meerbusen. Ein Kutter bringt einen kranken Mann im Rollstuhl. Anouk klettert nach oben und trifft Lenin, halbseitig gelähmt nach dem Attentat. In mehreren Nächten spricht er mit dem Mädchen über Macht: Es gebe nur die Macht zu töten, alles andere leite sich davon ab. Sie verschweigt, was sie denkt, weil sie sich in seiner Hand fühlt.

Ein zweiter Kutter bringt den Nachfolger. Anouk sieht, wie der Neue Lenin vorhält, das Volk falsch eingeschätzt zu haben: Die Millionen liehen ihm die Fäuste und die Freiheit, er nehme die Bürde und tue Schreckliches in ihrem Namen. Er küsst den Kranken auf die Stirn; ein Mann stößt Lenin mit dem Stuhl ins Wasser. Dazwischen recherchiert Michael in der Staatsbibliothek, spricht mit Anouks Freundin Alice Winegard und hört die eigene Erinnerung an einen Kommilitonen, den die K-Gruppen fast im Wald erschossen hätten. Anouk sagt, er sei der, dem man glaube, wenn er lüge, und nicht glaube, wenn er die Wahrheit sage. Sie will kein Lenin-Buch, sie will ein Buch über sich, und keine Ausdeutung.

Einordnung

Die Philosophenschiffe hat es gegeben, Oberbürgermeister Haken und Preußen; Gumiljow, Sawinkow, Kannegiesser sind historische Tote. Lenin starb 1924 in Gorki, nicht über Bord im Finnischen Meerbusen. Köhlmeier nennt das Verfahren poetische Wahrheit: Man kann Geschichte nicht als solche erzählen. Die Figur der Architektin trägt Züge Margarete Schütte-Lihotzkys, ohne sie abzubilden. Das Feuilleton hat das Buch als Jahrhundertroman, Abgesang auf die Autofiktion und Linie zu Putin gelesen; einzelne Stimmen fanden den anekdotischen Plauderton zu reich. Die Schiffmetapher öffnet Totenschiff und Arche zugleich.

Gegenüber dokumentarischer Exilliteratur ist Köhlmeier der Fabulierer, den Anouk extra bestellt. Der Erzähler trägt den Vornamen des Autors und bleibt Figur. Wer nur die historische Belehrung sucht, stolpert über den Rollstuhl auf See; wer nur das Märchen sucht, verfehlt die Tscheka und die Gedichte, in denen die Geheimpolizei Verschwörungen liest. Das Buch ist kurz und weit. Es handelt von der Macht, die sich die Fäuste leiht, und von einer Frau, die mit hundert Jahren noch bestimmt, welche Lüge über sie wahr sein darf. Die dtv-Ausgabe macht den Hanser-Text greifbar, ohne ihn zu strecken.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler sind willkommen.

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