Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhaltens

Howard S. Becker · 1963 · Sachbuch, Soziologie


Das Werk
Deutscher Titel: Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhaltens
Autor(en): Howard S. Becker
Originaltitel: Outsiders. Studies in the Sociology of Deviance
Originalsprache: englisch
Erstveröffentlichung: 1963
Schlagwörter: Abweichung, Etikett, Karriere, Moralunternehmer
Sachgebiete: Sachbuch, Soziologie
Greifbare Ausgabe
Verlag: Springer VS


Umfang dieser Ausgabe: 203 Seiten
ISBN: 9783658012533
Verweise


Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhaltens (englisch Outsiders. Studies in the Sociology of Deviance) ist das 1963 bei der Free Press in New York erschienene Hauptwerk von Howard S. Becker. Die deutsche Übersetzung kam 1973 bei S. Fischer heraus; seit 2014 ist die von Michael Dellwing überarbeitete Fassung bei Springer VS greifbar. Becker verschiebt den Blick: nicht die Tat und nicht die Seele des Täters stehen im Mittelpunkt, sondern die gesellschaftliche Bezeichnung, die aus einer Handlung Abweichung macht. Das Buch gilt als klassischer Beitrag zum Etikettierungsansatz, als Schlüsseltext der kritischen Kriminologie und, in den Kapiteln über Marihuana, als frühe sozialwissenschaftliche Suchtforschung. Es ist aus Aufsätzen der fünfziger Jahre und aus Beckers Masterarbeit von 1949 zusammengewachsen.

Inhalt

Becker schreibt gegen die Frage, warum jemand abweichend »ist«, als läge die Abweichung in ihm wie eine Eigenschaft. Der vielzitierte Satz lautet: abweichendes Verhalten ist Verhalten, das Menschen als solches bezeichnen; der Abweichende ist der, auf den diese Bezeichnung erfolgreich angewandt worden ist. Die Zuschreibung geschieht nicht automatisch. Wer eine Regel bricht, wird nicht immer so behandelt; wer keine bricht, kann dennoch als Täter gelten. Das Ansehen der Person entscheidet mit: Verstöße von Jungen aus bürgerlichen Vierteln werden milder verfolgt als dieselben Taten aus Armenvierteln; Untaten von Unternehmen wandern oft ins Zivilrecht, dieselben Taten eines Einzelnen ins Strafrecht. Abweichung liegt also nicht in der Handlung, sondern in der Wechselwirkung zwischen dem, der handelt, und denen, die darauf antworten.

Die Behauptung entfaltet sich an abweichenden Karrieren, einem Stufenmodell, das Becker von seinem Lehrer Everett C. Hughes aus der Berufssoziologie übernimmt. Er fragt nicht, warum jemand Marihuana raucht, sondern wie man es lernt. Zuerst muss die Technik da sein, dann die Fähigkeit, die Wirkung wahrzunehmen, dann die Umdeutung, sie zu genießen: Schwindel, Durst und verschätzte Zeit sind nicht von selbst lustvoll. Ohne erfahrene andere kommt man weder an die Substanz noch an die Deutung. Jede Stufe kann abbrechen, und die abweichende Identität ist nicht angeboren. An den Livemusikern, zu denen Becker als Klavierspieler selbst gehörte, zeigt er eine Gruppe, die gesetzestreu bleibt, als absonderlich gilt und die Nichtmusiker Spießer nennt, womit sie das Etikett umkehrt. Auf der anderen Seite stehen die Moralunternehmer: Leute, die eine neue Regel zum Gesetz machen wollen, oft im Geist eines moralischen Kreuzzugs. Sind sie erfolgreich, müssen Polizei und Justiz eine Norm durchsetzen, die sie selbst nicht erfunden haben und nicht teilen müssen.

Unsicher wird das Buch an der Tabelle, die konformes und regelbrüchiges Verhalten von der öffentlichen Bezeichnung trennt und eine »geheime Abweichung« zulässt. Wenn Abweichung erst durch das Etikett entsteht, kann es keine geheime geben. Becker hat später den Begriff der potentiellen Abweichung nachgeschoben und betont, ihm sei es um die logische Unabhängigkeit von Handlung und Urteil gegangen. Kritiker der kritischen Kriminologie sahen darin keinen Bruch mit der älteren Ursachenlehre, weil ein Maßstab jenseits der Bezeichnung vorausgesetzt bleibe. Becker selbst hat das Feld bald verlassen und gesagt, er sei kein Kriminologe. Der Ton ist der der Chicagoer Feldforschung: nah an den Befragten, misstrauisch gegen Gerichtsakten, bereit, die Wirklichkeit der Untersuchten darzustellen, statt ein vermeintlich unparteiisches Bild der Gesellschaft.

Einordnung

Außenseiter steht in den Hauptwerken der Soziologie und hat die Rede vom Etikett weit über die Kriminologie hinaus getragen. David Matza las darin eine überfällige Häresie; andere hielten die Typologie für inkonsequent. Alice Goffman hat später beschrieben, wie schon das Etikett des Gesuchten weitere Straftaten nach sich zieht, und sich ausdrücklich auf Becker bezogen. Das Buch gehört neben die Studien über abweichende Jugendgruppen und neben die Arbeiten über symbolische Kreuzzüge der Abstinenzbewegung, von denen Becker den Ton der Moralunternehmer entlehnt.

Geblieben ist der Satz, dass Abweichung eine erfolgreiche Bezeichnung ist, kein Wesenszug. Wer über Drogen, Jugendkriminalität oder die Macht derer spricht, die Regeln setzen, spricht hinter diesem Buch oder gegen es. Die deutsche Neuausgabe hat die nachträglichen Betrachtungen von 1973, die der amerikanischen Zweitauflage folgen, von Anfang an mitgeführt. Becker wandte sich der Kunstsoziologie zu; der Außenseiter blieb das Buch, das man zitiert, wenn man die Tat nicht mehr in der Seele sucht.

Wie dieser Artikel entstanden ist: Den Text hat ein KI-Sprachmodell verfasst (Grok 4.6, xAI). Werkauswahl, Ausgabendaten und Redaktion entstanden in Zusammenarbeit mit Denis Diderot; er liest und prüft jeden Artikel auch nach der Veröffentlichung. Hinweise auf Fehler sind willkommen.

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